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von Elmar Nass

Nach der am 1.11.2012 in Kraft getretenen Entscheidungslösung ist in Deutschland die Zahl der Organspender weiter zurückgegangen, vor allem bedingt durch Skandale im Umgang mit Spenderorganen. Gesundheitsminister Jens Spahn will nun in Deutschland als Ausweg aus dem Dilemma des Organmangels die Widerspruchslösung einführen und hat zu einem breiten öffentlichen Dialog aufgerufen. Die Frage von Peter Oberender steht wieder im Raum: „Kann man es vor seinem Gewissen vertreten, dass in jedem Jahr Menschen sterben, weil sie keine Chance auf ein Spenderorgan haben?“ Eine ethische Abwägung zum Vorschlag des Ministers stelle ich hier zur Diskussion.

Die Widerspruchslösung setzt grundsätzlich eine juristisch durchsetzbare Pflicht jedes Menschen zu einer postmortalen Spenderbereitschaft voraus. Nur ein ausdrücklicher Widerspruch des Betroffenen zu Lebzeiten oder, sofern keine entsprechende Erklärung vorliegt, der Angehörigen im Sterbefall, kann die Entnahme von Organen verhindern. Wer das Thema zu Lebzeiten verdrängt, wird in der Regel nach dem erklärten Hirntod zum potentiellen Organspender. Die Bequemlichkeit vieler Menschen, sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen zu wollen, führt auf Kosten einer bewussten Entscheidung zur Erhöhung der Transplantate. Die Widerspruchslösung erscheint vielen Ländern als gangbarer Weg, die Zahl der Transplantate zu erhöhen. Ein Vergleich im europäischen Vergleich zeigt, dass Länder mit Widerspruchslösung in der Regel deutlich vorne liegen. Doch rangieren auch Staaten mit Widerspruchslösung weit hinten (wie etwa die Türkei oder Bulgarien). Unbestritten besteht auch nach Ansicht der Kritiker der Widerspruchslösung aber ein positiver Zusammenhang zwischen dieser Regelung und der Anzahl der Transplantate. Diesem starken Argument vor allem aus Sicht derjenigen, die auf ein Organ warten, sind Bedenken entgegenzuhalten.

  1. Zweifellos wird der moralische Druck erhöht auf diejenigen, die keine Spender sein wollen. Es gibt auch gute Gründe für eine solche Verweigerung, etwa Zweifel am Hirntodkriterium. Schließlich ist der Mensch, wenn ihm die Organe entnommen werden, biologisch nicht tot, sondern ein Sterbender, der durch die Entnahme stirbt. Fragen um den Lebensschutz sind damit verbunden, ebenso Bedenken, ob man nicht zu schnell für hirntot erklärt wird, so dass dann utilitaristisch zwischen dem sterbenden und einem anderen Leben bilanziert wird. Auch die Sorge um eine Ökonomisierung der Organe ist offenbar berechtigt. Ebenso gibt es Menschen, die es gegenüber ihren Angehörigen nicht verantworten wollen, nur als Torso beerdigt zu werden. Solche Bedenken werden durch die Widerspruchslösung moralisch diskreditiert.
  2. Die Erhöhung der Transplantate wird über die Bequemlichkeit derer erzielt, die sich mit dem Thema nicht bewusst auseinandersetzen. So kann weder von Freiwilligkeit noch von Altruismus oder Spende gesprochen werden. Die Donation seiner Organe verliert ihren moralischen Wert. Dies ist gerade bei dieser Art von Gabe (des eigenen Körpers) von besonderer Bedeutung, vor allem, wenn man, wie es religiöse Menschen tun, den Körper als Geschenk Gottes ansieht.
  3. Wegen unserer personalen Integrität hat niemand legitimen Anspruch auf Körperteile eines anderen Menschen. Unser Körper ist nicht nur kein verkäufliches Privatgut, er ist ebensowenig ein Kollektivgut. Eine solche Kollektivierung wird mit der Widerspruchslösung aber eingeführt.
  4. Es besteht die Gefahr eines Dammbruchs, durch den sich eine Kultur gesellschaftlichen Zwanges durchsetzt. Eine Informationslösung, bei der – nur sofern keine widersprechende Willensäußerung des Verstorbenen vorliegt – Angehörige allein noch über die geplante Entnahme in Kenntnis gesetzt werden, und erst recht eine staatliche Zwangsregelung bis hin zum Zwang auf Lebendspenden wären solche verschärfenden Schritte, für die die Türe geöffnet würde.

Fazit: Dem freiheitlichen Geist des Miteinanders in der Sozialen Marktwirtschaft entspricht eine Kultivierung von Anerkennung für das freiwillige Opfer mehr als die einer bloßen Pflichterfüllung. In Verbindung mit den Freiheitseinbußen und der Kollektivierung des menschlichen Körpers sehe ich hier eine deutliche Schwächung für die Bewertung des Widerspruchsmodells. Die so wichtige Linderung menschlicher Nöte würde zu teuer erkauft. Der gute Zweck sollte nicht alle Mittel heiligen. Auch würde die Widerspruchslösung den Mangel der Transplantate in Deutschland gar nicht beheben. Die Idee der Entscheidungslösung ist dagegen: Aufklärung soll die Grundlage für eine freiwillige, bewusste Entscheidung zur Organspende sein und eine Mentalität der Verdrängung des Themas ablösen. Organspende ist damit eine bewusste und sozial anerkannte Spende aus altruistischer Motivation ohne finanzielle o.a. Gegenleistung. Diesen Weg weiter mit Nachdruck zu forcieren, scheint mir im Dilemma das kleinere Übel.

 

Literatur
Nass, E.: Nicht alles ist gut, was mehr Transplantate verspricht. Markt und andere Modelle auf dem Prüfstand christlicher Wirtschaftsethik, in: Zeitschrift für Marktwirtschaft und Ethik 3-2014, 3-42.

-,-: Why no Commerce with Kidneys? Michael Sandel’s Suggestions and an answer from Ethical Theory, in: The Heythrop Journal LVI (2015), 793-804.

-,-: Warum eigentlich kein Organhandel? Eine freiheitlich-christliche Sicht, in: P. Becker / C. Heinrich (Hg.): Theonome Anthropologie. Christliche Bilder von Menschen und Menschlichkeit, Freiburg i.Br., 277-290.

Widerspruch zur Widerspruchslösung

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