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Linda Göbl, Studentin „Management im Gesundheits- und Sozialmarkt“ an der Wilhelm Löhe Hochschule

 

8000 neue Pflegekräfte, eine Tarifsteigerung für die Pflegeberufe und obendrein gute Arbeitsbedingungen! Die Rettung des Gesundheitswesens, lang ersehnte Zusagen, der zur Realität gewordene Traum vieler Bürger! Oder…vielleicht doch nicht? Sind diese großen Versprechen nur im Zuge des Wahlkampfes gefallen, ohne sich Gedanken zu machen, ob eine erfolgreiche Realisierung überhaupt möglich ist? Sind die wohlklingenden Wörter etwa alle nur Täuschung, eine Fata Morgana in der Pflegelandschaft?

Um das herauszufinden und vorschnelle positive als auch negative Wertungen zu verhindern, ist es notwendig, die Inhalte der Vereinbarungen etwas genauer anzusehen: Nach der Bundestagswahl 2018 haben sich CDU, CSU und SPD auf einen gemeinsamen Koalitionsvertrag geeinigt. Er dient als Wegweiser für die anstehenden Jahre und formuliert anspruchsvolle Vorhaben, insbesondere in dem Bereich „Gesundheit und Pflege“. So sollen im Zuge eines Sofortprogramms 8000 neue Fachkraftstellen in Pflegeeinrichtungen geschaffen werden, finanziert von der GKV. Neben besseren Arbeitsbedingungen will die Koalition mit Hilfe von Tarifverträgen höhere Löhne einführen (vgl. Koalitionsvertrag 2018, S. 96ff).

Elementar notwendig für eine Beurteilung der angestrebten Veränderungen sind die Frage der Umsetzbarkeit und des damit erzielten Nutzens, und das auch auf ethischer Ebene. 8000 Pflegekräfte mehr für Deutschland, das hört sich doch vor allem in Zeiten des Pflegenotstandes fabelhaft an. Doch folgt die Ernüchterung, wenn man sich einmal die Anzahl der Pflegeheime ansieht: In Deutschland gibt es rund 13 600 Pflegeheime. Das bedeutet rechnerisch pro Heim ca. 0,6 Pflegekräfte Zuwachs (vgl. Statista 2015). Nach welchem Maß aber sollen die neuen Pflegekräfte gerecht auf die Einrichtungen verteilt werden?

  • Entscheidet man sich für die Pflegeheime, die gemessen am Personal oder der Qualität die unteren Plätze belegen, gemäß dem Differenz-Prinzip nach John Rawls? Denn laut Rawls sind „soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten […] so zu regeln, daß sie […] den am wenigsten Begünstigten die bestmöglichen Aussichten bringen […]“ (Greven 2009, S. 205). So könnten Pflegeheime entlastet werden, welche in strukturschwachen Regionen angesiedelt sind und dadurch Mühe haben, Personal zu gewinnen. Oder aber diese Aufteilung bewirkt den gegenteiligen Effekt, indem genau diejenigen Einrichtungen bevorzugt werden, die bisher wenig bestrebt an die Personalakquise herangingen.
  • Eine andere Möglichkeit wäre die Zufallsverteilung. Per Los wird entschieden, welches Pflegeheim eine Pflegekraft zusätzlich erhält, so dass jedes dieselben Chancen erhält. Doch ist das Maß des Zufalls das Richtige bei einem so kritischen Thema, wo es um das Wohl von Menschen geht?

Sofern man sich für ein Verteilungsmodell festgelegt hat, stellt sich eine weitere Frage: 8000 Pflegekräfte müssen erst einmal gefunden werden. Schon jetzt sind die Bewerberzahlen in den Einrichtungen der Altenpflege gering, ein Bruchteil von der Zahl, die man sich wünscht, um genügend qualifizierte Kräfte einstellen zu können. Die richtige Strategie, um dieses Problem lösen zu können und eine so große Anzahl an Fachkräften zu gewinnen, die in nächster Zeit in der medizinischen Behandlungspflege tätig sein soll, ist noch nicht vorhanden.

Ein weiteres Vorhaben der Koalitionspartner ist die Tariferhöhung in der Altenpflege. Eine detaillierte Ausgestaltung ist noch nicht vorhanden: Weder, wie hoch die Tarife ausfallen sollen, noch, wie man eine identische Erhöhung bei den unterschiedlichen Trägern erreichen will. Eine denkbare Maßnahme wäre die Allgemeinverbindlichkeitserklärung. Dazu müssen mindestens 50% aller Einrichtungen einen Tarifvertrag haben und der Erklärung zustimmen. Doch viele Pflegeheime in Deutschland sind in privater Trägerschaft, von denen nur ein kleiner Prozentsatz nach Tarifverträgen bezahlt, geschweige denn zustimmen würde. Ein anderer Weg wäre eine eigenständige Lohnerhöhung der Pflegeeinrichtungen von sich aus, als Ausdruck dafür, dass die anstrengende, oft unter Zeitdruck absolvierte Arbeit der eigenen Mitarbeiter geschätzt und gerecht entlohnt wird.Nach dem jetzigen Finanzierungssystem müssten dafür letztendlich die Heimbewohner über die Zuzahlungen für die dafür entstehenden Kosten aufkommen. Das ist meiner Meinung nach kaum vertretbar, da es damit die Schwächsten treffen würde.

Der Staat würde sich erkenntlich zeigen, wenn er den Ausgleich bezuschusst. Alternativ könnte Deutschland für jede Pflegekraft einen sogenannten „Pflegebonus“ von einer bestimmten Summe einführen, den der Mitarbeiter jedes Monat bzw. Jahr erhält. Das könnte zu einer Attraktivitätssteigerung des Berufs führen, infolgedessen mehr Menschen diesen auch ergreifen würden.

Doch ganz egal, nach welcher Methode man sich die Verteilung der Pflegekräfte vorstellt und wie sehr die Löhne steigen: Der akute Pflegekräftemangel wird dadurch nicht bewältigt. Dazu bräuchte es nach Schätzungen mehr als 100.000 zusätzliche Pflegekräfte (vgl. Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe 2018). Mit deren Hilfe könnte man flexiblere Arbeitsmodelle anbieten, die Arbeitsbedingungen spürbar verbessern und dadurch zusätzlich den Ruf des Berufs erhöhen. Ideen existieren viele, nur die Ressource Geld ist knapp. Doch ist die Pflege nicht der falsche Ort, an dem rationiert werden sollte? Wenn Großprojekte wie der Berliner Flughafen über Jahre hinweg vom Steuerzahler finanziert werden, sind bei der Verteilung möglicherweise die Prioritäten falsch gesetzt. „Wer nicht an die Zukunft denkt, wird bald Sorgen haben.“ (Von Mutius 2017, S. 183), sprach schon Konfuzius und behält in der aktuellen Pflegesituation Recht.

Die Intention dieser vereinbarten Maßnahmen bleibt ungewiss: Wollte man politisch lenkend agieren, indem man Wahlversprechen äußert und nun umsetzen muss? Lag tatsächlich ein ernsthaftes Interesse daran, die Pflegekräfte zu unterstützen, doch fehlte nur durch unzureichendes Miteinbeziehen der Beteiligten das Wissen?

Wer nun denkt, dass die Versprechen im Koalitionsvertrag eine Revolution in der Pflege darstellen und eine Lösung für die akuten Probleme sind, der wird enttäuscht. Es tun sich viele offene Fragen auf, für die die Politik keine Antwort findet. Jedoch ist sie ein kleiner Schritt in die richtige Richtung und man kann es als Erfolg werten, dass sich die Politik mit diesem komplexen Thema überhaupt auseinandergesetzt hat. Eine alte chinesische Weisheit besagt: „Fürchte dich nicht, langsam zu gehen. Fürchte dich, stehen zu bleiben“ (Loibl 2010, S. 187). Worte, die für diese Reform passender denn je sind.

Es kann gespannt auf hoffentlich weitere kleine Schritte gewartet werden. Dass der Schein der Fata Morgana sich auflöst und eine Oase darin erscheint.

 

Literatur:

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe: Pressemitteilung „Pflegepersonalmangel“ (2018). Verfügbar unter: https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2018/5728955716.php(Letzter Aufruf: 26.06.2018)

Greven, Th. M. (2009): „Die politische Gesellschaft: Kontingenz und Dezision als Probleme des Regierens und der Demokratie“. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 19. Legislaturperiode (2018). Verfügbar unter:

https://www.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/koalitionsvertrag_2018.pdf?file=1(Letzter Zugriff: 26.06.2018)

Loibl, P. H. (2010): „Gestern – Heute – Morgen: Gedichte – Metapher – Aphorismen“. Books on Demand Verlag.

Statista – Anzahl Pflegeheime und ambulante Pflegedienste (2015). Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2729/umfrage/anzahl-der-pflegeheime-und-ambulanten-pflegedienste-seit-1999/ (Letzter Zugriff: 26.06.2018)

Von Mutius, B. (2017): „Disruptive Thinking: Das Denken, das der Zukunft gewachsen ist“. GABAL Verlag.

 

Große Vorsätze für die Pflege im Koalitionsvertrag 2018 – Schein oder Sein?
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