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von Prof. Dr. Nikolaus Knoepffler

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: Das ist die Selbsttötung. Zu urteilen, dass das Leben wert oder keineswegs wert ist, gelebt zu werden, das heißt die fundamentale Frage der Philosophie zu beantworten.“ 

Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos 

1 Ausgangspunkt 

In seinem Urteil vom 26. Februar 2020 hat das deutsche Bundesverfassungsgericht das vom Bundestag 2015 verabschiedete Gesetz zur Beihilfe zur Selbsttötung für verfassungswidrig und nichtig erklärt. Dahinter steht die wesentliche Überzeugung, dass die Menschenwürde im Verständnis des Grundgesetzes Freiheitsspielräume eröffnet, die sogar die Selbstbestimmung über den eigenen Tod in der Weise einschließt, dass Hilfe Dritter in Anspruch genommen werden darf. 

Dieses Urteil ergibt sich aus der Innovation des Würdeverständnisses im bundesdeutschen Grundgesetz im Unterschied zum christlichen und kantischen Würdeverständnis. 

2 Grundlegende Überlegungen zu Würde und Autonomie

Im Christentum ist die Würde des Menschen von Gott verliehen. Während der Mensch diese unbedingt anzuerkennen hat, ist es Gottes völlig freie Entscheidung, den Menschen in dieser Weise wertzuschätzen. Der eigentliche Sinn menschlicher Würde besteht darum auch in der Verherrlichung Gottes durch den eigenen Lebensvollzug. Darin sind alle Menschen gleich, dass sie daraufhin geschaffen und erlöst sind, Gott die Ehre zu geben bzw., was dasselbe ist, Gott mit allen Kräften zu lieben und den Nächsten wie sich selbst, und so ewiges Leben in der Gemeinschaft Gottes geschenkt zu bekommen. Diese fundamentale Gleichheit impliziert innerweltlich nicht notwendig eine Gleichheit im Staatsgefüge, weswegen im Lauf der Kirchengeschichte ganz unterschiedliche Gesellschaftsformen theologisch verteidigt wurden, vom Gottesgnadentum des absoluten Monarchen bis hin zu vielfältigen Formen demokratischer Staatswesen. Auch die kirchlichen Strukturen sind je nach Konfession teils – in politischer Nomenklatur – eine absolute Wahlmonarchie, so das Papsttum, oder synodal-demokratisch, so viele evangelische Kirchenverfassungen. Die Hochachtung der Armen und Kleinen in der Gesellschaft ist ein Wesensmerkmal des christlichen Würdeverständnisses, weswegen das Christentum gerade auch für die unteren Schichten der Gesellschaft trotz fehlenden Engagements zur Ablehnung der Sklaverei attraktiv war.

Würde ist darum im Christentum nicht nur Gabe Gottes, sondern zugleich Aufgabe. Der Christ bleibt verpflichtet, nicht irgendwie seine Freiheit zu leben, sondern sie als Christ in der Nachfolge Jesu zu realisieren. Aber nicht nur die eigenen Gläubigen haben an der kirchlichen Botschaft Maß zu nehmen, sondern die Kirchen versuchen, ihren Überzeugungen in der Gesellschaft bis hinein in die Gesetzgebung Gewicht zu verleihen. Bis heute engagieren sich Christen in vielen Staaten politisch und versuchen, ihrem Freiheitsverständnis Gewicht und Gesetzeskraft zu geben. Dies gilt gerade in der Frage der Suizidassistenz. So gibt es nach christlicher Morallehre Pflichten gegen sich selbst, beispielsweise das Verbot des Suizids als einer Handlung, in der derjenige, der sich selbst tötet, gegen seine eigene Würde verstößt, worauf ausführlicher einzugehen sein wird.

Die kantische Konzeption steht dem christlichen Verständnis in mehrfacher Hinsicht nah. So kennt auch Kant Pflichten gegen sich selbst und verurteilt beispielsweise auf das Schärfste die Selbsttötung. Das Recht, sich das eigene Leben zu nehmen, kann es nach seiner Überzeugung nicht geben. Im Unterschied zum Christentum verliert die menschliche Freiheit jedoch ihren göttlichen Bezug. Es geht nicht mehr darum, Gott zu lieben und zu ehren. Vielmehr ist Freiheit bei Kant als transzendentale Freiheit ausgewiesen, also als eine Freiheit, die gerade nicht die individuelle Freiheit des Einzelnen ist, sondern die transsubjektive Freiheit, die jedes Lebewesen realisiert, das praktische Vernunft besitzt. Es ist die Freiheit als Autonomie, also sich selbst das moralische Gesetz zu geben (autos = selbst, nomos = Gesetz), das besagt, so zu handeln, dass die Maxime des Handels ein ausnahmslos gültiges Gesetz sein könnte. Dieses Gesetz gilt absolut, und deshalb verlangt auch die Menschenwürde absolute Geltung, weil die Würde des Menschen darin besteht, der Menschheit die Ehre zu geben. Dies ist Kants praktische kopernikanische Wende, weil er an die Stelle Gottes die Menschheit setzt: Alles zu Ehren der Menschheit. Selbsttötung und Assistenz bei der Selbsttötung verletzen jedoch diesen Grundsatz.

Das Grundgesetz ist aus der Menschheitserfahrung der schrecklichen Verbrechen nationalsozialistischer Zwangsherrschaft entstanden. Deshalb hat sich das deutsche Volk im Grundgesetz im ersten Artikel ausdrücklich zur Menschenwürde bekannt. Sie ist nicht an Verdienste oder die Erfüllung bestimmter Pflichten gebunden, sondern kommt gerade bedingungslos zu, damit der Einzelne die Freiheit hat, seine eigene Lebensgeschichte zu schreiben bzw. seine Persönlichkeit zu entfalten. Darum ist sie auch nicht verlierbar. Die Würde hat hier eine in gewissem Sinn emphatische Bedeutung: Jeder Mensch gilt als gleicher und als Subjekt im Gegensatz zu jeder Ideologie, in der Menschen rassistisch als ungleich kategorisiert werden und auch der Einzelne für bestimmte Zwecke geopfert und so in seinem Subjektstatus missachtet werden darf.

Dies ist keine bloße Annahme, sondern eine aufgrund geschichtlicher Ereignisse als Evidenz geborene gemeinsame Überzeugung: Unsere Rechtsgemeinschaft muss alle geborenen Menschen umschließen. Damit ist ein solches Verständnis von Würde eine echte Innovation gegenüber Christentum und kantischer Philosophie, und dies in dreifacher Hinsicht:

1. Nicht mehr ist wie im Christentum das Geschaffensein durch Gott und Gottes Beziehung mit uns der Grund der Würde, nicht mehr ist wie bei Kant die Fähigkeit des Menschen als homo noumenon zur Selbstgesetzgebung (Autonomie) der Grund der Würde, sondern unsere aus Erfahrung gewonnene Einsicht, was es bedeutet, wenn Menschen aus der menschlichen Rechtsgemeinschaft ausgegrenzt und entwürdigt werden.

2. Diese Würde kann nicht mehr wie noch bei Thomas von Aquin oder Kant in dem Sinn verloren gehen, dass ein Mensch den Tod verdient, der sich unwürdig verhält, sondern selbst der Verbrecher behält seine Würde und hat einen Anspruch auf Achtung. Er darf nicht wie ein wildes Tier behandelt werden. Wenn die Presse manchmal Menschen als „Bestie“ charakterisiert, so verliert sie genau dies aus dem Blick. Sie hat das Gespür verloren, worin eine zweite wesentliche Innovation des Menschenwürdeprinzips im Sinn des Grundgesetzes besteht: Selbst der Mensch, der sich bestialisch aufführt, verdient die Achtung seiner Würde als Mensch. Ihm kommt trotz bestialischer Taten weiterhin die Menschenwürde zu.

3. Nicht mehr bedingt die Menschenwürde Pflichten gegen sich selbst, sodass der Einzelne seine eigene Würde verletzen kann, wie das Christentum und Kant lehren, sondern unsere Pflichten ergeben sich aus der Menschenwürde der anderen. Der Achtung und dem Schutz ihrer Würde sind wir verpflichtet, damit alle Menschen die Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben und auch, wie das Bundesverfassungsgericht festgestellt hat, zum Sterben haben.

Es sind diese drei zentralen Punkte, in denen sich das Prinzip der Menschenwürde im Grundgesetz vom christlichen und kantischen Menschenwürdeverständnis bei aller sonst bleibenden Ähnlichkeit ganz wesentlich unterscheiden. Dazu kommt: Im Grundgesetz ist das Prinzip der Menschenwürde zudem rechtsverbindliches Konstitutionsprinzip der bundesdeutschen Verfassung, also eines Einzelstaats.

3 Die Frage des assistierten Suizids

Das auslegungsbefugte Bundesverfassungsgericht hat das Grundgesetz, wie eingangs beschrieben, so interpretiert, dass der einzelne Staatsbürger sogar das Grundrecht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen und dabei die Hilfe eines anderen in Anspruch nehmen darf, wenn die betreffende Person einwilligt. Darum hat das Gericht auch das nach heftigen Debatten im deutschen Bundestag im Herbst 2015 verabschiedete Gesetz für nichtig erklärt. Dieses Gesetz verbot die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung, wobei „geschäftsmäßig“ gerade nicht „kommerziell“ bedeutet, sondern „eine auf Wiederholung angelegte Handlung“.

 In der Praxis jedoch bedeutete das Gesetz zwar weitgehende Rechtssicherheit für Angehörige, dagegen blieb die Assistenz für Ärzteschaft, Pflegekräfte sowie Apothekerinnen und Apotheker praktisch verboten. Wie sollten sie auch nachweisen, dass ihre Beihilfe einmalig gewesen ist. Damit konnte man ihnen faktisch immer unterstellen, ihre Handlung wäre, wenn ein vergleichbarer Fall sich wiederholen würde, auf Wiederholung angelegt. Man konnte ihnen also immer „Geschäftsmäßigkeit“ unterstellen, denn wie sollte eine Ärztin oder ein Arzt, der Suizidassistenz leistete, auf eine Anzeige hin, nachweisen, dass sie bzw. er es nur dieses eine Mal tat. 

Das Bundesverfassungsgericht hat im Februar 2020 dieses Gesetz für nichtig erklärt. Ausdrücklich heißt es im 2. Satz des Urteils: „§ 217 des Strafgesetzbuches in der Fassung des Gesetzes zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung vom 3. Dezember 2015 (Bundesgesetzblatt I Seite 2177) […] ist mit dem Grundgesetz unvereinbar und nichtig.“  

Wie kam das Gericht zu diesem Urteil? Es kam dazu, weil nach seiner Ansicht das Strafgesetz entgegen seinem Buchstaben faktisch die Suizidassistenz unmöglich machte. Das Gericht begründete sein Urteil grundlegend bereits in seinem ersten Leitsatz mit dem „Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben“. Dieses Recht ist „Ausdruck persönlicher Autonomie“ und „umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen. 

Dieses Urteil geht in seinen Konsequenzen weit über die Sterbehilfedebatte hinaus, bei der es bisher um Menschen ging, die aufgrund einer tödlichen Krankheit eine Suizidassistenz nachsuchten. Jedem Menschen, der in freier Entscheidung aus dem Leben scheiden möchte, darf nach diesem Urteil nicht verwehrt werden, Hilfe bei Dritten zu suchen. Freilich ist dafür die Freiheit dieses Entschlusses der Betroffenen abzusichern. Damit stellt sich das Bundesverfassungsgericht, wie es auch in seinem Urteil bestätigt, ausdrücklich gegen religiöse und weltanschauliche Positionen, die Selbsttötung und damit auch die Beihilfe zur Selbsttötung als unmoralische Akte verbieten wollen, also gegen die kantische und gegen die klassische christliche Bewertung von Suizid und Suizidassistenz. 

Im Oktober 2019 unterschrieben Vertreter des Vatikans, das Großrabbinat von Jerusalem und eine indonesische muslimische Organisation eine entsprechende Erklärung: „Euthanasie und ärztlich begleiteter Selbstmord sind von Natur aus und als Folge moralisch und religiös falsch und sollten ohne Ausnahme verboten werden.“  In ihrem Brief Samaritanus Bonus hat die Glaubenskongregation der katholischen Kirche 2020, auch als Reaktion auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, aber auch als Reaktion auf Entscheidungen in anderen Staaten, ausdrücklich betont, dass „diejenigen, die Gesetzen zustimmen, die […] Beihilfe zum Suizid erlauben, Komplizen einer schweren Sünde werden, die andere ausführen werden.“ Hintergrund ist die Überzeugung, wonach die Selbsttötung eine schwere Sünde ist. 

Allerdings ist diese religiöse Sicht selbst unter Theologen nicht mehr unumstritten. So verteidigt beispielsweise der evangelische Bischof der Hannoverschen Landeskirche Meister das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wenn er sagt:  

„Als Christ sage ich: Die Gabe Gottes, nämlich mein Leben, hat er in meine Verantwortung gelegt. Diese Verantwortung währt bis zum letzten Atemzug. Und da ich an das ewige Leben glaube, habe ich auch die Rechtfertigung, den Zeitpunkt und die Art und Weise, wie ich sterbe, mitzugestalten.“ 

Auch der katholische Moraltheologe Stephan Goertz scheint das Urteil des Bundesverfassungsgerichts mit christlichen Grundüberzeugungen als kompatibel anzusehen: „Ich bin in gewisser Weise skeptisch, ob das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Kern seines Freiheitsverständnisses wirklich so unchristlich ist“, da „die Debatte um die Gebote christlicher Ethik keine abgeschlossene“ ist.  

Vor dem Hintergrund, dass in manchen Fällen bei sterbenden Krebspatienten eine Schmerztherapie nicht den gewünschten Erfolg hat, kann man darum in diesen Fällen eine Selbsttötung auch als eine Tat der Eigenliebe deuten. Kommt hinzu, dass diese Tat auch für die Nahestehenden eine Erleichterung bringen mag und Ressourcen nicht beansprucht, deren bleibende Verfügbarkeit anderen Menschen zugutekommt, dann kann diese Tat auch als Tat der Nächstenliebe gedeutet werden. Umgekehrt könnte es sein, dass Patienten sich aus derartigen Erwägungen dazu gedrängt fühlen könnten, sich das Leben zu nehmen. Genau dies hat das Gericht ebenfalls im Blick, weil es eine schützende Rahmenordnung anmahnt. 

Ordnungsethisch entscheidend ist also in einem säkularen Staat, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass niemand aus dem Leben gedrängt wird, also wirklich die Selbstbestimmung der betroffenen Person entscheidend ist, da es ja um Leben und Tod geht. Auch geht es darum, dass nicht der Schutz des Lebens durch eine neue Praxis mehr und mehr erodiert. 

Dies ist gerade vor dem Hintergrund des Bundesverfassungsgerichtsurteils von großer Bedeutung, weil dieses Urteil nicht nur Schwerkranken, sondern allen Menschen ein mit der Menschenwürde verbundenes Recht auf den eigenen Tod attestiert. Sollte dann eine Ärztin oder ein Arzt auch einem jungen Menschen, der an Liebeskummer leidet und deshalb sterben möchte Beihilf zum Suizid leisten? Sollte sie bzw. er dem Wunsch nach Beihilfe Folge leisten, wenn dieser reflektiert von einem 78-Jährigen formuliert wird? Hier wäre sehr sorgfältig darauf zu achten, ob der Wille der Betroffenen sich an ihren momentanen oder an ihren fundamentalen Interessen orientiert, ob der Wille also der wirkliche Wille der betroffenen Person ist oder nur einer momentanen Stimmung entspricht. Ein Beispiel, um zu verstehen, warum ein momentanes Interesse nicht einem fundamentalen Interesse gleichzusetzen ist und warum eine momentane Willensäußerung nicht mit echter Selbstbestimmung identisch sein muss, bietet die Erzählung von Odysseus am Mastbaum. Odysseus lässt sich von den Gefährten fesseln, als sie mit ihrem Schiff das Gebiet der Sirenen durchfahren. Die Gefährten haben ihre Ohren mit Wachs verstopft und den Befehl erhalten, die folgende Zeit keinen Befehl von Odysseus zu befolgen, sondern einfach weiterzufahren. Odysseus lauscht dem verlockenden Gesang dieser gefährlichen Wesen, die jeden Menschen vernichten, der ihrem Ruf nachkommt. Odysseus bittet eindringlich die Gefährten, ihn loszubinden und anzuhalten, doch die Gefährten folgen nicht diesem für Odysseus tödlichen momentanen Wunsch, sondern respektieren seinen fundamentalen Wunsch, den er vor Beginn dieser Etappe benannt hat. Von hier aus wird auch verständlich, warum in der Debatte um die Sterbehilfe von Freiwilligkeit nur dann gesprochen werden kann, wenn sie im fundamentalen Interesse des betroffenen Menschen ist, seinem eigentlichen, dauerhaften Willen entspricht. Freilich gibt es eine heftige Diskussion, wann dies der Fall ist, da hier die Gefahr eines wohlmeinenden Paternalismus besteht. 

In gewisser Weise hat der wegen seiner Treue zur römischen Kirche hingerichtete Humanist und spätere Lordkanzler Thomas Morus (1473-1535), der 1935 heiliggesprochen wurde, in seinem Werk Utopia bereits in Anlehnung an Platons Vorschlag in seinem Werk Nomoi Leitlinien entworfen, die eine Richtung weisen könnten. In vorsichtiger Weise formuliert er dabei seine Aussagen nicht als eigene Aussagen, sondern als Beschreibungen eines Berichterstatters, der eine heidnische Insel besuchte, modern gesprochen, eine Insel, in der die Regelungen weltanschaulich und religiös neutral gehalten sind. Der Berichterstatter, Rafael (der Name bedeutet wörtlich übersetzt: Gott heilt) erzählt hierbei: 

„Die Kranken pflegen sie, wie ich sagte, mit großer Hingebung, und sie tun alles, um ihnen die Gesundheit zurückzugeben […]. Ist aber die Krankheit nicht nur aussichtslos, sondern dazu noch dauernd schmerzhaft und qualvoll, dann geben die Priester und die Behörden dem Patienten zu bedenken, dass er […] sich selber lästig, nachgerade ein lebender Leichnam sei, und ermahnen ihn, nicht länger den Todeswurm in seinem Leibe zu füttern. Da das Leben für ihn eine Qual sei, solle er nicht zögern zu sterben […]. Wer sich dazu überreden lässt, beendet sein Leben entweder durch freiwilligen Verzicht auf Nahrung oder lässt sich betäuben und geht so von hinnen, ohne es zu merken. Gegen seinen Willen aber bringen die Utopier niemanden ums Leben; auch lassen sie es keinem trotz seiner Weigerung, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, an irgendeinem Liebesdienst fehlen.“ 

Der entscheidende Punkt in dieser Darstellung ist die Beschreibung der Rahmenordnung, die verhindert, dass jemand gegen seinen Willen aus dem Leben gedrängt wird. Ob manche der Ideen von Morus heute angemessen wären, braucht nicht diskutiert zu werden. Vielmehr muss das Ziel darin bestehen, eine Rahmenordnung zu schaffen, die den Lebensschutz „dammbruchsicher“ macht. Wenn Reiner Anselm, der Vorsitzende der Kammer für öffentliche Verantwortung der evangelischen Kirche in Deutschland, zusammen mit anderen Verantwortlichen wie dem Präsidenten der Diakonie Ulrich Lilie in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vorschlägt, dass die Suizidassistenz auch in kirchlichen Krankenhäusern und Heimen möglich sein solle, so steht dahinter wohl genau diese Absicht: Es soll verhindert werden, dass Assistenz bei der Selbsttötung in die falschen Hände gerät und sich dadurch möglicherweise Menschen aus dem Leben drängen lassen, die eigentlich noch hätten leben wollen. Kirchliche Einrichtungen sind nämlich aufgrund ihrer Ehrfurcht vor menschlichem Leben vermutlich am besten geeignet zu verhindern, dass der Lebensschutz nach und nach geschwächt wird. 

Zum Autor: 

Prof. Dr. phil., Dr. theol., Dr. rer. publ. Nikolaus Knoepffler ist Professor für Angewandte Ethik und Leiter des Ethikzentrums der Universität Jena. 

Würde, Autonomie und die Frage des assistierten Suizids

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