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von Prof. Dr. Ralph Bergold, Direktor des Katholisch Sozialen Instituts Siegburg (KSI)

Haben Sie schon einmal ein katholisches Kaufhaus besucht oder waren in einem katholischen Schwimmbad? Wohl nicht. Auch katholische Eislaufbahnen findet man eher selten. Demgegenüber aber gibt es katholische Schulen, katholische Büchereien, katholische Akademien und Bildungshäuser. Warum?

Nun, die erste Antwort könnte lauten, dass Kirche eben keine Konsum- und Freizeiteinrichtungen betreibt. Liegt also der Unterschied darin, dass es in den eben genannten nichtkirchlichen Einrichtungen um Freizeit geht? Man wird erwidern müssen, dass Teilnehmende z. B. einer Bildungsveranstaltung in einer katholischen Akademie ihre Freizeit einsetzen. Und wer zum Lesen in eine katholische Bücherei geht, tut das vielleicht auch in seiner Freizeit. Das Kriterium Freizeit kann also nicht das Unterscheidungsmerkmal sein, warum bei Einrichtungen die Kirche Trägerin sein kann oder eben nicht.

Eine andere und zutreffendere Unterscheidung liegt darin, dass die genannten nichtkirchlichen Einrichtungen ausschließlich der Freizeitbeschäftigung dienen, hingegen es in den genannten kirchlich getragenen Einrichtungen um Bildung geht. Kirche ist also Bildungsträgerin. Sie gehört in Deutschland sogar zu den größten Bildungsanbietern. Dann stellt sich die Frage nach der Begründung kirchlich getragener Bildungseinrichtungen. Schlicht gefragt, warum gibt es neben den öffentlichen Schulen auch katholische Schulen? Warum betreibt Kirche neben den öffentlichen Universitäten katholische Hochschulen? Warum gibt es z.B. in der Stadt neben der Volkshochschule auch ein katholisches Bildungshaus? Warum investiert die Kirche in katholisch-öffentliche Büchereien?

 

Kirche und Bildung

Der Begriff „Bildung“ ist erstmalig von dem mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart (1260-1328) in die deutsche Sprache eingeführt worden. Eckharts Bildungsbegriff thematisiert den Menschen mit seinem besonderen Verhältnis zu Gott, „damit der Mensch Gott ähnlich werde“. Bildung verweist auf das Bild Gottes und damit auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, wie wir es in der Genesis-Passage Gen 1,26 lesen. Bildung meint die „Einbildung“ Gottes in den Menschen. In den Bildungsprozessen und die sich darin bildenden Menschen werden Gott ähnlicher. Die Kirche hat sehr früh damit begonnen, die Bildungsarbeit zu einem ihrer wichtigen Handlungsfelder zu ernennen. Auch Papst Franziskus sieht die Bildungsarbeit als wichtiges kirchliches Handlungsfeld, wenn er in seinem ersten Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium (EG 102) formuliert: „Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar“. Schon in den 90er Jahren prägte der Theologe Gotthard Fuchs den Begriff „Kulturelle Diakonie“ für den kirchlichen Bildungsauftrag und das kirchliche Bildungshandeln und machte deutlich, dass Bildung nicht eine Zusatzaufgabe von Kirche ist, so zu sagen das „Sahnehäubchen“, sondern zum Kerngeschäft der Kirche gehört. Bildung gehört genuin zur Kirche, wobei Bildung nicht auf Schule und Religionsunterricht verkürzt bzw. fokussiert werden darf, sondern alle Bereiche und Institutionen umgreift. Zur kirchlichen Bildungsarbeit gehört die Elementarbildung (Kindergarten), schulische und universitäre Bildung sowie die berufliche und allgemeine Erwachsenenbildung.

 

Bildung und Bildungsverständnis

In der Bildung geht es nicht nur um Wissen, Lernen und Können, sondern um den Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein und Handeln im Horizont sinnstiftender Lebensdeutungen. Dies bedeutet, dass der Bildungsbegriff weiter und vieldimensionierter ist. Bildung ist als Persönlichkeitsbildung auf den ganzen Menschen bezogen und umfasst seine kognitiven, emotionalen, sozialen und handlungsorientierten Fähigkeiten.

Dieses Bildungsverständnis beinhaltet zum einen eine anthropologische Komponente. Bildung geht davon aus, dass der Mensch bildungsfähig und bildungsbedürftig ist. Die zweite Komponente ist eine gesellschaftliche. Bildung und Bildungsarbeit ist immer auch auf die Gesellschaft ausgerichtet und verbleibt nicht nur bei dem einzelnen Menschen. Es geht bei kirchlicher Bildungsarbeit um gesellschaftliche Verantwortung, es geht um Integrationsfähigkeit und Toleranz und nicht um ein „Fitmachen“ in der Arbeits- und Lebenswelt.

Kirchliche Bildung meint also Gewinnung von Individualität, Personalität, Gemeinschaftlichkeit und Religiosität. Sie befähigt zu vernünftiger Selbstbestimmung, Solidaritätsfähigkeit mit Anderen – auch den Fremden – und zu einer vernünftigen, lebenstragenden Gottesbeziehung. Damit ist kirchliche Bildungsarbeit letztlich Beziehungsarbeit. Sie fragt mit dem Menschen unterschiedlichen Alters und Bildungsgrades an unterschiedlichen Lern- und Bildungsorten nach der Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu den Anderen, zur Welt (Schöpfung) und zu Gott.

 

Kirchlicher Bildungsauftrag

Aus den bisher genannten Aspekten eines kirchlichen Bildungsbegriffs und -verständnisses lässt sich nun ein kirchlicher Bildungsauftrag formulieren. Kirche als Trägerin von Bildung steht für einen Bildungsbegriff, der einen ganzheitlichen Ansatz hat. Sie widerspricht damit jeder ökonomischen Verkürzung und marktorientierten Verzweckung von Bildung. Sie weitet und erweitert das Verständnis von Bildung und erweist damit einen diakonischen und kulturellen Dienst am Menschen und an der Gesellschaft.

Im Dienste am Menschen will kirchliche Bildungsarbeit christliche Orientierung einbringen und gleichzeitig den Dialog aufnehmen mit anderen Entwürfen, Deutungen und Antwortversuchen. Der Mensch, der sich im Gespräch mit anderen in der Auseinandersetzung selbst bildet, kann sein Wissen und Können, seine Kompetenz mitverantwortlich und mitgestaltend in die Gesellschaft einbringen. Kirchliche Bildungsarbeit bietet ein Instrumentarium an, dass Christinnen und Christen sich mit ihrem Zeugnis und ihrer Überzeugung kompetent, selbstbewusst, dialog- und lernfähig in der Gesellschaft bewegen können.

 

Kirche war immer Trägerin von Bildung und leistet heutzutage hier einen wichtigen Beitrag für die Menschen und die Gesellschaft. Wir vermissen keine katholischen Schwimmbäder oder Eislaufbahnen, aber wir würden katholische Schulen, Kindergärten, Bildungshäuser und Akademien vermissen. Wenn sich Kirche aus der Bildungsarbeit zurückzöge, würde etwas Wesentliches fehlen.

Was hat die Kirche mit Bildung zu tun?

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