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von Marion Wüchner-Fuchs, Professur Sozialpädagogik an der WLH Fürth

In den pädagogischen Disziplinen wissen wir um den Wert von Modellen. Als Modelle bezeichnen wir in der Regel andere Menschen, von denen wir etwas abschauen, über die wir uns Welt aneignen und letztlich lernen. Das Lernen von Modellen ist dabei gänzlich anders, als Lernen über Instruktion in Form eines aktiven Lehr-Lern-Verhältnisses. Lernen am Modell ist eher beiläufig, es geschieht „neben her“. Das beiläufige Lernen hat über alle Lebensalter hinweg einen enormen Einfluss auf unsere Entwicklung. In der professionellen Beziehungsgestaltung, ausgehend von z. B. pädagogisch Tätigen, müssen deshalb permanent Fragen zum Modellverhalten – aktiv und passiv – reflektiert werden. Modell sein bedeutet Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Martin Buber prägte den Satz: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Er verwies damit auf die dynamische Wechselwirkung zwischen den Menschen und der sie umgebenden Welt. Menschliche Entwicklung gelingt nicht in Form isolierter Monaden. Wir brauchen einen sozialen Kontext, in dem wir uns orientieren und entfalten. Pädagoginnen und Pädagogen haben die Aufgabe, Menschen in diesem (Identitäts-)Findungsprozess zu begleiten. Immer wieder stehen sie dabei vor der Aufgabe zu entscheiden, welche Art des Modells sie sein wollen und sein dürfen: freundlich Begleitende, korrigierend Erziehende, humanistisch Bildende, dialektisch Aufklärende usw. Das Mantra des freien Denkens mündiger Bürgerinnen und Bürger wird in der Praxis durch handfeste Normierungen wie Curricula, Bildungspläne und Gesetze, aber auch über „weiche“ Faktoren, wie politische Korrektheit oder informell ausgehandelte Glaubenssätze beeinflusst. Natürlich wird darüber gleichermaßen gesellschaftliches Zusammenleben ermöglicht. Ob dieses Leben für jede einzelne Person ein gutes Leben darstellt, ist dabei oft weniger ausschlaggebend als die Frage, ob die Allgemeinheit als Ganzes im Durchschnitt ein angemessenes Leben führen kann. Es liegt auch in der Verantwortung pädagogischer Modelle, diese Ambivalenzen herauszustellen. Gerade im Umgang mit sogenannten „vulnerablen Personengruppen“, also Menschen mit Behinderung, Migranten, Obdach- und Wohnsitzlosen, Suchtmittelabhängigen u.v.m., werden diese Spannungen deutlich. Ist es etwa gerechtfertigt, für die inklusive Beschulung zahlenmäßig weniger Kinder mit Behinderung enorme Geldbeträge der Gemeinschaft aufzuwenden, wenn gleichzeitig in vielen Regelschulen desolate räumliche und personelle Verhältnisse vorliegen, die ebenfalls kompensiert werden müssen? Pädagogische Modelle können in ihrem alltäglichen Handeln ethisch-moralische Dilemmasituationen aufzeigen und neue Denkzugänge schaffen. Dabei sind sie zum einen in der Verantwortung, sich ihres Einflusses gerade auf abhängige Personengruppen, etwa Kinder, bewusst zu werden. Ihre Verantwortung besteht jedoch zum anderen auch darin, die bestehenden Normen und Glaubenssätze unserer Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Es geht nicht darum, Meinungen zu setzen, es geht darum, Optionen zu eröffnen um echte Wahlfreiheit zu ermöglichen. Die Verwiesenheit der Menschen aufeinander und die daraus erwachsende gegenseitige Verantwortung bringt Georg Feuser in seiner an Buber angelehnten Formulierung auf den Punkt: „Der Mensch wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind“.

 

Freiheit und Verantwortung des pädagogischen Modells
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