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Interview mit Elmar Nass

Teilen Sie bezüglich eines kommenden Impfstoffes den Optimismus und wie begründen Sie Ihre Ansicht?

Ein tatsächlich wirksamer Impfstoff wird zahlreiche positive Wirkungen haben. Es schwindet dann zuerst das Gefühl der Machtlosigkeit, die dumpfe Angst, dass alles uns irgendwie entgleitet. Es ist dann das Licht am Ende des Tunnels tatsächlich sichtbar, und das verändert mental eine Menge. Wenn dann einmal hinreichend viele Impfungen durchgeführt sind, dann können mit tatsächlich guten Gründen Zwangsmaßnahmen wieder gelockert werden. Es wandelt sich das gesellschaftliche Empfinden zu einem neuen Optimismus, der sowohl die Wirtschaft beflügelt als auch das soziale Miteinander wieder stärkt. Natürlich müssen wir auch dann wachsam bleiben, wenn etwa das Virus mutiert. Ziel müsste es sein, dass diese Impfung so normal wird wie die Grippe-Impfung. Das wäre der Durchbruch. Unbedingte Voraussetzung für dieses Szenario ist die erwiesene Wirksamkeit. Ansonsten geht der Schuss nach hinten los. Das wäre fatal für Wirtschaft, sozialen Frieden und Vertrauen in Wissenschaft, Politik etc.

Normalerweise dauern Zulassungen von Impfstoffen viel länger. Wie sehen Sie dieses verkürzte Verfahren aus sozialethischer Sicht?

Verkürzte Verfahren sind die Ausnahme. Es gibt sie etwa auch bei so genannten Orphan-Drugs, also bei Mitteln oder Therapien für seltene, schwere Krankheiten. Diese Verkürzungen sparen Geld und schaffen so Anreize für eine entsprechende Entwicklung und Produktion. Was hier ökonomisch wirksam für eine gute Versorgung funktioniert, ist nun in der Corona-Situation wohl erst recht ein guter Grund für eine Ausnahme. Dabei ist ein starker Fokus auf die Analyse von Nebenwirkungen und Kontraindikationen zu legen. In Anbetracht der großen Verantwortung, die mit der Einführung eines Impfstoffes verbunden ist (siehe die Antwort oben) stehen wir hier vor einem entscheidenden Vertrauenstest für die deutschen Zulassungsbehörden. Dieses Vertrauen haben unsere Wissenschaftler und Institutionen verdient. Unbedingte Voraussetzung dafür ist nun die zu garantierende Sicherheit, dass nicht egoistische wirtschaftliche Interessen (von Politikern o.a.) hier mit im Spiel sind, einen bestimmten Impfstoff zu bevorzugen. Sollte sich das herausstellen, wären die Folgen wiederum verheerend.

Wie beurteilen Sie das Wettrennen um die Sicherung von Impfdosen?

Zunächst einmal sollte man nicht zu schnell vorpreschen, solange die Wirksamkeit noch nicht hinreichend erwiesen ist. Die jetzt propagierten 95 % Wirksamkeit müssen noch hinreichend belegt werden. Alles andere als solche Sorgfalt wäre sowohl medizinisch wie für den sozialen Frieden unverantwortlich. Also wenn dann ein wirksamer Impfstoff da ist, nur dann ist es ja ganz menschlich und nachvollziehbar, dass hier jeder, der auf eine positive Wirksamkeit der Impfung setzt, davon möglichst schnell profitieren möchte. Und ebenso natürlich ist es auch, dass Politiker hier zuerst ihr eigenes Land im Blick haben. Für das nationale Rationierungsproblem hat der Deutsche Ethikrat einige Leitlinien vorgeschlagen und diese im Wesentlichen mit den üblichen vier medizinethischen Kriterien nach Beauchamp / Childress begründet: Autonomie der Entscheidung, Nicht-Schaden, Wohltun und Gerechtigkeit. Alles wird dabei dem Prinzip der Dringlichkeit untergeordnet, wobei etwa Gleiches gleich und Ungleiches ungleich priorisiert werden soll. So wird erklärt, dass etwa Pflegende von Covid19-Patienten auf der Prioritätenliste höher stehen sollen als andere. Eine genaue Priorisierung, die auch die Einhaltung der einzelnen Prinzipien hinreichend gewichtet, kann von diesem prinzipienethischen Ansatz nicht erwartet werden. So bleibt es am Ende auch bei den drei zu priorisierenden Personengruppen (nicht kontraindizierte Risikogruppen, Personal im Gesundheitswesen und Personen, die eine Schlüsselstellung zur Aufrechterhaltung zentraler staatlicher Funktionen haben) offen, wie hier im Zweifel zu gewichten ist. Hier bleiben also noch viele Fragen offen, etwa auch, wer denn nun zu der dritten Gruppe dazugehören soll. Und überhaupt: Wer entscheidet nach welchen Kriterien, was gleich und was ungleich zu bewerten ist? Hier sind also noch einige Hausaufgaben zu machen. Wichtig ist dabei, dass sich bei solchen Justierungen nicht ein kruder Utilitarismus einschleicht, wie er etwa im Frühjahr durch die Triage-Empfehlungen der Ärztevereinigung SIAARTI in Italien offenbar wurde.

Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen nennen es ein Gebot der Moral, dass jeder auf der Welt Zugang zu diesem Impfstoff erhält. Wie sehen Sie die Verteilung zuerst an Länder der ersten Welt und dann erst an ärmere Länder aus sozial- und wirtschaftsethischer Sicht?

Dieses Gebot ist aus christlicher Sicht gut begründet in der Idee der allgemeinen Bestimmung der Güter dieser Welt für alle. Damit ließe sich dann auch eine idealistisch globale Kollektiveigentumsgesellschaft begründen. Von dieser Utopie der Gerechtigkeit hatte aber schon Thomas von Aquin Abstand genommen und für das Privateigentum geworben, welches seine Sozialpflichtigkeit behält. Nehmen wir das als Argument, dann heißt das: Eine marktwirtschaftliche Verteilung ist nicht per se schlecht. Sie schützt sogar davor, Impfstoffe womöglich korrupten Regimen in die Hände zu spielen. Mit dem Erwerb der Impfstoffe ist aber dann zugleich eine soziale Verantwortung verbunden, diesen Stoff nicht nur für sich zu behalten, sondern ihn auch freimütig an besonders bedürftige Regionen dieser Welt zu verschenken. Dabei könnten vor allem Kirchen, Ordensgemeinschaften und NGO‘s einen wichtigen Verteilungsdienst leisten, jenseits von Korruption.

Impfstoff-Hoffnung auf dem Prüfstand
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Ein Gedanke zu „Impfstoff-Hoffnung auf dem Prüfstand

  • 21. November 2020 um 8:36
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    Für den Zugang zur lebenssichernden Impfung ist meines Erachtens die konkrete Notwendigkeit ausschlaggebend. Es darf keinen sozialen „nummerus clausus“ geben, denn die unveräusserliche Würde des Menschen steht uneingeschränkt allen Menschen zu. Dies nur zur Ergänzung bei der letzten Frage. Den Ausführungen ist aus meiner Sicht in vollem Umfange zuzustimmen.

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