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von Elmar Nass [1]

Laut Bundesagentur für Arbeit waren letztes Jahr bundesweit knapp 40.000 Pflegestellen unbesetzt. Man könnte meinen, der Pflegeberuf sei grundsätzlich unattraktiv für Menschen von heute. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Er ist sehr attraktiv für Idealisten mit ehrlicher Liebe zum Menschen und Bereitschaft, die Hilfe für Kranke, Sterbende und Schwache konsequent als Berufung zu leben. Nicht umsonst sind die Kirchen gerade im Bereich der Pflege sehr engagiert. Hier wird das Gebot der Nächstenliebe konkret.

Die Realität bleibt aber leider oft weit hinter dem Ideal zurück. Da fallen einem die im Durchschnitt mäßige Entlohnung, unattraktive Arbeitszeiten und Überstunden ein. Aufstiegschancen sind begrenzt, und die hohe körperliche Belastung tut ihr Übriges. Es gibt hohe Quoten von Abbrechern (Ausbildung) und Aussteigern. Auch das wirkt nicht gerade motivierend. Daneben gibt es vor allem ein Image-Problem. Studenten aus dem Bereich Pflege berichten mir etwa, das sei viel wichtiger als das Geld. Das mag überraschen, zeigen doch Umfragen, dass der Pflegeberuf gesellschaftlich als wertvoller Dienst geschätzt ist. Das sei – so die Studenten – aber nur eine oberflächliche Bewertung. Die Erfahrung im Alltag zeige, dass die Menschen zwar froh sind, dass es Pflegekräfte gibt und einem auf die Schulter klopfen. Dies geschehe aber oft mitleidig. Auch im beruflichen Alltag fühle man sich gerade im Verhältnis zu Ärzten oft als Mitarbeiter zweiter Klasse. Sozialethische Probleme treten noch einmal zugespitzt vor allem bei Pflegeheimen zutage. Gespart wird oft beim Personal. Leidtragende sind die Hilfebedürftigen, aber auch die Pflegekräfte. Sie bringen hohe Professionalität, Motivation und Empathie mit und erleben im Alltag, dass sie ihre Talente nicht entfalten können. Das steigert die Frustration. Berufungen zur Nächstenliebe werden amputiert. Auch vor allem christliche Träger sind ethisch betroffen. Sie können oft nicht mehr einlösen, was ihnen Namen wie Caritas oder Diakonie vorgeben. Ihre Glaubwürdigkeit hängt aber wesentlich davon ab.

Die Politik versucht sich immer wieder an neuen Lösungsvorschlägen. Gesundheitsminister Jens Spahn schlägt einen Mindestlohn von 14 € vor. Das Image-Problem würde damit nicht gelöst, im Gegenteil. Es würde noch offenbarer, dass der Pflegeberuf finanzielle Anerkennung durch den Staat nötig hat. Das kann als zusätzlicher Makel interpretiert werden und das Image weiter absenken. Löhne von geringqualifizierten Arbeitskräften werden zudem ansteigen. Folgen sind ein Einstellungsstopp für geringqualifizierten Hilfskräfte oder Entlassungen. Ohne entsprechende Anpassung der Preise verschlechtert sich auch die wirtschaftliche Situation der Anbieter. Untergrabung der Tarifautonomie und mehr Bürokratie sind weitere Probleme. Im Kosovo werden nun systematisch Pflegekräfte für Deutschland angeworben. Dadurch kann das Problem möglicherweise etwas abgemildert werden. Doch machen wir uns nichts vor: Schon seit Jahrzehnten werben wir Pflegekräfte aus dem Ausland an. Das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und was ist mit der Pflegeversorgung in diesen Ländern? Es darf nicht sein, dass wir unsere Pflege auf Kosten ärmerer Länder aufpolieren. Außerdem sind solche Aktionen nicht förderlich für den Image-Gewinn, eher im Gegenteil. Sprachliche und kulturelle Probleme kommen hinzu. Es ist auch kein gutes Signal, dass man sich in der Politik offenbar mehr Gedanken darüber macht, wo neues Personal herkommt statt zu schauen, wie wir unsere qualifizierten Kräfte halten können. Helfen kann auch der Einsatz von Technologien, die Pflegekräfte von schwerer körperlicher Arbeit entlasten. Nicht darf der Einsatz von Technik menschliche Nähe substituieren. Das gilt erst recht für den Einsatz etwa von humanoiden Robotern, die menschliche Kontakte und Gefühle vortäuschen.

Ein Königsweg aus dem Dilemma ist nicht in Sicht. Aus christlich-sozialethischer Perspektive können und sollten aber Orientierungen in die Diskussion mit einfließen, die sich aus dem in der Bibel und in Jesus Christus vorgelebtem Ideal von Mensch und Gesellschaft ergeben. Vor allem aber muss die Pflegediskussion ausgeweitet werden auf die Familien. Auch hier wird schließlich ein unschätzbarer Dienst der Nächstenliebe getan. Ambulante Versorgung ist zu stärken. Und familiäre Pflege muss deutlich mehr finanzielle Unterstützung erhalten. Groß angelegte öffentliche Kampagnen zur Imagestärkung familiärer wie professioneller Pflege scheinen flankierend geboten.
Und was nicht zu unterschätzen ist: Begeisterungsfähigkeit für soziales Engagement ist in der jungen Generation reichlich vorhanden. Das belegen die Jugendstudien. Diese Begeisterung muss aber keineswegs identisch sein mit gehyptem Klimaaktivismus. Vielmehr sollte von kirchlichen Trägern, in Medien und Schulen die Pflegekultur zu einem Schlüsselthema gemacht werden, für das sich der Einsatz lohnt. Soziale Leidenschaft fände dann hoffentlich wieder mehr im Pflegeberuf ihren Ausdruck als in Freitagsdemonstrationen. Auch sollte das Berufsprofil konturiert werden. Hierzu zählen etwa klar definierte Verantwortungsbereiche, akademische u.a. Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten, die Einrichtung von Pflegekammern wie eine weitere Etablierung der Pflegewissenschaft als eigenständige Disziplin.

[1] Hierbei handelt es sich um die überarbeitete Version eines Interviews von Stefan Rochow mit mir in der Wochenzeitung „Die Tagespost“ vom 25.7.2019.

Pflegenotstand amputiert Berufungen zur Nächstenliebe
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