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von Elmar Nass, Fürth

Wen wundert schon die zunehmende Kirchenflucht? Der Zug in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit der Christen hat weiter an Fahrt aufgenommen. Mancher, der sich die Kirche sparen will, mag sich darüber freuen. Auf der anderen Seite zeigen Klagen über den Mitgliederschwund und das bekannte Lamentieren über Lehren daraus keine Wirkung. Schnell entsteht der Eindruck, dabei gehe es nicht um die Seelen, sondern zuerst um verloren gehende Macht und ums liebe Geld. Besonders unglaubwürdig wirkt, wenn das allzu Weltliche unter geistlichem Deckmantel daherkommt. Und auch manche redliche Mühen der letzten Jahre scheinen vergebens: Die populär versuchte Verschmelzung mit dem vermeintlich politischen Konsens blieb ein Fehlschlag, das Kreisen um sich selbst und Strukturen wirkte eher lähmend. Die großartige Seelsorge, die an so vielen Orten ehrlich gelebt wird, bleibt leider im Schatten. Was nun?

Für mich als Priester aus Leidenschaft ist die Krise der Kirche gerade die Unglaubwürdigkeit: Wenn Menschen spüren, dass es da manchem Funktionär wohl in Wirklichkeit um Posten, Applaus und Finanzen geht, emigrieren sie, sei es innerlich oder eben auch äußerlich. Das ist traurig. Aber nicht deshalb, weil der Kirche dadurch Geld verloren geht, sondern weil durch solche Abkehr Jesus Christus immer mehr in Vergessenheit gerät, und weil Menschen nunmehr auf ihrem Lebensweg stattdessen lieber sich selbst, der Technik, der Wirtschaft o.a. vertrauen. Eine in diesem Sinne gottlos entchristlichte Gesellschaft gibt einen wesentlichen Anker von Orientierung und Zusammenhalt preis: Die Botschaft von Jesus steht überzeugend für die unbedingte Würde gerade der Schwachen. Sie steht für Befreiung des Gewissens, für Toleranz, für ein inklusives Miteinander als Menschheitsfamilie. Sie steht für eine kritische Hinterfragung politischer Ideologien, von selbst ernannten Göttern wie etwa Machbarkeit, Markt, Medien oder Militär. Sie steht für Hoffnung in der Depression, in der Einsamkeit, in Krankheit und Sterben. Sie steht für eine Kultur der Vergebung und des Vertrauens. Sie verspricht eine Sinnerfüllung auch jenseits von irdischem Glück. Sie öffnet eine Perspektive über die weltliche Existenz hinaus, öffnet den Raum zu Geheimnis und Transzendenz. All das ist keine Apologie des Christentums, sondern die ausdrückliche Wertschätzung des säkularen Philosophen Charles Taylor für das Christentum.

Was wird an die Stelle treten, wenn der Jesus-Glaube weiter verloren geht? Das ist die wirklich relevante Frage. Vielleicht eine andere Religion: Doch – das darf ich als Christ wohl fragen – welcher Religionsgründer hat eine umfassend humanistischere Botschaft als Jesus von Nazareth? Vielleicht eine säkulare Vernunftethik: Doch wenn der ethische Universalist Immanuel Kant jetzt gerade vom Sockel gestürzt werden soll, welche objektiven Begründungen von Freiheit, Würde und Gerechtigkeit wollen dann überzeugen? Vielleicht finden wir uns einfach ab mit Pragmatismus ohne Gesetze von Religion und Vernunft: Aber was hält uns dann noch zusammen? Was garantiert wirklich unsere Werte? Etwa China steht schon bereit zu einem umfassenden Imperialismus: Heute Hongkong, morgen Taiwan, und irgendwann auch wir. Ohne feste Werte sind wir ein Spielball solcher Mächte.

Die Orientierung an Jesus Christus ist dagegen ein verlässlicher Kompass für Würde, Freiheit und Gerechtigkeit. Allein deshalb lohnt es sich, für Jesu Botschaft zu streiten. Aber auch – das ist meine persönliche Überzeugung –, weil die Erfüllung unserer humanen Existenz im Leben mit Gott liegt. Hier liegt der Auftrag für die grundlegende Erneuerung der Kirche, im Dienst an Mensch und Gesellschaft. Solche Reform ist notwendig, um Jesus Christus in den Mittelpunkt zu stellen und alles andere an den Rand. Damit kann die Kirche wieder Menschen gewinnen: Mit Glaubwürdigkeit im Geist, im Vorbild, im Argument und im Streiten gegen den Strom, sei er noch so mächtig.

Keine Apologie wider die Kirchenflucht
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5 Gedanken zu „Keine Apologie wider die Kirchenflucht

  • 5. Juli 2020 um 7:25
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    Den Ausführungen ist in vollem Umfange zu zustimmen. Für den Einzelnen bleibt, der individuellen Verantwortung so gut es geht gerecht zu werden und im Miteinander am Aufbau mitzuwirken. Alles Andere liegt in Gottes Hand.

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  • 5. Juli 2020 um 11:29
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    Ich kann das alles voll unterschreiben: Der Auftrag für eine grundlegende Erneuerung der Kirche. Ich bin dabei. Nur wie?
    Die Traditionskirche wird sagen: Wir sind auf dem richtigen Weg: Reduzierung auf das Wesentliche, Entweltlichung, Bewahrung des wahren Glaubens.
    Der synodale Weg wird vielleicht sagen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Christ in der Gegenwart, der Mensch im Blickpunkt – dort abholen, wo er ist….
    ….Allein deshalb lohnt es sich, für Christi Botschaft zu streiten.
    Wie machen wir das?
    Noch etwas ratlos aus Nettetal: Dietmar Sagel

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    • 6. Juli 2020 um 9:48
      Permalink

      Lieber Herr Sagel! Danke für Ihr Feedback aus meiner Heimat am Niederrhein. Natürlich ist so ein Text nur ein Weckruf. Einige Denkanstöße dazu, wie es vielleicht gehen könnte, habe ich versucht, 2019 in einem Buch „Utopia christiana“ zur Diskussion vorzustellen. Das ist natürlich auch kein Masterplan, aber ein Versuch…

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  • 8. Juli 2020 um 0:29
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    Gemeinschaften, die christliche Werte leben, auf Augenhöhe und ohne Hierarchie, scheinen mir zu funktionieren. Engagement für den Nächsten statt dogmatisches Verharren, Freiheit, Offenheit, Ausprobieren und Toleranz. Communio ist das Fundament einer christlichen Gemeinde. Tradition per se ist kein Wert, sondern ein Mittel zum Zweck. Eucharistie ist wegen mir Höchstform aber keinesfalls Normalform der Liturgie. Sitz im Leben sollte Herz jeglicher Verkündigung sein. Liturgie hat viele Gesichter, wir sollten mutig vieles ausprobieren. Manche Dogmen sind vielleicht Glaubenswahrheiten ihrer Zeit, aber Zeiten ändern sich. Wenn wir wollen, dass Kirche bleibt, dann müssen wir den Wandel wagen.

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  • 9. Juli 2020 um 12:52
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    Ich hätte ein paar Vorschläge wie die Kirche zeigen könnte, dass es ihr um die Sache an sich (also z. B. das Seelenheil der Menschen) geht und nicht um das Geld:

    1) Die Kirche könnte sich dafür einsetzten, dass die Kirchensteuer (welche übrigens höher als der Soli bemessen wird) abgeschafft wird. Diese Steuerlast könnte unter einem anderen Namen auch erhalten bleiben, aber direkt über den Staat in Umverteilungsprogramme (welche dem Menschen dienen sollen) investiert werden. Das wäre ein starkes Zeichen für die Ernsthaftigkeit der Kirche. Außerdem wäre es eine Geste des Modernisierungswillens, denn Deutschland ist eines der wenigen europäischen Länder das überhaupt noch so etwas wie eine Kirchensteuer hat.

    2) Die Kirche könnte auf den Staat zugehen und freiwillig auf die Entschädigungsleistungen, die seit über 100 Jahren abgegeben werden verzichten. Entschädigt wird die Kirche für die Enteignung, welche während der napoleonischen Feldzüge stattgefunden haben – also für ein Vergehen, dass sehr lange zurück liegt. Wenn die Kirche auf diese Entschädigungsleistungen verzichtet würde sie nicht nur den Staat erheblich entlasten, sie würde sich auch kohärent mit ihrer eigenen Predigt der Vergebung zeigen. Vergebung für die Taten der Feldherren des 18ten Jahrhunderts indem der Staat des 21 Jahrhunderts nicht länger Entschädigung zahlen muss.

    3) Wenn die Kirche ihre Mitglieder anschreibt um ihnen beispielsweise Gesundheit oder ein frohes Fest zu wünschen, könnte die Kirche hin und wieder darauf verzichten einen Überweisungsträger mit in den Brief zu legen. Durch den Überweisungsträger erscheint der wahrscheinlich ernst gemeinte Wunsch weniger glaubwürdig.

    4) Die Kirche könnte während den Gottesdiensten darauf verzichten Geldkörbe herum zu geben. Eine einfache Spendenbox am Ausgang tut es für jene die freiwillig spenden wollen auch. Die Geldkörbe stattdessen wirken gierig – und besonders bei Beerdigungen sehr unangebracht und schlichtweg respektlos.

    Soviel zum Geld. Als weitere Modernisierungsvorschläge könnte das Zölibat für Priester abgeschafft oder zumindest nur auf freiwilliger Basis eingehalten werden. Zusätzlich könnte man (gerade in der katholischen Kirche) Frauen den Zugang zur Priesterweihe ermöglichen (Ich kenne da den aktuellen Stand nicht – möglicherweise gibt es an dieser Stelle schon Fortschritte) . Weiterhin könnte man die Leistungen der Kirche nicht an die Mitgliedschaft binden (Bsp. Eheschließungen und Patenschaften).

    Einer Kirche die sich in diese Richtungen verändert könnte aus meiner Sicht wieder mehr Vertrauen entgegengebracht werden. Leider ist es unwahrscheinlich, dass die Entscheidungsträger in der Kirche jemals freiwillig solche Veränderungen einleiten werden.

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