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Dr. Beatrice von Weizsäcker,
Juristin, Publizistin, Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentags und des Ökumenischen Kirchentags 2021

Neulich, am Volkstrauertag, sah ich die Gedenkstunde im Bundestag. Eher zufällig. Eher nebenbei. Ich saß an meinem Schreibtisch. Wurschtelte vor mich hin. Der Laptop zeigte das ZDF.

Den Volkstrauertag finde ich schwierig. Viel Vergangenheit. Erster und Zweiter Weltkrieg. Wenig Gegenwart. Erinnerung an gefallene Soldaten. An Flüchtlinge. An Vertrieben. Wenig von dem, was heute geschieht. Dazu das „Totengedenken“ mit stets demselben Wortlaut. Der Bundespräsident sprach es. Langsam. Ernst. Würdig. Emanuel Macron hielt die Rede. Über Europa. Und die deutsch-französische Verantwortung. Gut. Richtig. Wichtig. Alle würden später darüber berichten. Die Zeitungen auf den Titelseiten. Groß. Mit Fotos. Eine Gedenkstunde ohne Fehler.

Und dann auf einmal, mittendrin, dieser Satz: „Tränen haben keine Farbe.“

Ein französischer Schüler hatte ihn gesagt. Schülerinnen und Schüler aus Frankreich und Deutschland hatten kurze Sätze gesprochen. Über die Toten der Weltkriege. Damit hätte ich die Zeitung aufgemacht. Damit. Mit diesem Satz: „Tränen haben keine Farbe.“ Dazu das Bild des Schülers. Wie er dastand. Klein. Und bescheiden. Jung. Und eindringlich.

Tränen haben keine Farbe. Wie wahr! Wie wunderbar. Wie traurig …

Tränen haben keine Farbe. Nicht nur in Kriegen. Sondern auch sonst. Nicht nur im Gestern. Sondern auch heute.

Diesen Satz möchte ich den Politikern um die Ohren hauen, wenn sie mal wieder über Flucht, Asyl und Migration lamentieren. Weil angeblich zu viele Menschen zu uns kommen.  Weil wir 2015 angeblich „die Grenzen geöffnet“ haben – was für ein juristischer Quatsch. Weil der Satz „Wir schaffen das“ angeblich so grundfalsch war.

Wo leben diese Politiker? Nur in ihren warmen Häusern? In ihren Privatflugzeugen? Haben die sich je angeschaut, was die Menschen vor drei Jahren gemacht haben? Wie sie die Geflüchteten aufgenommen haben? Sie betreut, umsorgt, willkommen geheißen haben?

Wo leben diese Politiker? Im Wolkenkuckucksheim?

Und was ist das für eine Sprache, die viele von ihnen sprechen: Sie sagen „Zuwanderung“. Statt Einwanderung. Als sollten Menschen, die „zuwandern“, nur „durchwandern“, um möglichst schnell wieder „wegzuwandern“.

Sie sprechen von „Grenzen schützen“. Statt von dem, worum es geht: Menschen zu schützen.

Sie sagen, „Recht und Ordnung müssen in diesem Land wiederhergestellt werden“. Und vergessen, dass auch Artikel 1 des Grundgesetzes zu diesem Recht gehört. Der die Würde des Menschen für unantastbar erklärt. Die des Menschen. Nicht des Deutschen.

Sie reden davon, dass „die bestehende Ordnung, die wir alle kennen und lieben“ zu Ende geht; davon, dass sich „die Bürger (…) nicht sorgen müssen und ihrem Leben nachgehen können“. Und verkennen, dass es uns noch nie so gut ging wie heute.

Sie warnen vor der „Polarisierung der Gesellschaft“. Und polarisieren selbst nach Kräften.

Sie sprechen von „Illegalen“. Und meinen Menschen. Sie reden von „Rückführung“. Und meinen Abschottung. Sie bauen Abschiebegefängnisse in der Nähe von Flughäfen; dort, wo andere in die Ferien fliegen. Und erkennen nicht, wie zynisch das ist. Sie reden von „Anker-Zentren“, „Ausschiffungsplattformen“. Und meinen geschlossene Lager, Gefängnissen gleich. Sie wollen solche Lager. In Europa. Und Nordafrika. Und nennen das eine „gute Botschaft“. Als ginge es um uns. Und nicht um Flüchtlinge.

Sie lassen es zu, dass die Sprache uns vergiftet. Das „Denkmal der Schande“. Der „Asyltourismus“. Die „Abschiebe-Industrie“. Und wehren sich nicht.

Sie hängen Kreuze auf. Und verhalten sich unchristlich.

Sie schotten uns ab. Und kümmern sich nicht um das Schicksal von Menschen: den gefolterten Mann; die traumatisierte Frau; das verhungernde Kind.

Sie lassen zu, dass Schutzsuchende im Mittelmeer ertrinken. Und ignorieren die völkerrechtliche Pflicht zur Rettung von Menschen in Seenot. Sie schauen weg, wenn Rettungsschiffen das Anlegen in europäischen Häfen verweigert wird; wenn gar Strafanzeige gegen Kapitäne erstattet wird. Und stellen sich taub, wenn die Uno uns warnt.

Sie nehmen Leiden und Tod von Geflüchteten in Kauf.

Und wenn wir, die Menschen, uns dann wehren, dagegen aufbegehren, demonstrieren, werden wir als „selbsternannte Moralapostel“ diffamiert. Als hätten wir kein Rechtbewusstsein. Als seien wir keine Christen.

Nein, Tränen haben keine Farbe.

Auch meine nicht.

 

 

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©BvW

 

Tränen haben keine Farbe
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Ein Gedanke zu „Tränen haben keine Farbe

  • 22. November 2018 um 14:25
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    So, jetzt habe ich zum zweiten Mal etwas von B. von Weizsäcker gelesen. ich kann nur sagen: Großartig! Alles richtig und prägnant auf den Punkt gebracht! – Chapeau, Madame!

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