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Und er hasste sie hierfür. Und er hasste, dass er sie liebte. „Das ist Josh, ein Freund.“ Und sie schaute noch nicht einmal auf, zwischen ihren dunkelbraunen leicht gelockten Haarsträhnen, die ihr lose ins Gesicht hingen. Jene Haarsträhnen, welche ihre durch die Jahre verhärteten Gesichtszüge weicher erschienen ließen und ihr etwas Mädchenhaftes, Unschuldiges gaben. Sie saß da, las konzentriert, geradezu fasziniert, ihren Artikel über die richtige Reinigung von Silber Schmuck, damit sie auch ja nichts falsch macht. Sie macht ja auch sonst nichts falsch. Und er? Er wollte so viel mehr sagen. Dass er all die Wärme und all die Farbe in seinem Leben ist. Dass er die Sonne heller und die Blätter grüner leuchten lässt. Dass er der liebenswürdigste und gutmütigste Mensch ist, dem er jemals begegnet ist. Dass seine Ohren glühend rot werden, wenn er aufgeregt ist. Dass er jedes Mal aufs Neue zittert, wenn er ihn aus seinen elfengleichen Augen anschaut. Dass er sich auf seine vollen Lippen beißt, wenn er nachdenkt. Dass er ein herzförmiges Muttermal auf seiner Brust an der Stelle seines Herzens hat. Dass er schöner zeichnen kann, als die Welt Farben besitzt. Dass er der Mittelpunkt ist, um den sich all seine Gefühle, Gedanken und Emotionen drehen. Dass unsere Sprache nicht genügend Worte besitzt, um ausdrücken zu können, was ein Glück er hat. Ja, dass er wahrlich ein Glückswesen ist. Er ist das Wesen und Josh ist sein Glück. 

Doch was hätte sie schon verstanden? Dass sie einen Sohn hat, der nicht normal ist. Dass sie ihren Sohn falsch erzogen hat. Dass ihr Sohn missraten ist. Dass sie niemals eine Schwiegertochter haben wird, die ihr Hochzeitskleid anziehen wird, welches seit Generationen weitervererbt wird, welches bereits von ihrer Mutter und Großmutter am ihrer Meinung nach schönstem Tag im Leben getragen wurde. Dass sie niemals eine Schwiegertochter haben wird, der sie ihren Schmuck schenkt, der sie Schminktipps gibt, mit der sie die neuesten Low-Carb Rezepte ausprobiert. Dass sie niemals eine Schwiegertochter haben wird, die ihre, ihr ganzes Leben lang ersehnte, aber nie bekommene Tochter zugleich hätte sein sollen. 

Vielleicht hätte sie seinen Blick deuten können, nach all den vergangenen Jahren. Vielleicht hätte sie ihn endlich verstanden. Vielleicht hätte sie endlich seine Sehnsüchte, seine Hoffnungen, seine Bedürfnisse, seine Wünsche erkannt. Seine grenzenlose Liebe zu ihm, seine grenzenlose Liebe zu ihr. Genauso wie den Hass auf sie. Doch sie blickte nicht auf. Denn es war ja nur Josh, ein Freund. 

Kurzgeschichte „Josh“ zum Thema Homosexualität