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von Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer, Freiburg

Eigentlich will sie für das Gute stehen, den gütigen Gott den Menschen nahe bringen, dem Leben dienen, dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe. Eigentlich. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Missbrauch, Finanzskandale, Vertuschen und Machtmissbrauch in der katholischen Kirche. haben dazu geführt, dass sie ihr wichtigstes Kapital, die Glaubwürdigkeit, verspielt hat. Gerade in Zeiten, in denen man Institutionen gegenüber äußerst skeptisch ist und zunehmend mehr auf die Glaubwürdigkeit von einzelnen Personen schaut, sind Menschen gefragt, die mit ihrem Leben und Handeln Zeugnis geben von dem, was sie trägt, was ihr Denken und Glauben prägt. bei der Kirche geht es hierbei „ans Eingemachte“, denn für die Botschaft des Evangeliums ist Glaubwürdigkeit ein ganz entscheidender Wert. Was aber meint Glaubwürdigkeit?

Im ersten Buch seiner Rhetorik spricht der griechische Philosoph der Antike Aristoteles von drei Wegen, die im Zusammenspiel notwendig sind, um Glaubwürdigkeit entstehen zu lassen: Ethos, Logos und Pathos. Die Rede vom logos impliziert, dass das entscheidende Mittel für Aristoteles das Argument ist, denn es geht ihm ums Überzeugen, nicht ums Überreden. Auf Fragen des Glaubens bezogen finden wir bereits biblisch die entsprechende Grundlage in 1 Petr 3,15: „Seid stets bereits, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Rede und Antwort zu stehen meint also, mit nachvollziehbaren und vernünftigen Argumenten über den Glauben zu sprechen. Sprachfähig in Fragen des Glaubens zu werden, ist ein bedeutsames Anliegen, gerade angesichts gegenwärtig virulenter Tendenzen, nur noch auf Emotionen und Wunder zu setzen. Es ist geradezu ein Spezifikum unseres Glaubens, dass wir unseren Verstand nicht an der Garderobe abgeben müssen und nur noch Katechismussätze zu wiederholen haben. Ohne fundierte und kritische Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten wird der Glaube fundamentalistisch. Und es braucht eine systematische Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Gesellschaft, den Dialog mit Vertreter*innen unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche und Milieus, sonst wird der Glaube weltfremd und seine Vertreter*innen eben gerade nicht glaubwürdig.

Der Logos allein genügt natürlich nicht, vielmehr müssen Denken und Reden in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Handeln – das Ethos ist gefragt. Biblisch begegnet uns bereits in beiden Testamenten die zentrale Aussage von der untrennbaren Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe, die das Kernanliegen unübertroffen auf einen einfachen Punkt bringt. Nirgends in der Tradition unseres Glaubens gibt es einen Dispens von diesem Link. Mehr denn je aber wird gegenwärtig offenkundig, wie sehr wir hinter dem darin implizierten Anspruch, das auch zu leben, was wir verkünden, zurückbleiben: Ein wesentlicher Grund für die aktuelle Krise – hier speziell die Missbrauchskrise und die darin deutlich werdenden systemischen Probleme der Kirche – liegt darin, dass sowohl die Christ*innen als Einzelne als auch die Kirche als ganze hier in erschreckender Weise versagt haben und das Gegenteil von dem leben, was sie verkündigen. Papst Franziskus ist es, der in seinem gesamten Pontifikat nicht müde wird, diesen Zusammenhang zwischen dem Wort und der Tat zu betonen. Er verweist u.a. auf die Fußwaschung Jesu, die er selbst zeichenhaft und äußerst symbolträchtig im ersten Jahr seines Pontifikats in einem römischen Gefängnis – u.a. auch an Frauen und Muslimen – vollzogen hat und seitdem jedes Jahr vollzieht. In deutlichem Unterschied zu einer Kirche, die sich abschottet, spricht er von „eine(r) ‚verbeulte(n)‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, (die ihm) lieber (ist), als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ (EG 49) Auch mit Blick auf das derzeit vieldiskutierte Thema der Macht in der Kirche lässt sich die Problematik aufzeigen: Das bereits 1931 von Papst Pius XI. formulierte Subsidiaritätsprinzip, das die Kirche der Gesellschaft zur Gestaltung ihrer Ordnung dringend nahelegt, solle zwar, so Pius XII. 1946, auch in der Kirche gelten, unbeschadet ihrer hierarchischen Struktur, aber es ist noch in keiner Weise ausgelotet, was das bedeuten könnte. Auch hier besteht dringender Handlungsbedarf. Denn es ist nahezu unmöglich, der Gesellschaft Empfehlungen zu geben, denen die eigene Gestalt Hohn spricht.[1]

Das dritte Element, das Aristoteles gemäß zur Authentizität führt, ist das des Pathos. Das meint nicht ein fanatisches, vermeintlich absolutes Überzeugtsein und eine jedem Zweifel enthobene absolute Gewissheit. Es geht vielmehr um eine Haltung, die von Leidenschaft geprägt ist, die zu „eine(r) adventliche(n) Haltung“ führt, „angefangen von der willigen Annahme der scheinbar alltäglich kleinen Aufgabe bis hin zur Bereitschaft, weiterzugehen, obgleich man gehofft hatte, schon endgültig angekommen zu sein“[2]. Glaube „ist nicht heller oder lauter Jubel ein Leben lang, sondern ‚die demütig nüchterne Freude des glaubenden Harrens, das nicht meint, das greifbar Gegenwärtige sei alles‘“[3].

Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen bedeutet dann keine religiöse oder moralische Höchstleistung, bedeutet auch kein einfaches Verkündigen satzhafter Wahrheiten, sondern meint, um es frei nach Frère Roger Schütz zu formulieren: Geht hinaus in die Welt und bezeugt (Pathos) durch Wort (Logos) und Tat (Ethos) das vom Evangelium, was ihr verstanden habt – und sei es noch so wenig.

[1] Vgl. dazu Nothelle-Wildfeuer, Ursula: Glaubwürdig Kirche sein? Das Subsidiaritätsprinzip in der Kirche. Online verfügbar unter https://www.feinschwarz.net/subsidiaritaetsprinzip-in-der-kirche/.

[2] Batlogg, Andreas R.; Suchla, Peter (2018): Einführung der Herausgeber, in: Rahner, Karl, Advent – von der tiefen Sehnsucht unseres Lebens. Ostfildern, 18f.

[3] Ebd., 14.

Glaubwürdigkeit

Ein Gedanke zu „Glaubwürdigkeit

  • 21. Januar 2020 um 16:51
    Permalink

    Sehr geehrte Frau Nothelle-Wildfeuer,
    da Sie seit 2011 als Professorin für christliche Gesellschaftslehre die Deutsche Bischofskonferenz beraten, finde ich Ihre Sicht auf die Glaubwürdigkeitskrise der katholischen Kirche besonders interessant. Ihre Liste der ursächlichen Skandale zählt an erster Stelle den Missbrauch auf, mit dem ich mich auch beruflich als Familientherapeut beschäftige.

    Mit Ihnen und Aristoteles bin ich der Meinung, dass ein stimmiges Zusammenspiel von Logos, Ethos und Pathos zu Glaubwürdigkeit beitragen kann.
    Mir geht es nicht um die Krise der Institution Kirche, sondern um die Bewältigung und Prävention der zahlreichen traumatischen Krisen der missbrauchten Menschen. Sexueller Missbrauch muss verhindert, oder zumindest baldmöglichst aufgedeckt und gestoppt werden. Das ist der Aspekt um den wir uns als humane Gesellschaft kümmern müssen. Und das nicht nur bei Missbrauch auf Campingplätzen, in Sportvereinen und Familien, sondern auch in christlichen Internaten, Heimen und der Sakristei. Keinesfalls sollten wir auf die Versuche hereinfallen, den Missbrauch im kirchlichen Umfeld als innerkirchliches Problem zu definieren.

    Rede und Antwort stehen, Verstand einsetzen, argumentieren, versachlichen, fundierte und kritische Auseinandersetzungen führen … Sie scheinen all das zu bejahen – wie schön, ich begrüße diese evidenzbasierte, logische Haltung!

    Nur ist die Bischofskonferenz in Bezug auf die Missbrauchsfälle scheinbar ziemlich beratungsresistent. Die von Ihnen hier vorgestellte Verbindung von klarem Denken (Logos) und guten Taten (Ethos) kann ich nicht entdecken, ganz im Gegenteil:

    Als der Kriminologe Christian Pfeiffer mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle beauftragt werden sollte und seine geplante Methodik vorstellte, wurde er umgehend abserviert, weil er auf seine wissenschaftliche Freiheit bestand.
    Die Autoren der daraufhin eingesetzten Arbeitsgruppe waren sich über ihren Maulkorb im Klaren (ich bin dennoch sehr froh, dass sie die Arbeit geleistet haben, weil so die Dimension des Dunkelfeldes sichtbar wurde).
    Unter „Methodische Rahmenbedingungen des Forschungsansatzes“ schreiben sie im Bericht:
    „Genereller methodischer Ansatz: Entsprechend des Forschungsauftrags verfolgte das Gesamtprojekt einen retrospektiv-epidemiologischen und nicht einen kriminologischen Ansatz. Dieser Ansatz schloss eine Verifizierung oder Falsifizierung von einzelnen Taten, Fällen oder beteiligten Personen seitens des Forschungskonsortiums explizit aus. Eine solche Verifizierung oder Falsifizierung war im Rahmen des Projekte methodisch und rechtlich nicht möglich.“ (MHG-Studie, 24.9.2018, Harald Dreßing und andere)

    Logisch und ethisch liegt für mich auf der Hand:

    – Wir brauchen im Verdachtsfall Anzeigen von Whistleblowern, verantwortlichen Führungskräften, Beobachtern und Betroffenen für (schnelle, entschlossene) kriminologische Ermittlungen und nicht deren systematische Behinderung. Polizeiarbeit würde Fahndungsdruck erzeugen, Beweise sichern und Strafverfolgung vor den Verjährungsfristen ermöglichen – was viele weitere Taten verhindern kann. Die Kripo hat genügend Erfahrungen mit solchen Arten von Gewaltkriminalität, die nur auch hier konsequent angewendet werden müssen. Für die Opfer würde so klar werden, dass Gesellschaft und Staat zu ihnen stehen und effektiven Schutz bieten, selbst wenn Amtsträgern von Kirchen die Täter sind.
    Bisher geschieht das Gegenteil. Am 19.1.2020 berichtet der bayerische Rundfunk: „Missbrauch in der Kirche: Fast alle Verfahren in Bayern eingestellt“ https://www.br.de/nachrichten/bayern/missbrauch-in-kirche-fast-alle-verfahren-in-bayern-eingestellt,Ro00XBb
    Christian Pfeiffer wird im Artikel so zitiert:
    (Zitat) Für die Kirche sei die der Studie folgende Ankündigung von Kardinal Reinhard Marx, wonach alles an die Staatsanwaltschaften gegeben werde, kein Risiko gewesen. „Das war eine große Geste, die die Menschen erstmal beruhigen sollte. Das war alles nur Show – mehr nicht.“ (Zitat Ende)

    – Wir brauchen (langfristige, multidisziplinäre) wissenschaftliche Forschung, um Kontext, Dynamik und Struktur von institutionellem sexuellem Missbrauch immer besser zu verstehen. Auf dieser Basis können neue Organisationsformen, Regelungen, Präventionskonzepte usw. entwickelt werden, mit dem Ziel sexuelle Gewalt weiter zurück zu drängen.

    – Der dritte Bereich in dem die finanzstarke katholische Kirche logisch und ethisches Handeln zeigen kann: Die Opfer der erlittenen sexuellen Gewalt müssen umfangreich finanziell und ohne weitere Demütigungen entschädigt werden. Geld heilt nicht die Schäden, sondern ermöglicht den betroffenen Menschen in autonomer Weise ihr Leben zu verbessern.

    Beim Pathos der Kirche sehe ich keinen Mangel. Ein ausgewogenes Zusammenspiel der drei aristotelischen Wege erfordert entschlossenes, logisch begründetes und ethisches Handeln.
    Oder die angestrebte Ausgewogenheit wird durch die Beendigung der pathetischen Aufklärungs-Show erreicht, mit dem Eingeständnis der katholischen Kirche, das kein Interesse besteht den Missbrauch tatsächlich zu beenden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hansjörg Albrecht
    Familientherapeut
    Bund für Geistesfreiheit Fürth K.d.ö.R.

    Hansjörg Albrecht

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