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von Theresa Batzel

 

„Was ist Toleranz?“, fragt die kleine Mia.

Mia ist neun Jahre alt und wird bald sterben. Sie hat Leukämie und ist wieder zur Schmerztherapie bei uns auf der onkologischen Kinderstation. Die Behandlung ist nur noch palliativ möglich.

„Toleranz endet dort, wo das Klopapier vergriffen ist. Zumindest seit Covid-19 “, scherze ich.

Wie soll ich einem sterbenden Kind erklären, warum es seine Freunde nicht sehen darf? Soll ich ihr sagen, Toleranz heißt, etwas zu erdulden, auch wenn man anderer Meinung ist? Soll ich ihr erklären, dass es bedeutet, zu versuchen andere Ansichten gelten zu lassen, selbst wenn man strikt dagegen ist? Wie soll ich es ihr verständlich machen, warum sich manche Menschen an die Corona-Maßnahmen halten und andere wieder nicht? Und muss ich so ein Verhalten von anderen überhaupt tolerieren? Doch wo sind die Toleranzgrenzen? Wer hat sie eigentlich gezogen? Haben wir sie mit den Regeln um Covid-19 bereits erreicht? Hat die ach so offene Gesellschaft ihre Toleranzgrenze schon überschritten? Die Medien sind schließlich voll mit Anti-Corona-Demos, aber kann man gegen einen Virus überhaupt demonstrieren? Muss ich es tolerieren, dass andere dicht an dicht gedrängt ihre Meinung auf der Straße kundtun, und so meine Gesundheit gefährden könnten? Schließlich leben wir in einer demokratischen, offenen, toleranten und sozialen Gesellschaft, von der immer wieder behauptet wird, die Menschenrechte und Grundrechte würden eingehalten werden. Es gilt in Deutschland die Meinungsfreiheit und ein jeder hat das Recht demonstrieren zu gehen. Doch ist dem tatsächlich so? Sind wir, als Gesellschaft, tolerant genug andere Meinungen auch wirklich zu dulden? Erstaunlich schnell konnte die Versammlungsfreiheit beschnitten werden und das im Jahre 2020 und nicht 1937.

Also wie erkläre ich nun der kleinen Mia, was Toleranz ist? Bevor ich zu einem Entschluss komme, schaut sie mich mit ihrem kahlen Kopf schief an und grinst. „Weißt du, Corona ist wie Weihnachten.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch und setze mich zu ihr. Das dürre Mädchen wirkt verloren in dem großen Krankenbett. „Weißt du, zu Weihnachten drehen die Leute auch immer durch“, beginnt sie „da plündern sie, wie die Verrückten die Läden leer! Genauso wie bei Corona. Vor den Feiertagen ist immer so ein Stress, als würde es nie wieder was zu essen geben und die Läden würden für immer schließen. Wenn ich mit Papa dann einkaufen gehe, muss ich immer ganz dicht bei ihm bleiben, weil die Leute richtig böse werden und einen anmotzen, wenn man nicht schnell genug ist. Oder sie rempeln einen einfach so an. So ist es doch im Moment auch, oder? Nur manche motzen, wenn ich eine Maske trage und andere, wenn ich eben keine trage. Egal wie ich es mache, es ist falsch. Doch wie der Weihnachtsstress, wird auch das vorbeigehen.“ Mia streicht ihre Kuscheldecke glatt. Leider hat sie da Recht! Die Gesellschaft ist eben egoistisch und ein jeder ist sich selbst der nächste. Da ist von Toleranz nichts mehr zu spüren. Viele Leute randalieren in den Supermärkten, da sie sich in ihrer Freiheit beschnitten fühlen für nur fünf Minuten, während des Einkaufes eine Maske zu tragen. Sicherheitsleute und Polizeieinsätze im Einzelhandel sind keine Seltenheit mehr, obwohl wir in einer angeblich toleranten, offenen und sozialen Gesellschaft leben. Auch bei uns im Krankenhaus wird vermehrt der Sicherheitsdienst eingesetzt, da viele sich nicht an die Regeln halten wollen. Und warum? Weil sie es, als unangenehm empfinden eine Maske zu tragen. Nun, ich empfinde es ebenfalls als unangenehm, wenn deswegen bereits kranke Menschen weiter erkranken oder gar sterben.

Ist Toleranz folglich eine Ausrede für Faule? Wenn man tolerant ist, muss man sich schließlich für nichts einsetzen. Die Gesellschaft kann unter dem Deckmantel der Toleranz, einigen Konflikten aus dem Weg gehen und den einfachen Pfad wählen. Doch für welchen Preis? Den Preis zahlen Menschen wie Mia, die bereits selbst eine schwere Grunderkrankung haben.

Mia reißt mich aus meinem Gedankenstrudel, als sie fortfährt. „Aber an Weihnachten, da machen die Leute ja doch was für andere, obwohl man gar nicht weiß, ob man selbst etwas geschenkt bekommt. Nächstenliebe, sagt Mama immer. So ist es doch im Moment auch. Schau!“ Sie zeigt mir ihr Tablet mit den vielen Internetaufrufen. „Es gibt so viele ehrenamtliche Seiten oder gar einfach Menschen, die anderen freiwillig helfen wollen. Man kann mit Kranken telefonieren, so wie ich mit Rita!“ Rita ist eine 96-jährige Frau, die chronische Lungenbeschwerden hat und im Moment sehr einsam ist. Doch Mia telefoniert fast jeden Tag mit ihr. „Rita kennt die spannendsten Geschichten! Und das Beste ist, sie sind wahr. Das sind alles Geschichten, die sie erlebt hat! Da kann man viel lernen. Sie musste damals fliehen und hat ihr Haus nach dem Krieg wiederaufgebaut. Aber schau doch!“ Sie deutet wieder auf ihr Tablet und zeigt mir verschiedene Seiten, auf denen sich die unterschiedlichen Menschen finden und helfen können. Auch eine Website für lokale Unternehmen wurde gegründet, dort können die Händler ihre Produkte anbieten oder einfach Gutscheine zum Verschenken ausstellen.

Mia erklärt mir mit glühenden Wangen weiter: „Hier können Nachbarn Kontakte knüpfen und für ältere oder kranke Mitmenschen einkaufen gehen. Oder man kocht gemeinsam über Zoom um nicht so allein zu sein. Du kennst doch Zoom? Oder man schreibt eine liebe Karte für jemanden, die man dann verschickt. Oma näht Masken für die Schule, damit auch Kinder, die sich keine leisten können, in die Schule dürfen. Papa sagt, man kann auch online Nachhilfestunden geben. Das finde ich cool! Ich glaub, ich probiere es mal aus, eine Maske für Opa zu häkeln mit vielen Elefanten drauf. Nicht, dass Oma am Ende vergisst Opa eine zu nähen. Man muss doch nur ein bisschen kreativ sein, um anderen eine Freude zu machen und ihnen gleichzeitig zu helfen. Was sagst du dazu? Ist das nicht viel besser, als nur tolerant zu sein?“ Mia strahlt mich freudig an.

Es ist das letzte Weihnachten, welches Mia erleben wird, und dennoch kann sie etwas, was viele andere nicht können. Sie sieht das Positive, was uns das kleine Virus trotz allem gebracht hat. Wir sind trotz der Distanz näher gerückt. Es spielt keine Rolle, ob es da draußen Menschen gibt, die anderer Meinung sind. Es ist wichtig zu wissen, dass wir als Gesellschaft aufeinander zählen können – dass wir aufeinander achten und tolerant miteinander umgehen. Leider hat es einen Virus gebraucht, um uns wissen zu lassen, wie schön und wichtig die Besuche bei Oma und Opa sind. Wie wenig Arbeit und wie viel Freude es bringt, wenn man dem Nachbarn unter die Arme greift und für ihn ein paar Besorgungen mit erledigt. Das Beste daran ist, man bricht sich noch nicht mal einen Zacken aus der Krone.

Ja, Toleranz endet dort, wo das Klopapier vergriffen ist – und fängt an, wenn ich mein Klopapier teile. Morgen ist das Regal im Supermarkt wieder voll – so hoffentlich auch meine Toleranz.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass in jedem von uns ein Teil von Mia und ihrer positiven Einstellung weiterleben wird.

 

Die Autorin studiert Pflege Dual an der WLH in Fürth im 3. Semester

Toleranz endet dort, wo das Klopapier vergriffen ist! – Eine Mut machende Kurzgeschichte in der Pandemie
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Ein Kommentar zu „Toleranz endet dort, wo das Klopapier vergriffen ist! – Eine Mut machende Kurzgeschichte in der Pandemie

  • 22. Dezember 2020 um 10:56
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    Eine wirkliche berührende Kurzgeschichte zum Thema Toleranz mit einer bedeutenden Botschaft, die gerade zu Weihnachten passt: Warum sind wir nicht froh darüber, was wir alles haben und messen dem eine größere Bedeutung zu? Gesundheit, Familie und Geborgenheit als elementare Bestandteile unseres Lebens und wie schon richtig von Theresa Batzel gesagt: Es hat leider einen Virus gebraucht, um uns das wieder vor Augen zu führen.

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