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Dr. Beatrice von Weizsäcker,
Juristin, Publizistin, Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentags und des Ökumenischen Kirchentags 2021

Das wird jetzt mega-unbeliebt sein, aber das ist mir schnurz. Gestern begann in Rom das Treffen zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Und es rauscht im Blätterwald. Es rauscht? Ach, was! Es brennt nur so! … die Leidenschaft. Gegen „die Kirche“.

Sonderseiten, Berichte, Kommentare überall.

„Wo bleibt die Reue“, fragt heute in riesigen Lettern die ZEIT. „Wie kann man der Kirche noch glauben?“, will deren Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wissen. „Es ist ein Konzil der Schande“, wütete Heribert Prantl von der Süddeutschen in seinem Newsletter vom Sonntag: „Die Taten sind ‚katholisch‘, also allgemein, im buchstäblichen Sinn. Sie kontaminieren alles, was sich Kirche nennt. Es ist eine Gewalt, die sich verbreitet wie ein stinkendes Gas, vor dem man die Fenster nicht schließen kann. Und der Dreckhaufen, der mit den Verbrechen an den Kindern und Jugendlichen angehäuft wurde, ist so groß, dass er auch vor der Tür anderer Konfessionen liegt.“

Wämm! Wämm! Wämm!

ES IST DOCH KLAR, DASS SEXUELLER MISSBRAUCH ABSCHEULICH IST, AUFGEDECKT UND BESTRAFT WERDEN MUSS.

UND ES IST EBENSO VERSTÄNDLICH, WENN BETROFFENE SICH LAUTSTARK, JA ZORNIG ZU WORT MELDEN UND RECHENSCHAFT FORDERN.

Denn ganz offenkundig liegt da Vieles im Argen.

Aber die Art, wie Nicht-Betroffene und Nicht-Kirchenleute über die katholische Kirche herziehen, ist so einfach. So selbstgerecht. So selbstgefällig.

Ja, auch ich habe Wünsche an die Kirche. Ich wünsche mir eine Kirche, die Kirche ist. Die den Glauben vertritt. Die das glaubwürdig tut und mir nichts vormacht. Die meinen Glauben ebenso ernst nimmt wie meine bohrenden Fragen, meine quälenden Zweifel – an mir UND an ihr. Die das Frohe in mir genauso mag wie das Dunkle. Ja: mag.

Ich wünsche mir eine Kirche, die das Evangelium verkündet. Und wenn irgend möglich, selbst nach diesem Evangelium lebt. Die ehrlich ist. Die nicht falsch Zeugnis redet wider sich selbst. Das wünsche ich mir, die ich viele katholische Freunde habe, von der katholischen Kirche. Das wünsche ich mir, da ich evangelisch bin, aber vor allem von meiner eigenen.

Das Evangelium kennt keine Selbstgerechtigkeit. Keine Selbstgefälligkeit. Und auch kein Selbstgefallen.

Kontaminierte Kirche? Sexueller Missbrauch: Der Zorn ist berechtigt, aber manche Kritik selbstgerecht
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8 Gedanken zu „Kontaminierte Kirche? Sexueller Missbrauch: Der Zorn ist berechtigt, aber manche Kritik selbstgerecht

    • 25. Februar 2019 um 12:44
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      Danke für den Querverweis, Herr Neumann!

      Die Metapher „den Bock zum Gärtner machen“, die sie in Ihrem Artikel für einen Aspekt der kirchlichen Wirtschaftskriminalität verwenden, weckt bei der Thematik des Missbrauchs in Institutionen schrecklich passende Assoziationen:

      Hier geht es um Kleriker mit „Bock“, was aus psychologischer Sicht nicht verwunderlich ist. Unterdrückte Sexualität bahnt sich ihren Weg auch über Psychopathologie:
      Die Forschungsprojekt der Deutschen Bischofskonferenz vom 24.9.2018 spricht von drei Typen bei den Beschuldigten: Dem „fixierten Typus“ mit möglicher pädophiler Präferenzstörung, dem „narzisstisch-soziopathischen Typus“ bei dem Machtmissbrauch auch im sexuellen Missbrauch kulminieren kann und dem „regressiv-unreifen Typus“ mit defizitärer persönlicher und sexueller Entwicklung.

      Nicht nur wohlwollende Geistliche, sondern auch diese Kleriker mit Bock auf Sex, Macht und Gewalt haben Zugriff auf Kinder und Jugendliche, die von ihnen erzogen werden.
      Erziehung und Garten sind ein Begriffspaar mit Tradition. Man denke an KinderGARTEN, oder auch Erziehung in der Bedeutung, das Wachstum in eine Richtung zu lenken, wie in der Obstbaumerziehung. Was passiert, wenn man einen Obstbaum mit Gewalt verstümmelt, wissen wir. Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist ein Verbrechen, das enorme psychische, persönliche und soziale Schäden und so tiefes Leid, oft über mehrere Generationen hinweg, verursacht.

      Dem Einwand, das würde nur auf wenige Kleriker zutreffen und es sei lediglich ein Abbild der Gesellschaft, wird durch die benannte und andere Studien klar widersprochen. In kirchlichen Institutionen kommt es zu statistisch signifikant überdurchschnittlich viel Missbrauch, dessen Auftreten sozio- und psychologisch plausibel erklärt werden kann.

      Wenn nun in der Aufarbeitung der sexuellen Gewalttaten die Böcke beim Gärtnern beteiligt werden, kommt ein ähnlich beschämendes Ergebnis wie beim „Runden Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ (RTH) heraus.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Runder_Tisch_Heimerziehung_in_den_50er_und_60er_Jahren

      Aus diesem Wiki-Artikel stammt die Einschätzung von Manfred Kappeler über die Vertreter der ehemaligen Heimkinder:
      „Sie waren mit Vertrauen in die vorbehaltlose Aufklärung der Heimerziehung und ihrer Folgen für die ihr ausgelieferten Kinder und Jugendlichen und mit der Erwartung einer ihnen gerecht werdenden Rehabilitation und Entschädigung in dieses Gremium gegangen und mussten erleben, dass sie von den meisten anderen Mitgliedern herablassend und wie „Klienten“ behandelt wurden, deren substantielle Anliegen nicht akzeptierte wurden. Sie wurden nicht gehört, sondern angehört, wie Zeugen vor einem Untersuchungsausschuss. Alle sechs Ehemaligen am RTH, die drei Mitglieder und ihre drei Vertreter (diese mit einem bloßen Anwesenheitsrecht, d. h. ohne Rede- und Stimmrecht wenn die Vollmitglieder anwesend waren – nur in der letzten Sitzung durften sie reden und abstimmen), haben mir diese demütigende Erfahrung, die sie an ihre Kindheit in den Heimen erinnerte, wiederholt berichtet.“

      Mich wundert nicht, dass das Krisenmanagement der Kirche von ihnen höchst skeptisch betrachtet wird. Aus dem Runden Tisch ging die Organisation „Eckiger Tisch“ hervor – als logischer Schritt aus der Erfahrung, dass Vertrauen und Kooperation mit den Tätern zur Retraumatisierung führt.

      Hansjörg Albrecht

      Antworten
  • 22. Februar 2019 um 22:49
    Permalink

    Sehr geehrte Frau von Weizsäcker,

    angenommen es wäre so klar, wie Sie das schreiben „DASS SEXUELLER MISSBRAUCH ABSCHEULICH IST, AUFGEDECKT UND BESTRAFT WERDEN MUSS.“
    Warum, so frage ich (nicht nur) Sie, werden weder Aufdeckung noch Bestrafung von Seiten der Kirche konsequent betrieben?
    Sie kennen doch sicher die Posse um die auf gesellschaftlichen Druck eingesetzte Forschergruppe ohne echte Forschungsbefugnis, die zurückgehaltenen Akten, die Verzögerungen bis Taten verjährt sind, die hilflose Wut und Empörung wie sie immer wieder aus Opfervereinigungen wie dem Verein ehemaliger Heimkinder VEH formuliert werden. Oder nicht, soll ich Ihnen einige alternative Informationsquellen nennen?
    Noch dazu stehen die kirchlichen Strukturen mit ihrer systematisch immer wieder kehrende Dynamik von Machtmissbrauch und sexueller Gewalt nicht erst jetzt in der Kritik, sondern seit Jahrhunderten. (Verbrechen, die von Kirchenleuten und in Kirchengebäuden – also von „der Kirche“ – begangen wurden, stehen seit langer Zeit scharf in der Kritik. Akribisch erforscht z.B. in „Die Kriminalgeschichte des Christentums“ von Karlheinz Deschner)

    Weiter schreiben Sie großbuchstabig „UND ES IST EBENSO VERSTÄNDLICH, WENN BETROFFENE SICH LAUTSTARK, JA ZORNIG ZU WORT MELDEN UND RECHENSCHAFT FORDERN.“
    Nur: Was helfen all die Forderungen, wenn sie als übertrieben abgewertet, überhört, übertönt und ständig abgewiegelt werden? Ist Ihnen bewusst wie verhöhnt sich die Opfer bisher vorkamen? Hatten Sie schon einmal Kontakt mit traumatisierten Menschen, die gar keine Möglichkeit mehr haben sich im Zorn zu artikulieren? Die dissoziieren, depressiv sind, an Schlaflosigkeit und chronischer Unruhe leiden, zu Drogen greifen und erschreckend häufig Suizid als einzigen Ausweg sehen um die Folgen des Kindesmissbrauchs nicht länger aushalten zu müssen?
    Für meinen Geschmack tun Sie das zu leicht ab, mit der euphemistischen Formulierung „ganz offenkundig liegt da Vieles im Argen“. Die angeführten Pressezitate beschreiben die Schrecken viel angemessener, um nachzuvollziehen welche Emotionen in der Debatte mitschwingen.

    Und natürlich ist es „einfach“ Kritik zu üben, wenn Kinder gequält und missbraucht werden. Wer würde sich nicht angesprochen fühlen von so viel Leid, Angst und Schmerz, das den Kindern angetan wurde? Wie sollte bei den Geschichten, die nun die Öffentlichkeit erreichen, Abscheu und Wut außen vor bleiben können? Wozu soll gut sein das als „wämmernde“ Schläge gegen Sie oder ihre Kirche zu beschreiben?
    Als Gedankenexperiment: Angenommen die Täter wären nicht Kleriker, sondern Mitglieder eines Pornoringes, der abgeschottet und zur Befriedigung pädophiler Neigungen systematisch Kinder missbraucht – würden sie für diese Täter auch in die Bresche springen und Kritik von Außenstehenden als selbstgerecht und selbstgefällig titulieren? Wohl kaum.
    Ich finde Ihren Schutzreflex für die Institution Kirche an dieser Stelle falsch. Hier geht es im Kern um sexualisierte Gewaltkriminalität. Religion und Kirchenstrukturen bilden den Kontext, der sicherlich auch mit kritisiert wird und werden muss. Diese Kritik jedoch auf atheistische Aufmüpfigkeit zu reduzieren, würde vom Kern ablenken und das kriminelle Treiben letztlich schützen.

    Wollen Sie uns sagen, nur Betroffene oder Kirchenleute hätten das Recht, zu den jetzt publik werdenden Straftaten eine Meinung zu haben? Das wäre eine höchst problematische Auffassung die ganz dem Muster des institutionellen Missbrauchs folgt: Sogar schwerste Menschenrechtsverletzungen werden als interne Angelegenheit betrachtet, in die sich die Gesellschaft nicht einmischen soll. Genau das führte dazu, dass Opfer isoliert und mit den mächtigeren Tätern alleine gelassen werden und sich ein Milieu bildet, in dem die Taten immer monströser werden können.

    Ähnlich wie in meiner Argumentation oben, will ich Ihre Wünsche an die Kirche, Ihren Umgang mit Zweifeln, die Feinheiten der konfessionellen Brüderlichkeit und die Auslegungen zum Evangelium nicht näher kommentieren. Ich sehe die Gefahr, dass sonst Fragen der Theologie und des persönlichen Glaubens mit dem aktuellen Problem vermischt werden. Jetzt geht es darum, herauszufinden wie im Umfeld von und in kirchlichen Institutionen Sexualverbrechen verfolgt, Opfer entschädigt und Kinder wirksam geschützt werden können. Das ist unser ungelöstes gesellschaftliches Problem, das wegen der starken Verfilzung von Kirche und Staat nicht ebenso entschieden und klar angegangen werden kann, wie es bei anderen Sexualstraftaten.

    Daran müssen wir arbeiten und zwar auch gegen den Willen von Kirchenfunktionären, denn es geht um Menschenrechte und Humanismus.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hansjörg Albrecht
    Systemischer Familientherapeut
    Bund für Geistesfreiheit Fürth

    Antworten
  • 23. Februar 2019 um 13:16
    Permalink

    Eine richtige und wichtige Stellungsname zu der überbordenden Polemik!
    Ich empfehle allerdings die beiden Teile des Titels nicht mit einem „aber“ zu verbinden da hierdurch schnell etwas Entschuldigendes oder Relativierendes hinein interpretiert werden könnte. Wie wäre es z.B. mit einer Formulierung „und trotzdem“ ?

    Antworten
  • 23. Februar 2019 um 22:56
    Permalink

    Ich freue mich sehr über diesen wirklich mutigen, meinungsstarken Beitrag von Frau Dr . Von Weizsäcker. Die Übel des Missbrauchs werden klar benannt. Der Handlungsbedarf unmissverständlich herausgestellt. Das unerträgliche Leid der Opfer wird klar in den Mittelpunkt gestellt. Und es wird zugleich deutlich, dass all die Verfehlungen ein Verrat des Evangeliums sind. Daraus folgen Scham und Demut. Keineswegs aber ein neuer Hochmut, der aus ideologischen Eigennutz gegen jede Vernunft den christlichen Glauben zur eigentlichen Ursache des Übels machen will, die es auszumerzen gilt. Das wäre eine Verzweckung des Grauens. Solche Verdrehung scheint die Botschaft Jesu ebensowenig zu kennen wie es die zahllosen Christinnen und Christen, ignoriert, die diese Botschaft Tag für Tag voller Leidenschaft und Begeisterung leben: im Einsatz für kranke, einsame, behinderte, sterbende, ausgegrenzte, suchende, verzweifelte Menschen. Millionen glaubwürdige Bekenner und ihre im Geist des Evangeliums gelebte Humanität wurden durch die Verbrechen skandalös beleidigt. Deren Geist glaubwürdigen Christseins ist der glaubwürdige Kompass des Guten für Kirche und Gesellschaft, wenn sie nicht gottlos werden wollen.

    Antworten
  • 25. Februar 2019 um 10:20
    Permalink

    Sehr geehrter Herr Albrecht,

    haben Sie Dank für Ihren Kommentar. Ich verstehe Ihre Haltung, ja, Ihre Wut besser, als Sie vielleicht denken. Denn auch ich kenne Opfer sexuellen Missbrauchs. Wie Sie frage ich mich, warum „weder Aufdeckung noch Bestrafung von Seiten der Kirche konsequent betrieben“ werden. Wie Sie bin ich mir im Klaren, dass es u.a. am abgeschlossenen System der Institution, an ihren Strukturen liegt. Darum ja ist Kritik von außen notwendig, ja unerlässlich. Natürlich haben nicht nur „Betroffene oder Kirchenleute“ das Recht, eine Meinung zu haben. Ganz im Gegenteil: Es war vor allem der Druck der Medien der zum Treffen in Rom geführt hat. Gott sei Dank!

    Mein Anliegen ist ein ganz anderes. Mit geht es um den Ton. Um die Gnadenlosigkeit, die damit verbunden ist. Eine Gnadenlosigkeit, die von der Kirche nicht, aber auch gar nichts mehr übrig lässt. Das hat die Kirche nicht verdient. Ich könnte eine Reihe von Beispielen nennen, in denen die katholische Kirche Gutes bewirkt hat und immer noch bewirkt, ich nehme nur eines heraus: ihr unermüdliches Engagement für geflüchtete Menschen. Gerade in Bayern, wo ich lebe, war die Gastfreundschaft unvergleichlich, als die vielen Menschen Ende 2015 nach Deutschland kamen. Bis heute hält das an. In München gab es im Herbst 2018 eine große Demonstration für die zivile Seenotrettung. Zigtausende kamen. Viele von ihnen aus der katholischen Kirche, Priester, Nonnen, Laien. Das alles wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn man schreibt: „Die Taten (…) kontaminieren alles, was sich Kirche nennt.“

    Das finde ich zu leicht. Dagegen wende ich mich.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Ihre
    Beatrice von Weizsäcker

    Antworten
    • 25. Februar 2019 um 17:39
      Permalink

      Sehr geehrte Frau von Weizsäcker,

      besten Dank für die Antwort! In der Einschätzung wie wichtig die öffentliche Kritik als Korrektiv gegen abgeschottete Institutionen und staatliches Handeln als Garant für Kinderschutz ist, liegen wir demnach auf einer Linie. Das freut mich!
      Allzu oft beobachte ich eine Eselsgeduld im staatlichen Handeln, wenn es um Verfehlungen, oder Vorteilnahmen der Amtskirchen geht, dich ich mir nur schwer erklären kann. Das betrifft nicht nur unser Thema, sondern auch die Kirchenfinanzen, das Arbeitsrecht und vieles mehr.
      Möglicherweise liegt das an der „intuitiven Vorstellung von der sakrosankten Eigenständigkeit der Kirche“, wie es die sechs Juraprofessoren formulierten, die im Oktober 2018 gegen 27 Diözesen Strafanzeigen stellten. Durch die Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ sahen sie einen zwingenden Anlass zur Einleitung von Ermittlungen, um eine juristische Aufarbeitung zu ermöglichen. In einem Tonfall, den ich für sehr klar und angemessen halte:
      https://weltanschauungsrecht.de/strafanzeigen-missbrauch-katholische-kirche

      Damit wäre ich beim zweiten Punkt, dem Tonfall. Natürlich ist ein sachlicher Tonfall viel zielführender für die Lösung der anstehenden Aufgaben als Empörungsäußerungen und Polemik. Genau aus diesem Grund halte ich wissenschaftliche Begutachtung und den juristisch-nüchternen Blick für notwendig um in der Gesellschaft die Wertedebatte zu fördern, Transparenz zu erzeugen und durch die Judikative Grenzen und Normen zu festigen.
      Die Studie war ein guter, aber bei weitem nicht ausreichender, Schritt dazu. Die Beschränkungen denen die Forscher unterlagen und die Zögerlichkeit der Staatsanwaltschaften im Anschluss schaffte bisher noch keine Transparenz, sondern eher Spekulationen über die Dinge im Dunkelfeld – und damit helle Aufregung. Gerade weil die Ergebnisse der Forschung eine Dimension des Schreckens erreicht haben, die man sich vorher nicht vorstellen konnte, sind die Fakten noch lange nicht ausreichend geklärt. Wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen Schludrigkeit, Organisationsversagen und schwersten systematischen Verbrechen ist noch offen. Ob missbrauchte Kinder und Jugendliche eher das persönliche Pech hatten zu Opfern von kriminellen bzw. kranken Einzeltätern zu werden, oder ob Struktur und Dynamik kirchlicher Einrichtungen mächtige Seilschaften sich gegenseitig schützender Täter erzeugen, die sich ungehindert isolierte Opfer für Missbrauchshandlungen suchen können, muss polizeilich ermittelt und weiter wissenschaftlich ausgewertet werden.

      Wenn Sie als Person des öffentlichen Lebens die Notwendigkeit von Kritik und Aufklärung der Sachverhalte bejahen, machen Sie nicht den Fehler ihre (bzw. die katholische) Kirche zu verteidigen, wo es nichts zu verteidigen gibt: Verdienste von Personen oder Organisationen können kein Argument sein, um von Strafverfolgung bei Menschenrechtsverletzungen abzusehen.
      Angenommen man beschwichtigt hier und lässt der Kirche wegen ihres Ansehens Dinge durchgehen, die unsere Normen und Werte unterlaufen, dann machen Betroffene und solidarische Beobachter die Erfahrung, den bestens vernetzten Kirchenfunktionären (ich meine ausdrücklich nicht die gläubigen Bürger) ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Der Protest wird dementsprechend immer wütender, der Tonfall bissiger und die Vorwürfe richten sich nicht mehr nur gegen den jeweiligen Sachverhalt, sondern zunehmend gegen herablassende Ignoranz, gegen die Verfilzung zwischen Staat und Kirche und gegen den Einsatz von illegitimer Macht. Diese Spirale beobachte ich schon lange. Hier wirkt ein Aufruf zur Mäßigung im Tonfall, bei gleichzeitig vernebelter Sachlage und einem stabilisierten Gefälle der Macht, eher weiter eskalierend. Ich denke das sehen wir ähnlich, Sie schreiben ja selbst, das der Zorn von Betroffenen verständlich ist.

      Ich verstehe auch, dass Sie sich Differenzierung wünschen und nicht alles an der Kirche schlecht geredet haben wollen. Ja, das halte ich für berechtigt. Durch die schlechten Zeitungsartikel mit pauschal abwertenden Inhalten die ganze Leistung von christlich motivierten Menschen in Frage gestellt zu sehen, finde ich allerdings übertrieben und auch wenig differenziert. Die medialen Gesetzmäßigkeiten bei Skandalen sind ja hinlänglich bekannt.
      Ich vermute bei Ihnen eine, ebenso verständliche, Gegenempörung wegen Ihrer hohen Identifikation mit der Kirche. Aus meiner Sicht geht es in der aktuellen Missbrauchsdebatte nicht um Grundsatzfragen und ob an der Kirche alles gut, oder alles verwerflich sei (beide Positionen sind unhaltbar), sondern um die Aufklärung der konkreten Geschehnisse. Ganz gleichgültig welche weltanschauliche Position man bezieht, in der Verurteilung von sexuellem Missbrauch sind sich Christen und Nichtchristen sehr einig.

      Deeskalierend finde ich darum, sich nur möglichst kurz mit Empörung und Gegenempörung aufzuhalten. Diese dienen zwar der emotionalen Entlastung, werden aber keinen Erkenntnisfortschritt für den Themenkomplex bieten können.
      Entschiedene, sachliche, akribische und objektive Aufklärung von persönlicher und organisatorischer Verantwortung und Schuld, Entlastung von falsch beschuldigten Klerikern, Anerkennung des erlebten Unrechtes und Entschädigung von Opfern, das ist – endlich! – dran. Das deckt sich aus meiner Sicht auch mit christlichen Werten und sollte uns, ungeachtet der medialen Begleitmusik, zu Gunsten der Kinder gelingen.

      Sie wenden sich gegen leichtfertige Beschädigungen der Kirche. Das ist mir ziemlich schnurz, auch wenn ich mich damit bei Ihnen mega-unbeliebt mache 😉

      Gemeinsam wenden wir uns gegen die Beschädigung von Kindern. Das halte ich für wichtig und verbindend.

      Mit freundlichen Grüßen
      Hansjörg Albrecht

      Antworten
  • 6. März 2019 um 1:13
    Permalink

    Die Kirche braucht Gläubige wie Sie, Frau Dr. Weizsäcker, die sich brav mit Wünschen bescheidet. So kann sie weiterwurschteln und in 10 Jahren wird dann die nächste Kommission ins Rennen geschickt.

    Antworten

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