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von Peter Jaensch,
Soziologe (M.A.) und Gerontologe (M.Sc.), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut IDC der WLH Fürth

Eine Erscheinung fortschreitenden Alters mag sein, dass man sich nicht mehr jede Sprachungenauigkeit, auch und eigentlich sogar gerade wenn sie von offizieller Seite kommt und allgemein akzeptiert ist, gefallen lassen mag und eine schlampige Verwendung der eigenen Sprache anprangert. Mir ist dies an mir selbst zum ersten Mal aufgefallen, als selbst in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen nicht mehr von detonierenden Sprengsätzen die Rede war, sondern nur noch von Bomben, die „hochgegangen“ sind. Und dies ist nun schon einige Jahre her.

Die Corona-Zeit stellt mich vor ähnliche Herausforderungen. Gerade als Soziologe leidet man ohnehin ständig an Begriffen wie „Soziale Gerechtigkeit“ oder der Gegenüberstellung von „Wirtschaft und Sozialem“. Ja, selbst der Begriff der „sozialen Marktwirtschaft“ drückt eine Art von staatlichem Verhalten aus, dass man zwar als prosozial bezeichnen kann, es rückt den wissenschaftlichen Begriff des Sozialen zugleich aber immer schon in die Nähe eines Sozialismus und staatlichen Eingreifens („Sozialleistungen“), ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass jede Form des menschlichen Miteinanders sozial ist und auch ökonomische Systeme ganz allgemein oder eine kapitalistische Wirtschaftsform im Speziellen zu den sozialen Phänomenen einer Gesellschaft zählen.

Nun also Corona. Mir geht es nicht darum, die im Moment getroffenen Maßnahmen an sich zu kommentieren oder über deren Wirksamkeit oder Unwirksamkeit zu spekulieren. Mir geht es um die Sprache, die zum Beispiel Politiker*innen verwenden, wenn Sie Begriffe setzen, oder welche Rolle Medienvertreter*innen spielen, wenn sie ohne zu hinterfragen als Multiplikatoren solcher Begriffe zu einer allgemein anerkannten Verwendung bestimmter Sprachformen beitragen. Nun bin ich kein Sprachforscher. Gleichzeitig bin ich verwundert, wie wenig Widerstand den aktuell kursierenden Begriffen im Kontext der „Corona-Krise“ entgegengebracht wurde.

Wir alle sind aktuell aufgefordert ein „social distancing“ zu betreiben, auf Deutsch sprechen wir daneben auch von einem Kontaktverbot. Beides halte ich für falsch! Wie gesagt, nicht die Maßnahme an sich. Doch was gemeint ist, ist doch, dass wir physisch Abstand voneinander halten sollen, denn soziale Kontakte an sich waren und sind ja auch weiterhin nicht verboten. (Im Gegenteil, bei all den Lebensbereichen, die nun auf das Internet als Kommunikationsmedium ausweichen, habe zumindest ich persönlich den Eindruck, mehr und intensivere Kontakte als vor Corona zu pflegen – nur eben ohne physischen Kontakt.) Weshalb also sprechen wir nicht von einem „physical distancing“ oder einem „Abstandsgebot“? Diese Worte beschreiben den Sachverhalt nicht nur genauso gut, sondern tun es besser. Denn hier wird benannt, was tatsächlich ist, ohne dass unterbewusst Inhalte mittransportiert werden, die über das eigentlich Geforderte hinausgehen.

Ähnlich verhält es sich mit der babylonischen Sprachverwirrung um Masken und Mundschutz. Ja, Masken können auch Faschingsmasken sein, und dies ist die allgemeine Verwendung des Wortes. Wenn aber in diesem spezifischen Fall und in der gegeben Situation Medizinier*innen und Laien regelmäßig aneinander vorbeireden, könnte man in Erwägung ziehen, ausnahmsweise in der Sprache der Fachleute zu bleiben. Wir tun dies übrigens ansonsten ganz automatisch, wenn wir mit Handwerker*innen, Automechaniker*innen oder IT-Spezialist*innen konfrontiert sind. Dennoch wird weiterhin fröhlich von einer „Maskenpflicht“ gesprochen, während gleichzeitig ein selbstgenähter Mundschutz, ja, selbst ein hochgezogener Schal oder ein Halstuch als ausreichend bezeichnet werden, also keineswegs medizinische Schutzmasken „gemeint“(!) sind, sondern eben ein einfacher Mund-Nasen-Schutz. Es würde auch hier der Klarheit in der Kommunikation und damit auch den Kommunizierenden dienen, wenn wir uns hier nicht auf semantische Deutungen und Interpretationen einlassen müssten.

Absicht oder nicht, das Thema Framing – also das Einbetten z. B. von Begriffen in bestimmte Deutungsraster – hat auch in Zeiten von Corona und jenseits von Debatten um populistische Rhetorik seine Bedeutung. Wenn wir verstanden werden und miteinander reden wollen – und nicht nur aneinander vorbei – , dann macht es Sinn, ab und zu den eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren und gegebenenfalls zu korrigieren. Auch ich musste mich entscheiden, ob ich diesen Text so gut als möglich „durchgendern“ will und mir darüber bewusst werden, welche Botschaft ich damit neben dem geschriebenen Wort zwischen den Zeilen noch transportiere. Denn Sprache und das Miteinanderreden sind sozial.

Sprache ist sozial – Ein kurzer Gedanke in Zeiten von Covid 19
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Ein Gedanke zu „Sprache ist sozial – Ein kurzer Gedanke in Zeiten von Covid 19

  • 6. Juni 2020 um 13:11
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    Vielen Dank für diese Anregung. Ich habe in verschiedenen Situationen mit Begriffen wie „Abstandsgebot“, „körperlicher Abstand bei sozialer Nähe“, „Mund+Nasenschutz“, „berührungsloser Kontakt“, „freihändige Begrüßung“, usw. experimentiert. Es funktioniert und macht einen für mich wichtigen Unterschied.

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