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Interview mit Altbischof DDr. Klaus Küng, Wien
von Dr. Maria Raphaela Hölscher und Johannes Moravitz, MA

 

  1. Viele schätzen Prof. Dr. Johannes Messner als einen großen Wissenschaftler, worin sehen Sie die Bedeutung von Johannes Messner für die heutige Zeit?

Ich habe Professor Messner in den 70iger Jahren kennengelernt, damals war ich noch ein junger Priester. In meiner Aufgabe als Bischof ist mir im Laufe der Jahre immer klarer geworden, wie wichtig die Zusammenhänge sind, die Johannes Messner mit seiner Naturrechtslehre aufgezeigt hat. Es geht um die Erkenntnis, dass die unveräußerlichen Grundrechte des Menschen in seiner Natur, in seinem Wesen, in der Schöpfung verankert sind, unabhängig davon, ob man an Gott glaubt oder nicht.

  1. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bedeutungsverlust des klassischen Naturrechts und einem zunehmenden Verlust des Sinns für Moral der Gesellschaft?

Nach den beiden Weltkriegen gab es in nicht wenigen Ländern einen positiven Trend im Sinne, dass es so etwas wie ein „Naturrecht“ gibt. Eine Rolle spielte dabei die Erfahrung der Gräuel, die durch totalitäre Regime wie Nationalsozialismus und Kommunismus verübt worden sind. Man dachte: Das darf nie wieder vorkommen. Und so fanden „Naturrechte“ bzw. „Menschenrechte“ wie die Gewissensfreiheit, das Recht auf Leben, die Würde der Person, das Recht auf Gründung einer Familie und das Recht auf Eigentum und Unterhaltserwerb Eingang in die Verfassung Deutschlands und anderer Länder.

In den letzten Jahren führen gesellschaftliche Entwicklungen und manche Errungenschaften der Medizin und anderer Wissenschaften zur Relativierung der Werte in vielen Bereichen und zu einer schrittweisen Auflösung des Konsenses in wichtigen Grundfragen. Auslösend waren u.a. die Einführung der Fristenregelung und die gesetzliche Regelung der künstlichen Befruchtung. Neue Probleme entstanden im Zusammenhang mit der längeren Lebensdauer des Menschen, der zu geringen Kinderzahl im Land, Migration usw.

Es ist schwieriger geworden, über Naturrecht zu sprechen. Schon der Begriff kann Gegenreaktionen auslösen, insbesondere wenn die Diskussion konkret wird und der Anspruch auf Befolgung bestimmter früherer oder jetzt noch geltender Gesetze z.B. bezüglich Lebensschutz erhoben wird. Der Rückgang des Glaubensbewusstseins spielt sicher eine große Rolle. Der Glaube verdeutlicht die Wahrheit, auch wenn Johannes Messner mit Recht festhält, dass die „Naturrechte“ nicht eine Frage des Glaubens seien. Sie sind von der Vernunft erkennbar. Ich bin mir persönlich auch gar nicht so sicher, ob der Verlust des Glaubens immer die Ursache für den Verlust der Moral ist oder ob es häufig nicht eher umgekehrt ist: Der Verlust der Moral führt nach und nach auch zum Verlust des Glaubens.

Wahr ist, dass der Begriff „Naturrecht“ heutzutage alles andere als „in“ ist. Das wusste auch Johannes Messner, der aber davon überzeugt war, dass schon allein die Diskussion darüber wichtig ist, und da hat er sicher Recht. Es braucht Auseinandersetzung. Sie ist notwendiger denn je. Diese Auseinandersetzung birgt Chancen in sich. Gerade deshalb, weil bestimmte „Rechte“ in der Natur, im Wesen des Menschen verwurzelt und begründet sind, meldet sich bei nicht wenigen auch dann, wenn sie nicht besonders gläubig sind, eine innere Stimme, die ihnen sagt: Es ist nicht recht, jemanden zu töten. Und auch wenn die Fristenregelung schon seit mehr als 40 Jahren festgelegt hat, dass Abtreibung bis zum 3. Monat und bei Vorliegen einer Behinderung bis unmittelbar vor der Geburt straffrei ist, kann auf einmal bewusst werden: Es geht um ein Kind! Das erklärt die Emotionalität bestimmter Diskussionen, vor allem, wenn darauf hingewiesen wird, dass so etwas wie ein „Naturrecht“ vorliegt. Auch die Gesetzgebung bezüglich Ehe und Familie ist dafür ein Beispiel. Im Grunde genommen weiß jeder, dass ein Kind Vater und Mutter braucht, und zwar die eigenen, und dass die Stabilität der Beziehung der Eltern für das Kind so etwas wie das Dach über dem Kopf ist.

  1. Für viele Menschen beginnt das menschliche Leben mit dem ersten Herzschlag, dem dritten Monat, der Geburt oder zu einem noch späteren Zeitpunkt.

Kann wirklich ein Zeitpunkt festgelegt werden, wo das „richtige“ Menschsein beginnt?

Durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse wissen wir heute besser denn je, dass sich der Mensch kontinuierlich aus der befruchteten Eizelle entwickelt und dass ab dem Augenblick der Verschmelzung einer Eizelle mit einer Samenzelle mit Bildung der Chromosomen die Eigenschaften und Anlagen einer konkreten Person im Wesentlichen festgelegt sind. Das begründet die Überzeugung: Der Mensch ist Person von Anfang an. Die Annahme, dass menschliches Leben erst mit dem ersten Herzschlag beginnt oder gar erst nach der Geburt ist nicht haltbar.

Es gibt aber schon auch schwierige Fragen. Es kommen Verschmelzungen von Ei- und Samenzellen vor, denen der Kern fehlt. Die Chromosomen können so stark pathologisch verändert sein, dass die befruchtete Eizelle nicht lebensfähig ist und abgeht. Waren das Menschen im allerersten Entwicklungsstadium? – Nur Gott weiß es. Es kann sich eine befruchtete Eizelle teilen, eineiige Zwillinge können entstehen. In jedem Fall gebührt entstandenen Embryonen Schutz. Wir müssen bei einer befruchteten Eizelle davon ausgehen: Da ist ein Mensch oder das kann ein Mensch sein.

  1. Was sollte dagegen sprechen, wenn ein schwerkranker Mensch bei vollem Bewusstsein entscheidet, sterben zu wollen und um aktive Hilfe bittet, ihm dies gesellschaftlich auch zu ermöglichen?

Das Leben ist etwas, das wir uns nicht selbst aussuchen. Wir empfangen es. Niemand darf willkürlich über das eigene oder das Leben anderer verfügen. Auch hier geht es um „Naturrecht“. In Österreich gibt es – Gott sei Dank – einen bis jetzt von der Mehrheit im Parlament mitgetragenen Konsens, dass Hospiz und Palliativmedizin unterstützt werden und Euthanasie sowie Beihilfe zum Suizid untersagt bleiben.

  1. Zunehmend sind junge Menschen ob ihrer geschlechtlichen Identität verwirrt. Kann man das sogenannte „soziale Geschlecht“ von dem natürlichen Geschlecht trennen?

Es handelt sich um eine delikate Frage. Biblisch gesprochen besteht kein Zweifel, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat, damit sie sich gegenseitig lieben und fruchtbar sind. Auch anthropologisch und medizinisch betrachtet scheint mir kein Zweifel gegeben, dass es nur zwei Geschlechter gibt, Mann und Frau, hin geordnet auf gegenseitige Liebe und Fortpflanzung. Wahr ist auch, dass manche Menschen in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung verunsichert sind. Es gibt seltene Fälle, in denen schon bei Geburt die Geschlechtsfeststellung schwierig ist, weil während der Schwangerschaft nicht die volle Ausreifung der Geschlechtsorgane erfolgt ist. Viel häufiger sind in späteren Jahren auftretende Unsicherheiten, mehr bei Buben als bei Mädchen. Eine Rolle können die familiären Verhältnisse spielen. Inwieweit erbliche Faktoren von Bedeutung sind, wird diskutiert. An sich gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Homosexualität rein genetisch bedingt ist. Äußere Einflüsse können für bestimmte Entwicklungen auslösend sein. Ich bedaure die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs, dass dem Beispiel anderer Länder folgend auch in Österreich bei der Geschlechtserhebung neben männlich und weiblich eine dritte Spalte eingeführt wird. Nach meiner Überzeugung müssen wir jedem Menschen mit Respekt begegnen und seine Freiheit achten, aber die Einführung dieses neuen Begriffes des „sozialen Geschlechts“ kann die Verunsicherung mancher junger Menschen verstärken, womit man ihnen nichts Gutes tut.

Danke für das Interview!

Orientierungskompass für heute. Zur Aktualität des Naturrechts bei Johannes Messner
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