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Rechtsanwalt Dr. Franz Norbert Otterbeck, Köln/Kevelaer

Manchmal erfährt man über die „sozialen“ Netzwerke noch Neuigkeiten. Etwa auch, dass internationale Hilfsorganisationen in die Kritik geraten sind. Das Machtgefälle sei dort noch größer als in Hollywood. Nicht selten seien junge Mädchen und Frauen also Übergriffen weißer Männer ausgeliefert, die als Manager der Nothilfe in Afrika, Afghanistan oder auf Haiti unterwegs sind. Die Aufklärung solcher und anderer Skandale auch mit Hilfe des Internets, also schnell und fast weltweit, erscheint moralisch geboten und allerseits nutzbringend, keine Frage. Manche Medien sind allerdings unter dem Druck des „world wide web“ selber ins Zwielicht geraten. Und das betrifft nicht nur die Massenzeitungen in London, deren wenig seriöse Berichterstattung dem „Brexit“ den Weg mit vorbereitet hat. In Deutschland galt über Jahrzehnte der SPIEGEL als unbedingt seriös, wenn auch mancher die Tendenz des „Sturmgeschützes“ der Demokratie (wie man sagte, als militärischer Sprachgebrauch noch üblicher war als heute) nicht mochte: antikirchlich, nationalliberal und gesellschaftspolitisch mehr und mehr „links“ orientiert. Jetzt räumt ‚SPIEGEL online‘ freimütig ein, dass der „Fall Relotius“ das Haus in eine Krise gestürzt habe. Der mehrfach preisgekrönte Reporter hatte nicht selten Tatsachen frei erfunden oder stark verfälscht. Karl Kraus in Wien brandmarkte bereits die Zeitungskultur seiner Epoche oft und oft als unmoralisch. Was würde er heute sagen, wo sozusagen stündlich wieder „eine Sau“ durchs globale Dorf gejagt werden kann?

Die global mediale Vernetzung verschafft demjenigen Beobachter immense Vorteile, der die Nachrichtenflut selber einzuordnen vermag, aufgrund von Vorwissen oder eigener Urteilskraft. Aber wegen des hohen Tempos aller postmoderner Berichterstattung kapiert auch der seriöse Leser nicht alles sofort. Wurde der Präsident in Venezuela am 23. Januar gestürzt – oder nicht? Der Parlamentspräsident selber zum Interimspräsidenten aus. Tags darauf bekannte sich das Militär zum umstrittenen Maduro. Da musste man „dranbleiben“, um informiert zu sein. Inzwischen zieht sich die Krise über Monate hin. Der leichte Zugang zu Informationen in kleinen Häppchen erhöht, entgegen dem ersten Anschein, die Anforderungen an die Konsumenten. Aber auch die Anforderungen an die Produzenten?

Ein mir gut bekannter Journalist, der früher dort oft zu Wort kam, warf mir später vor, man dürfe in konservativ profilierten katholischen Foren nicht mehr schreiben. Ich bin nicht stolz auf meine 30 Kommentare dort, weil sie doch immer aus bestimmten Situationen heraus entstanden sind und keine „ewige Geltung“ beanspruchen. Dem aber, der nach dem Verfassernamen sucht, vermitteln sie ein klares Profil. (Das gilt, Jahre später, auch immer noch für den Kritiker und seinen „Seitenwechsel“.) Ob nun in einem Medium mit Weltgeltung oder auch versteckt in einem Nischenprodukt: Wir alle stehen vor der Herausforderung, die persönliche Unabhängigkeit des Urteils im Angesicht der vielen Bildschirme zu stärken. Aber wie? Da nützt es wohl kaum, wenn bestimmte Publikationen „ausgeguckt“ und ausgegrenzt werden, am wenigsten in Politik und Wissenschaft.

Moral im Sinne persönlicher Tugend, auch der Tugend eines abwägenden Urteils, scheint doch heute an Relevanz zu verlieren. Als moralisch überlegen erscheint eher derjenige, der bestimmten Reizworten engagiert zustimmt, etwa die „Ehe für alle“ gutheißt als den längst überfälligen Durchbruch, hin zur Anerkennung „humanwissenschaftlicher“ Erkenntnisse. Wer da zögert und speziell den behaupteten, zwingenden Erkenntnisfortschritt nicht anzuerkennen vermag, steht „moralisch“ nicht selten im Schatten. Zum Kern des Problems, auch der Medienmoral, führt uns die Frage, wie „Autonomie“ richtig zu verstehen sein kann. Man wird allgemein zugestehen, dass niemand „seine“ Ethik tatsächlich selber erfindet. Heute stimmt „man“ anderen Autoritäten zu als zu anderen Zeiten. Wenn also auch die Journalistin oder der Publizist einen Gehorsam praktiziert, nämlich Werten zustimmt, die andere an ihn oder sie herantragen, sind wir bei der Frage nach der „Grammatik“ der Zustimmung (‚grammar of assent‘, J.H. Newman).

Welcher Erkenntnisweg bringt mich dazu, den Einzelnen, einer Vorgabe beizupflichten? Mich ihr zu verpflichten? In den Bereichen des „Populismus“ – links wie rechts – wird diese Frage ausgeklammert. Sie ist anstrengend. Zur Kritik auch stets die Antikritik zu bedenken: Das ist nicht jedermanns Sache. Es ist auch nicht immer erforderlich. Aber je wichtiger das Thema, umso „reflektierter“ müsste dazu das persönliche Urteil ausfallen. Aktuell gewinnt die Meinung medial an Zustimmung, dass deutsche Dieselfahrverbote auf Grenzwerten beruhen, die unter gesundheitlichem Aspekt zu niedrig angesetzt sein könnten. Obwohl das vielleicht nur ein Thema von „mittlerem“ Gewicht sein mag: Die Kompetenz des „rasenden Internetreporters“ könnte hier rasch überfordert sein. Gestern noch stimmte er der fast allgemeinen Ansicht zu. Heute ist er plötzlich besser informiert.

Horst Seehofer immerhin las bei seinem Abschied als CSU-Vorsitzender aus seinem Horoskop vor, es sei mitunter statthaft, eine bereits getroffene Entscheidung zu revidieren. Es blieb beim Abschied. Adenauer hätte dem Horoskop wohl zugestimmt: „Was hindert mich daran, alle Tage klüger zu werden?“ Was aber hindert die Medienmoral daran? Gute Frage.

 

Medienmoral. Gibt es sowas?

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