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Von Prof. Dr. Christian Müller, Institut für ökonomische Bildung Münster

 

Mehr als 10 Millionen Klicks und sogar bischöflichen Zuspruch erntete der Youtuber Rezo mit seinem Video kurz vor der Europawahl. Sein Ziel: die „Zerstörung der CDU“ wegen ihrer Regierungsarbeit. Doch hat er auch recht? Betrachtet man nur seine Aussagen zur Wirtschaft, so fällt auf, dass er glatt übersieht, dass sich seit Merkels Regierungsantritt die Arbeitslosigkeit mehr als halbiert hat – von 11,7 auf 5,1 Prozent. Deutschland hatte 2013 mit 42,3 Millionen die höchste Erwerbstätigkeit aller Zeiten – und das v.a. mit Vollzeitstellen. Doch dazu sagt Rezo kein Wort. Ihm geht es um die Verteilung. Er behauptet, dass unter der CDU „die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander“ gegangen sei. Richtig ist, dass sich der Gini-Koeffizient, das zentrale Maß für die Verteilung der Nettoeinkommen, in der Vergangenheit tatsächlich erhöht hat – von ca. 25 auf 29 Prozent. Das allerdings geschah gerade zwischen 1998 und 2005, als Rotgrün das Land regierte. Seit der Ära Merkel liegt das Verteilungsmaß stets bei etwa 29 Prozent.

Bezogen auf die deutschen Vermögen ist der Koeffizient deutlich höher, bei 81 Prozent. Im Vergleich mit anderen Ländern wie Griechenland (68 Prozent) ist das tatsächlich hoch. Aber ist das schlimm? Hohe Vermögensungleichheiten sind die logische Konsequenz eines ausgebauten Wohlfahrtsstaats. Wenn der Staat für die Rente sorgt, muss der Mittelstand fürs Alter kein Vermögen aufbauen. Nur die ganz Reichen halten dann Vermögen. Im sozialpolitischen Vorzeigeland Schweden liegt das Maß daher noch höher – bei 87 Prozent. Aber hat Rezo nicht recht anzuprangern, dass „die reichsten 45 Haushalte in Deutschland … so viel Vermögen [haben] wie die ärmsten 50 Prozent“? Das kann man so sehen. Aber solche Ungleichheiten sind eine Folge der deutschen Wirtschaftsstruktur, bei der das Betriebseigentum häufig in Familienbesitz liegt. Der Vorteil ist, dass Familienunternehmen meist längerfristig planen als börsennotierte Unternehmen. Würde man dieses Familienvermögen in Aktien im Streubesitz umwandeln, würde der Gini-Koeffizient sinken; aber das ergäbe Verschiebungen allenfalls im obersten Fünftel der Verteilung, die Arbeitsplätze wären von der Börse abhängig, und die Macht über die Vermögen läge in den Händen weniger Fondsmanager. Wäre das besser? „Die Reichen“, behauptet Rezo auch, werden „nicht dadurch reich, dass sie hart arbeiten, sondern durch Erben und Schenkungen.“ Neuere Studien zeigen aber, dass gerade ärmere Haushalte von Erbschaften profitieren, weil es für sie oft die einzige Möglichkeit ist, einen Vermögenszuwachs zu erlangen. Eine Anhebung der Erbschaftsteuer würde die Vermögensungleichheit also eher noch befördern.

Bei Licht bleibt von Rezos Wirtschaftskritik wenig übrig. Uneingeschränkt wird man ihm jedoch zustimmen, dass in Deutschland zu wenig für die Bildung getan wird – v.a. für die ökonomische Bildung in NRW, wo es Wirtschaft bisher nicht einmal als Schulfach gab. Das Video des Wuppertalers zeigt deutlich, wohin das führen kann.

 

Hinweis: Dieser Beitrag wurde am 21.10.19 auch in der Wochenzeitung „Die Tagespost“ als Kolumne publiziert.

Rezos Wirtschaft
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