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Ethik vor der zweiten Welle

Seit dem Frühjahr 2020 hat uns die Corona-Pandemie fest in Griff. Nach einer gewissen Entwarnung ist eine zweite Welle auch in Deutschland im Kommen. Erst recht die Bilder aus anderen Ländern beweisen, dass uns diese Krise noch lange verfolgen wird. Neben wirtschaftlichen, rechtlichen und medizinischen Fragen spielt dabei auch die Ethik eine wichtige Rolle. Neben den grundsätzlichen Anfragen an die Glaubwürdigkeit von Politikern und die Verlässlichkeit von Wissenschaftlern sehe ich vor allem zwei große Herausforderungen:

1.) Da ist die Frage nach der Legitimität von Einschränkungen der Freiheiten im so genannten Lockdown und auch jetzt noch. Zahlreiche Demonstrationen belegen ein latentes Unbehagen vieler Menschen und die Sehnsucht nach Normalität. Das ist eine Frage von Freiheit und Lebensschutz.

2.) Daneben bleibt die Frage nach der Rationierung von knappen Beatmungsplätzen ein drängendes Problem. Je nachdem, wie sich die Zahlen entwickeln, kann es schon bald weltweit, aber auch bei uns wieder ähnliche Triage-Diskussionen wie im Frühjahr geben. Dann geht es darum, ob ältere Menschen nachrangig gerettet werden sollen als jüngere. Das ist eine Frage von Menschenbild und Würde.

Bevor nun wieder einschränkende Maßnahmen als mögliche Antworten diskutiert werden, sei hier eine ethische Standortbestimmung gewagt:  Haben wir etwas aus den letzten Monaten gelernt? Und was kann der christliche Beitrag dazu sein?

 

Sensibilität und Herausforderung

Insgesamt mache ich eine gewachsene ethische Sensibilität aus. Allein politische Statements oder virologische Expertisen sind nicht mehr das Maß aller Dinge. In den Wertediskussionen sehe ich aber einen starken Einfluss utilitaristischen Denkens. Dessen Orientierung an Nutzenkalkülen halte ich für problematisch. Mit einer solchen Schablone wird etwa in der Rationierung von Beatmungsplätzen Altersdiskrimierung legitimierbar. Das haben wir in Italien schon gesehen. Auch wird der Wert eines Menschen in Geldeinheiten umgerechnet. Die prognostizierte Wirtschaftsleistung eines Menschen bestimmt dann über den Rang auf der Priorisierungsliste. Und mit solchen Bilanzen wurde sogar die so genannte Herdenimmunität begründet. Viele (vor allem ältere) Menschen sollten dann (ohne Lockdown) in der Gegenwart geopfert werden, um Lebensjahre und Wirtschaftskraft in der Zukunft zu maximieren.

Die damit verbundene Bilanzierung von Kosten ist eine einfache Rechnung. Deshalb findet sie viele Befürworter. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen: Die Immunität ist medizinisch gesehen höchst fraglich. Und: In all diesen Abwägungen ist der Mensch nur ein Kostenfaktor unter anderen. Mit unantastbarer Würde hat das nichts zu tun. Wenn wir jetzt möglichst viele Schutzmaßnahmen preisgeben, leiden vor allem ältere und kranke Menschen. Sie würden geopfert. Und es entsteht in einer solchen Logik zugleich ein Druck auf ältere Menschen, möglichst der jüngeren Generation nicht auf der Tasche zu liegen. Folgen dieser Denkweise sehen wir etwa auch in der Euthanasiedebatte, die das Bundesverfassungsgericht neu entfacht hat. Der Utilitarismus ist auf einem Siegeszug, macht das Reden vom unwerten Leben hoffähig und spaltet die Gesellschaft in Schwache und Starke, die über den Wert des menschlichen Lebens urteilen.

 

Christlicher Kompass

Aus christlicher Sicht gibt es bereits einige Stellungnahmen. Papst Franziskus hat sich – auch vor Corona – immer wieder gegen den Utilitarismus gestellt. EKD und Bischofskonferenz haben zur Pandemie einige Ratschläge formuliert. Ich plädiere hier für eine stärkere biblisch fundierte Argumentation. Immer wieder wird der Anschluss gesucht an säkulare Denkmuster, wie etwa medizinethische oder pflichtethische Prinzipien. Ich wünschte mir stattdessen, dass etwa mit Lk 10.27 die dreifache Verantwortung des Menschen, mit Gen 1,26 die Begründung unantastbarer Würde oder im Anschluss an die Enzyklika Caritas in Veritate Nr. 7 o.a. die Idee der Menschheitsfamilie mit in die Waagschale geworden würden.

Für eine christliche Corona-Ethik heiße das: Menschliche Verantwortung ist die angemessene Antwort des Menschen auf den Heilswillen des dreifaltigen Gottes. Wohlfahrtsstaatliche Träumereien stehen dazu im Widerspruch. Wenn also die zweite Welle kommt, brauchen wir eine angemessene Abwägung zwischen individueller Freiheit und staatlich vorgegebener Schutzmaßnahmen, nicht aber eine blinde Staatsgläubigkeit. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen verbietet Altersdiskriminierung ebenso wie die Verrechnung des Lebens in Geldeinheiten. Und die Idee der Menschheitsfamilie schließt aus, dass die Starken die Schwachen entwürdigen oder Druck aufbauen, ihr Leben zu beenden.

 

Ausblick: Werte- statt Nutzendiskussion!

Die ausdrücklich biblischen und manche lehramtlichen Argumente bieten die herausragende Begründung unbedingter Würde und Freiheit an. Das ist auch grundsätzlich unser christlicher Beitrag in sozialethischen Diskussionen. Anerkannte christlicher Sozialethiker wie etwa Peter Schallenberg (katholisch) oder Ulrich Körtner (evangelisch) haben sich schon hörbar zu Wort gemeldet. Christliche Argumente sollen etwa nach Körtner mit dem Evangelium die Hinwendung Gottes zu den Menschen verdeutlichen. Und das heißt: Auf dieser auch missionarischen Grundlage sollten wir Christen für ein Ende der Nutzendiskussion plädieren. Denn sie führt uns aus der Krise in die Inhumanität. Mit solchem Profil finden wir auch säkulare Verbündete (z.B. Weyma Lübbe), die für eine Corona-Ethik eine Werte- statt eine Nutzendiskussion fordern. Das tun wir auch! Und wir haben dazu die besten Begründungen von Würde und Freiheit.

Elmar Nass, Fürth

Werte und Evangelium. Christlicher Beitrag zu einer Corona-Ethik 2.0
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2 Gedanken zu „Werte und Evangelium. Christlicher Beitrag zu einer Corona-Ethik 2.0

  • 10. September 2020 um 19:49
    Permalink

    Danke für die Klarheit der Aussage. Ihrist in vollem Umfange zuzustimmen.

    Antworten
  • 15. September 2020 um 14:03
    Permalink

    Es ist in der Tat nicht auszuschließen, daß eine zweite Welle kommt und sich auch wieder die Dramatik der Triage einstellt. Um es Menschen – Entscheidern wie Betroffenen – zu ersparen in diese entsetzliche Notlage zu kommen, in der über Leben und Tod zu entscheiden ist, braucht es unter anderem die Bereitstellung der notwendigen Zahl an Beatmungsgeräten. Dazu braucht es viel Geld – ein sogenannt utilistarisches Mittel – um dem Ziel zu dienen, daß das Sterben vor der Zeit – ob alt oder jung – abgewendet werden kann Was bringt – so gesehen – die pauschale Verteufelung des Utilitarismus?
    Die Verantwortung von uns Menschen in der Krise liegt, wie ich meine, darin, anderen Menschen in ihrer Not zu helfen, ihr Leben nach Kräften zu schützen. Wer meint, daß er dazu biblisch fundierte Argumente benötigt, möge diese Krücken benützen. Ich gehe von einem säkularen Menschen- und Weltbild aus und gelange zu demselbenSchluß: daß jedes Leben, jedes Menschenleben – ob jung oder alt -dasselbe Recht zu leben hat und zwar unter lebenswürdigen Bedingungen

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