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Michael Jakob, Autor, Slam Poet, Poetry Slam Meister

Foto von: Valentin Olpp

Dies ist ein Text für die Namenlosen. Dies sind Worte für die Vergessenen. Dies sind Zeilen für die Unbekannten. Für die unbekannten Soldaten, die verwundet, verschleppt, getötet wurden in all den sinnlosen Kriegen und deren Namen niemand kennt, weil in den Geschichtsbüchern kein Platz für sie ist. In den Aufzeichnungen und Niederschriften sind nur die Namen der Feldherren und Könige verzeichnet, als hätten sie die Schlacht alleine geführt. Dabei hat jeder einzelne mit Blut und Leben für sein Vaterland gekämpft.

 

Was ist das für ein Vater, der seine Söhne für niedere Interessen in den Tod schickt? Ein Keulenschlag für den eigenen Stamm, eine Kugel für das deutsche Volk, ein Flugzeugabsturz für den heiligen Krieg! Die Jungfrauen warten im Jenseits, die Erlösung sowieso und im Hier und Jetzt bekommst du ein Kreuz pro Massengrab!

 

Dies ist ein Lied für die Namenlosen. Dies sind Strophen für die Vergessenen. Dies sind Takte für die Unbekannten. Für die unbekannten Arbeiter und Sklaven, die ausgebeutet, unterdrückt und misshandelt wurden in all den Zeiten und Systemen und deren Namen niemand kennt, weil in den Nachrichten kein Platz für sie ist. In den Schlagzeilen und Berichten liest man nur die Namen der Bosse und Macher, als würden sie fürs Bruttosozialprodukt selbst in die Hände spucken. Dabei trägt jeder einzelne mit Schweiß und Zeit zur Produktivitätssteigerung seines Mutterkonzerns bei.

 

Was ist das für eine Mutter, welche die Fußfesseln des Kapitalismus jeden Tag ein Stückchen enger schraubt? Ein gestrichener Urlaubstag für die eigene Rente, eine Stunde Mehrarbeit für das Managergehalt, und freiwilliger Weihnachtsgeldverzicht für die Arbeitsplatzsicherheit. Die Lohnerhöhung kommt in der Zukunft, der Wohlstand sowieso, und im Hier und Jetzt bleiben deine Hände leer …, damit du besser das Maul halten kannst!

 

Dies ist eine Geschichte für alle, die keinen Platz in der Geschichte bekommen haben. Für alle, die nur ein Fingerschnippen des Schicksals waren. Für alle, die man nicht googlen kann. Für alle, die ihre „15 minutes of fame“ nicht bekommen haben. Für alle, die ein so kleines Rädchen waren, dass die Maschinerie noch nicht einmal gestockt hätte, wenn sie nie gewesen wären. Für alle, deren wikipedia-Eintrag innerhalb von 10 Minuten gelöscht würde, wegen Irrelevanz, falls jemand sich die Mühe machen sollte, sie einzutragen…

 

Dies ist ein Gedicht für die Namenlosen. Dies’ sind Verse für die Vergessenen. Dies’ sind Laute für die Unbekannten. Für die unbekannten Mädchen und Jungen, die vergewaltigt, ermordet, verscharrt wurden in all den Jahrhunderten und deren Namen niemand kennt, weil es zu viele sind, um sie alle aufzuzählen. Weil in den Zeitungen und Zeitschriften nur Platz für die Namen der Täter ist, als wären sie es, die man in Erinnerung behalten müsste, auf dieser Welt!

 

Dies ist eine Schrift für die Namenlosen, dies sind Sätze für die Vergessenen, dies sind Silben für die Unbekannten. Für die unbekannten Zwangsprostituierten, die für Geld alles geben müssen und alles bekommen, auch Schläge und Aids. Für die unbekannten Müllmänner, die täglich unseren Dreck einsammeln und doch nie ein Ende finden werden wie Sisyphus. Weil es immer mehr Dreck wird. Für die unbekannten Bauern, Brauer und Bauarbeiter. Für die unbekannten Metzger, Maler und Menschenrechtler.

 

Dies ist ein Text für alle, für die auch ich keinen Namen habe, weil es kein Lexikon „Unbedeutende Personen der Menschheit – Band 1 bis 4.000.000“  gibt, um sie darin nachzuschlagen. Für all die Menschen, die man nicht kennt, aber die zu kennen es sich lohnen würde.

 

Uns so stehe ich vor euch, mit meiner Ode an die Namenlosen, mit meiner Schrift für die Vergessenen, mit meinem Manifest für die Unbekannten und kenne noch nicht einmal eure Namen. Aber ich glaube, dass ihr genau so wichtig seid wie Mutter Theresa, wie Mahatma Gandhi, wie Leonardo Da Vinci und ich weiß, dass jeder von euch eine Geschichte hat, genauso wie auch ich eine Geschichte habe. Dies ist ein Text für uns alle, auch wenn wir keinen Kontinent entdecken, keine Religion begründen und auch den Mond nicht mehr als erster Mensch betreten werden.

 

Dies ist ein Glaubensbekenntnis an euch und an mich, weil ich an uns glaube und weil ich weiß, dass jeder Mensch gleich viel wert ist.

 

© Aus dem Buch „Peace“ von Michael Jakob, erschienen im Lektora Verlag Paderborn im Nov. 2010, ISBN: 978-3-938470-56-5

http://michaeljakob.de/

Ode an die Namenlosen
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