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Prof. Dr. Thomas Prescher, Professor für Berufspädagogik an der WLH Fürth

Führung verkommt zur Verhaltenstechnologie

Mythen spielen zu jeder Zeit eine Rolle. Sie sind Ausdruck von Weltbildern und eines Zeitgeistes. Die Moderne scheint dem mechanistischen Mythos des Funktionierens und der Beherrschbarkeit des lebendigen Lebens zu folgen. Führung verkommt hier zu einer Verhaltenstechnologie, die es versäumt, zum Wesen des Menschen vorzudringen, und sich selbst der Empfindungskraft der eigenen Natur beraubt: „Führung heißt heute Leiten und Regeln, kaum mehr noch ein echtes Begegnen“, wie eine Führungskraft in einem Einzelcoaching zur eigenen Visionssuche klagte.

Führungskräfte brauchen innere Vorbilder

Gleichzeitig können Mythen in einem anderen Verständnis für Führungskräfte eine echte Hilfestellung darstellen, denn überlieferte Mythen handeln auch oft von Helden. In den Mythen werden dabei die Helden zu Helden gemacht, weil sie die Vision von etwas Neuem haben und den Mut zeigen, gemäß ihrer eigenen Wahrheit zu handeln. Der Held zieht wagemutig aus, um die Fremde zu erforschen und in ihr zu bestehen.

Helden werden bewundert, weil eine Sehnsucht besteht, dass der Weg der Helden auch der persönliche Weg sein könnte. Der Held wird idealisiert, Fähigkeiten werden projiziert. Wer diesen inneren Ruf ernst nimmt, kann die Chance erleben, sich selbst und sein Umfeld zu verändern. Geben wir uns die Erlaubnis, uns in den Mythen zu bewegen, können sich unsere Kräfte entfalten. Verlinken wir uns mit diesen Bildern, entsteht eine langsam fließende Bewegung, die einer Tai Chi-Bewegung ähnlich ist. Wir begeben uns damit in den Fluss unserer eigenen Geschichte, einem eigenen Tanz. In diesem Tanz verlassen wir die Fixierung auf die Grenzen unserer Egos und lernen die Kunst der Transformation.

Status quo führt in Erschöpfung

Zahlreiche Institutionen unserer Gesellschaft, wie die Kirche, der Staat oder die Familie, verhindern jedoch diesen Tanz. Sie plädieren von Anfang an für einen Gehorsam, auf ein Funktionieren. Sie prägen die Gesetze, die ein gemeinsames Interagieren regeln helfen sollen. Doch wohin der vermeintliche Common Sense führt, zeigt der erschiene Stressreport von 2012: zu physischen Störungen, Verhaltensstörungen, Ausfallzeiten und frühzeitigen Erwerbsunfähigkeiten. Die naturwissenschaftlich geprägte Moderne, so kann geschlussfolgert werden, hat sich zwar von den alten Göttern gelöst, sich jedoch unmittelbar neuen Göttern, wie Bürokratie und Markt, unterworfen, die ihren Tribut fordern.

Gilt es einen neuen Gott zu suchen?

Erich Fromm (2004, S. 118) entfaltet die Sage von Prometheus, der sich nicht durch eine Obrigkeit einschüchtern lässt, sondern als liebender Held im Akt der Solidarität den Göttern das Feuer stahl und es den Menschen schenkte. Prometheus steht damit als Symbol für Ungehorsam bei gleichzeitiger Freiheit von Sünde und Schuldgefühlen. Prometheus scheint als Mythos eine Doppelfunktion einzunehmen. Einerseits wird er als Metapher für die Ebenbürtigkeit Gottes verwandt, da es ihm mit Hilfe einer List gelang, den Göttern das Feuer zu stehlen. Andererseits steht Prometheus aber auch für das menschliche Schicksal, die Natur als moderner Homo Faber zu bezwingen und gleichzeitig die Folgen seines Handelns in Form von Zerstörung und Leid tragen zu müssen.

Prometheus ermahnt zum wertschätzenden Vergleich

Hinter der Prometheusmythologie kann so gesehen auch eine Warnung identifiziert werden. Die Warnung richtet sich an die eigene Erwartung und vielleicht auch Anmaßung, über unseren Vätern und Lehrern zu stehen. Mehr wissen zu glauben als sie. Mit der Warnung kann auch der Kampf des Vorgesetzten gegen den vermeintlich schwierigen Mitarbeiter gemeint sein. Hier lassen sich immer wieder Belehrungen beobachten, wo es nichts zu belehren gibt, oder ein von Misstrauen geprägtes Kontrollverhalten, wo es nichts zu kontrollieren gibt. Der Mythos Prometheus dient so gesehen als Ermahnung zu einem wertschätzenden Vergleich als grundlegendes Prinzip systemischer Führungspraxis und Selbst-Ethik.

Prometheusstrategie als Ausdruck systemischer Kompetenz

Die Prometheusstrategie erscheint damit selbst als Ausdruck systemischer Kompetenz, weil Prometheus als Symbol und Mythos dafür stehen kann, gemäß seiner eigenen Wahrheit zu leben. Das ist Ausdruck systemischer Kompetenz, weil eine Person so für andere als Persönlichkeit erkennbar ist, und es erfordert systemische Kompetenz, weil es gilt, sich persönlich im sozialen Feld zu bewegen und das zwischenmenschliche Zusammenspiel positiv zu beeinflussen, indem die erlebte Wirklichkeit versucht wird gemeinsam fruchtbringend zu gestalten.

     
P Positives Denken · Wie oft lächeln Sie oder aktivieren andere zu lächeln?

· Haben Sie eine eher missmutige oder freudige Grund- stimmung?

· Sehen Sie in Situationen eher den Gewinn oder ihren daraus resultierenden Nachteil?

· Dominiert in Ihnen das Selbstvertrauen, eine Situation zu meistern oder überwiegt der Selbstzweifel?

· Gehen Sie gelassen an Herausforderungen und akzeptieren Sie auch Rückschläge, ohne Ihre Fähigkeiten in Frage zu stellen?

R Regelhaftigkeit ·Welche Persönlichkeitsmerkmale prägen Sie am stärksten?

· Welche Eigenheiten würde Ihnen eine vertraute Person zusprechen?

· Mit welchen Verhaltensmustern sind Sie in sich wieder-holenden Situationen unzufrieden?

· Können Sie Glaubenssätze identifizieren, die Ihren Blick auf die Welt und die Anderen dominieren?

O Offene Person · Sind Ihnen Ihre (verletzten) Gefühle und Bedürfnisse klar?

· Drücken Sie aus, was Sie fühlen?

· Setzen Sie sich für das ein, was Sie wirklich wollen?

· Haben Sie den Mut, sich öffentlich zu zeigen, und das Selbstbewusstsein, auch zu Ihren vermeintlichen Schwächen zu stehen?

M Motive · Kennen Sie die fünf bis zehn wichtigsten Werte in Ihrem Leben?

·Handeln Sie danach oder lassen Sie sich immer wieder von außen steuern?

· Welche Projekte, Routineaufgaben, Tätigkeiten usw. erzeugen in Ihnen eine Spannung und welche erleben Sie als befriedigend?

E Einfühlungsvermögen · Können Sie wertschätzend Ihr Gegenüber wahrnehmen oder haben Sie anmaßende und wertende Vorstellungen von ihm?

· Können Sie andere Menschen annehmen, wie sie sind, und ihnen mit Respekt begegnen?

· Sind Sie in Konflikten in Ihrem Auftreten hart wie Stahl oder bewegen Sie sich der Energie des Windes wie ein Grashalm folgend?

· Welches Bewusstsein haben Sie über Ihre eigenen Stärken und Schwächen?

T Taktik · Haben Sie klare Ziele definiert, die zu Ihren Motiven passen?

· Tun Sie das, was Sie wirklich möchten?

· Können Sie abwarten, um bei der richtigen Gelegenheit zuzupacken?

· Warum sind Sie auf dieser Welt – Was ist Ihre Lebensaufgabe?

· Haben Sie Strategien, die eine Kooperationsfähigkeit der Interaktionspartner langfristig aufrechterhält?

H Hilfe annehmen · Suchen Sie sich unter Kollegen, Freunden oder Experten Unterstützung bzw. bieten diese an oder verlassen Sie sich nur auf sich selbst?

· Können Sie persönliche Grenzen akzeptieren?

· Wie bringen Sie Dankbarkeit über Ihr auf der Welt sein und gegenüber Unterstützern zum Ausdruck?

· Wie abhängig sind Sie von der Beachtung und Bestätigung anderer?

E Emotionale Stabilität · Können Sie Ihre Gefühle wahrnehmen und in Situationen regulieren?

· Können Sie Gefühle der Angst, Kränkung und Enttäuschung abschwächen und positive Gefühle verstärken?

· Finden Sie in Ihrem Leben einen Ausgleich zwischen Körper, Geist und Psyche oder dominiert eine einseitige Belastung und Verausgabung.

U Unverwechselbarkeit · Wie stark folgen Sie dem Wunsch, als etwas Besonderes erkannt zu werden?

· Wie leicht gelingt es Ihnen, einfach „nur“ normal zu sein?

· Wie stark ist Ihr Bedürfnis nach Geltung?

· Können Sie Ihre wahren Talente im Alltag leben?

S Selbstmanagement · Gelingt es Ihnen, knappe Zeitressourcen sinnvoll einzusetzen?

· Nehmen Sie Ihre eigenen Stärken wahr und können Sie ihnen vertrauen?

· Können Sie für das Team geeignete Ziele entwickeln?

· Wie vermeiden Sie Störungen und wie gehen Sie mit Störungen um?

Literatur

Fromm, E. (2004): Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 32. Auflage. München: dtv.

Führungskräfte brauchen innere Vorbilder: Prometheusstrategie systemischer Selbst-Ethik
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2 Gedanken zu „Führungskräfte brauchen innere Vorbilder: Prometheusstrategie systemischer Selbst-Ethik

  • 26. Januar 2018 um 9:54
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    Die Sicht des Referenten scheint mir doch sehr einseitig,
    auf Gesetze, Obrigkeitsdenken und Schuldgefühle fixiert,
    das gibt oder gab es leider oft.
    Aber es gibt auch andere Formen von Kirche,
    die Befreiungstheologie als Beispiel
    oder die Vision einer Kirche der Barmherzigkeit von Papst Franziskus,
    das Modell Kirche der Freiheit der EKD usw.

    Antworten
    • 31. Januar 2018 um 9:12
      Permalink

      Das Thema der Götter ist aus meiner Sicht nicht ein Thema, was allein zur Theologie und zur Kirche gehört. Vielmehr zeigen uns zahlreiche psychoanalytische und psychotherapeute Autoren, dass zuvorderst die inneren Götter wirken. Sie sind das Ergebnis unserer Erziehung und Sozialisation. Konzepte wie von C.G. Jung mit seinen Archetypen und auch zahlreichen Publikationen von Hans Jellouschek oder Verena Kast zur Interpretation der Symbolik in den Märchen machen uns die kollektive Dimension dieser Bilder immer wieder sichtbar. Das Prometheus-Prinzip, so eine Einladung, kann hier selbst symbolisch verstanden werden und soll auf eine konstruktivistische Ethik verweisen. Werte, jenseits einer Kirche, erscheinen dann nicht mehr ausschließlich absolut, sondern relativieren sich. Diese Relativierung ist von Bedeutung, weil es nicht mehr darum gehen kann, allein um die eigene Konstruiertheit der Wirklichkeit zu wissen, sondern sich selbst als Bestandteil dieser Konstruktion zu sehen. Das Lernen von Führung bedarf hier einer emotional-kognitiven Ganzheitlichkeit von Lernen und Kompetenzentwicklung, da sich eine Gesellschaft nicht ausschließlich aus rational-kognitiven Gesichtspunkten heraus optimieren lässt. Es geht letzlich um die Deutungs- und Emotionsmuster der handelnden Akteure. Und dies gilt dann aus meiner Sicht in seiner Doppeldeutigkeit widerum für die Mensch, auf die sich die Führenden beziehen.

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