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Roberta Schlüter, Studentin „Gesundheitsökonomie und Ethik“ an der Wilhelm Löhe Hochschule

Die Qualität der Managemententscheidungen soll durch eine Verbesserung der Wissensgrundlage, durch das „Evidenz-basierte Management“ (EbMgt), angehoben werden. Dadurch, dass viele Führungskräfte nach ihrem Bauchgefühl handeln oder sich abhängig machen von Ratschlägen, sind ihre Entscheidungen oft nicht wissenschaftlich fundiert. Sie folgen eher subjektiv gemachten Erfahrungen. Diesem festgestellten Mangel entgegen wurde das Konzept des EbMgt von Walshe/ Rundall 200, Roussou 2006, Pfeffer/Sutton 2006 u.a. entwickelt. EbMgt bedeutet: Entscheidungen sollen auf dem Fundament der aktuellen, wissenschaftlichen Beweise aus der Managementforschung getroffen werden, vorausgesetzt natürlich, dass es solche überhaupt gibt. Ich frage mich, ob ein EbMgt zu besseren Entscheidungen führt, und das meine ich ethisch mit Blick auf die Verantwortung und betriebswirtschaftlich.

Auf der einen Seite stellt EbMgt eine Innovationsförderung dar. Durch seine Anwendung in der Sozialwirtschaft könnten Qualitätsmerkmale bestimmt werden. Zum Beispiel durch die Bestimmung eines Entlohnungsstandards für Führungskräfte oder bei betrieblicher Gewährung von Zusatzleistungen, um so Missbrauch zu vermeiden und Informationsasymmetrien (vgl. Prinzipal-Agenten-Relation) zu verringern. Außerdem könnten Berufseinsteiger, Studentenorganisationen und Business Angels EbMgt anwenden. Hierzu ein Beispiel aus der Praxis: Enactus ist eine Organisation von Studenten, deren Interesse es ist, Menschen in Not mit unternehmerischen Projekten zu unterstützen. Ihnen fehlt es aber häufig an Erfahrungen. Ohne Berater, die die notwendige Expertise im Bereich Koordination und Verantwortung mitbringen und die entsprechenden Projekte zu Beginn auch managen, würde deren Realisierung wesentlich schwerer sein. Die Erfahrung bei enactus zeigt: Die Art der Übernahme von Verantwortung, von Entscheidungsprozessen und die Art zu führen ist immer mit je unterschiedlichen Erfahrungen verbunden. Solches Bauchgefühl kann in die Irre führen. Berufseinsteiger und auch Studentenorganisationen o.a. benötigen erst einmal die notwendigen abgesicherten Erkenntnisse für gute Entscheidungen. Durch Business Angels, die Ergebnisse aus der Forschung mit einbringen durch das EbMgt, könnten viele wichtige Hinweise auch schneller angenommen werden. So könnte auch eine Vertrauensgrundlage zwischen potentiellen Anbietern und Nachfragern gesteigert werden. Des Weiteren wäre eine Ausweitung denkbar: etwa das Einbeziehen von mehreren Disziplinen in einem vorgegebenen Standard denkbar. So würde das zunächst eher eng sachbezogene Management um diese Perspektiven erweitert. Bei einer entsprechenden Akzeptanz müssten sich den Marktgesetzen entsprechend Unternehmen an diesen Standard halten und die festgelegten Richtlinien befolgen. Positiver Nebeneffekt wäre: Managern kann so nicht mehr das pure betriebswirtschaftliche Handeln als Defizit vorgeworfen werden.

Auf der anderen Seite bedeutet EbMgt aber auch eine Innovationsbremse. Evidenzen im Management zu entwickeln ist eine aufwendige Herausforderung, da Unternehmen anders als in der Medizin ihre Entscheidungsgewalt nicht so einfach und transparent in fremde Hände geben werden. Gutes Management ist vor allem dann erfolgreich, wenn es nicht das macht was alle machen, sondern sich unterscheidet. So entsteht Neues, nur so gewinnt man ja am Markt. Nur so können auch weltanschaulich bedingte Ideen von Menschenführung als je eigene Unternehmenskultur umgesetzt werden, etwa als Verantwortungsprofile in der Sozialwirtschaft. Außerdem ist Management ein Erfahrungsgut. Manager beziehen sich eher nicht auf standardisierte Beweise aus der Forschung, denn in diesen ist die niedrigste Evidenzstufe am häufigsten vertreten. Der Grund hierfür ist auch die Schwierigkeit an Grundlagen für gute oder schlechte Entscheidungen zu gelangen. Denn Unternehmen geben ihre erfolgreich oder weniger erfolgreich getroffenen Entscheidungen nicht preis. Zudem kann Erfolg auch nicht monokausal gesehen werden, so dass keine eindeutige Evidenz gefunden werden kann.

Ergo ist das EbMgt kein Stein der Weisen zu einem besseren Management, sei es ethisch oderbetriebswirtschaftlich verstanden. Ich halte es da eher mit Friedrich Alfred Krupp: „Anfangen im Kleinen, Ausharren in Schwierigkeiten, Streben zum Großen.“  Das heisst: Im Kleinen beginnen und Großes leisten zu können, diese Bescheidenheit sollte sich ein Einsatz von EbMgt zu Herzen nehmen. Klein in der Forschung beginnen, um dann große Ergebnisse zu liefern, die allen zugänglich gemacht werden können. Das kann allenfalls ein Grundkurs guten Managements sein, aber nie eine Schablone für konkrete Entscheidungen.

Evidenzbasierung hilft auch in der Medizin nur in der richtigen Dosis. So ist es auch im EbMgt, denn auch hier hilft in bestimmten Situationen nur die menschliche Intuition, um zu einer wirklich guten Entscheidung zu kommen.

 

Literatur:

Berchtold, Peter; Schmitz, Christoph: Einmal anders: Was kann Management von der Medizin lernen? In: OrganisationEentwicklung. (27) 2008, Heft 1, S. 16–22.

Brodbeck, Felix: Evidenzbasiertes (Veränderungs-) Management Einführung und Überblick. In: OrganisationEntwicklung, (27) 2008, Heft.1, S. 4-9. Online im Internet: http://www.psy.lmu.de/wirtschaftspsychologie_en/personen/lehrstuhlinhaber/brodbeck_felix1/zoe_brodbeck_ebm.pdf, 04.07.2016, 15:50

Douma, Eva: Soziale Arbeit zwischen Geschäft und Auftrag. Skandal um die Treberhilfe Berlin sollte zum Umdenken anregen. In: Blätter der Wohlfahrtspflege, Deutsche Zeitung für Soziale Arbeit (157) 2010, Heft 6, S. 228–231, Online im Internet: http://www.bdw.nomos.de/fileadmin/bdw/doc/2010/BdW_10_06.pdf Zuletzt geprüft am 30.06.2016, 11:45 Uhr.

Enactus: Online im Internet: http://enactus.de/uber-enactus/enactus-projekte/ Zuletzt geprüft am 04.07.2016, 17:51.

Externbrink, Kai; Dormann, Christian: Führen und Entscheiden: Evidence-based Management In: Trends der psychologischen Führungsforschung Hrsg. v. Felfe, Jörg. Göttingen 2014, S.429-439.

Krupp, Friedrich Alfred: „Anfangen im Kleinen, Ausharren in Schwierigkeiten, Streben zum Großen.“ Online im Internet: http://www.zitate.de/autor/Krupp,+Alfred. Zuletzt geprüft am: 22.06.2016, 22:51 Uhr.

Pfeffer, Jeffrey; Sutton, Robert I. (2006): Evidnece-Based Management. Hg. v. Havard Buisness Review. Online verfügbar unter https://hbr.org/2006/01/evidence-based-management, zuletzt geprüft am 28.06.2016 um 16:15.

Rousseau, Denise M.: Is there such a thing as „Evidence-based Management?“. In: Academy of Management Review (31) 2006, Heft 2, S. 256–269. Online verfügbar unter https://aom.org/uploaded Files /About_AOM/Presidents_Welcome/2005.pdf

Ulrich, Frederike: Ärzte konkurrieren um lukrative Flüchtlingsversorgung, Hamburger Abendblatt, 2015. Online im Internet: http://www.abendblatt.de/hamburg/article205781923/Aerzte-konkurrieren-um-lukrative-Fluechtlingsversorgung.html, zuletzt geprüft am 30.06.2016 11:56 Uhr.

Walshe, Kieran; Rundall, Thomas G.: Evidence-based Management: From the theory to practice in health care. In: The Mittelbank Quarterly (79) 2001 Heft 3, S. 429–457. Online im Internet http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2751196/pdf/milq_214.pdf. Zuletzt geprüft am: 29.06.2016, 9:12 Uhr.

 

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