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von Dr. Martin Hähnel

Die aktuellen Reaktionen in Presse, Wissenschaft und Politik auf die neueste Nachricht aus dem Fernen Osten, wonach erstmals die Geburt von Mischwesen aus Mensch und Tier rechtlich und politisch ermöglicht werden soll, reichen von problemverkennender Panikstreuung über gedämpfte Empörungen bis hin zu entschärfenden Gelassenheitsappellen (z.B. seitens des Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates Peter Dabrock). Allerdings ist dieser jetzt in Japan erlaubte Schritt der Erzeugung und Austragung von Chimären die logische Konsequenz eines von Anfang an ethisch fragwürdigen Forschungsprogramms, das Teil einer globalen wissenschaftspolitischen und als Salamitaktik getarnten Agenda ist, die noch nicht an ihr Ziel gelangt ist. Dieses Ziel gibt sich auf den ersten Blick als ein rein philanthropisches Ziel aus, insofern dessen Realisierung ja verspricht, den Organmangel zu beheben, um damit potentiellen Empfängern neue Wohltaten zu erweisen; es ist aber auch – und aus meiner Sicht ist es das in erster Linie – ein misanthropisches Ziel, weil einerseits die Wahrscheinlichkeit, dass in Chimären spendertaugliche Organe erzeugt werden können, sehr gering ist (und man somit mit den berechtigten Hoffnungen von Bedürftigen allzu leichtfertig umgeht), andererseits Wissenschaftler hier Hand an etwas legen, das menschlichem Zugriff eigentlich entzogen sein sollte – ich spreche hier von der Natur des Menschen, die Grund für seine Würde ist.

In einem dreijährigen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt habe ich zusammen mit meinen Kollegen auf verschiedenen Wegen versucht zu zeigen, dass die artspezifische Natur des Menschen und damit auch des humanen Embryos eine zentrales ethisches und rechtliches Kriterium darstellt. Mit dessen Hilfe können wir nämlich plausibel machen, dass „wir“ als Menschen Personen sind, die zueinander in einem besonderen und normativ zu schützenden Verhältnis qualifizierter Familiarität stehen. (dazu FAZ vom 22.3.2019: „Der Embryo ist keiner von uns“)

Wenn wir jedoch in Zukunft immer weniger oder gar nicht mehr wissen, ob ein Lebewesen, z.B. ein synthetischer Embryo (auch SHEEF genannt) oder eine künstlich erzeugte Chimäre, zur Spezies Mensch gehört, weil signifikante Anteile seines Phäno- und Genotyps artifiziell erzeugt werden oder tierisch sind, dann verlieren wir jeglichen normativen Bezugspunkt, von dem aus wir überhaupt erst beurteilen können, was ein Wesen ist, welche natürliche Bedürfnisse es hat, mit wem es zusammenleben will bzw. sollte und woraufhin seine ganze Existenz abzielt.

Halten wir also fest: Die Horrorvision ist mit den Ereignissen in Japan nicht erst Realität geworden, sondern bereits so real, dass uns dessen Realität nicht mehr erschreckt – und das ist besonders erschreckend!

 

 

Dr. Martin Hähnel war von 2016 bis 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter im BMBF-Projekt „Der manipulierbare Embryo“ (www.embryonenethik.de)

 

Eine Horrorvision wird immer realer! – In Japan wird erstmals das Austragen von Chimären erlaubt
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2 Gedanken zu „Eine Horrorvision wird immer realer! – In Japan wird erstmals das Austragen von Chimären erlaubt

  • 12. August 2019 um 13:52
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    Die Geburt von Chimären als Horrorvision zu beschreiben erscheint mir eher unpassend. Mit dem Wort „Horror“ lässt sich so einiges assoziieren. Ganz besonders wenn man es im Kontext von Mischwesen aus Menschen und Tier verwendet. Zu leicht entsteht so das Bild von Werwölfen (oder ähnlicher Horrorphantasien), welche im Labor gezüchtet werden. Tatsächlich soll aber nur eine Maus gezüchtet werden. Eine Maus die während ihrer Entstehung eine menschliche Bauchspeicheldrüse ausbaut. Das ist aus zwei Gründen keine Horrorvorstellung. 1) Es ist eine Maus, die aussieht wie eine Maus und in ihren Fähigkeiten anderen Mäusen auch nicht überlegen sein wird. Wenn man also nicht gerade das personifizierte Klischee einer Hausfrau aus den 70ern ist, kann von einer Horrorvorstellung nicht die Rede sein. 2) Menschliche Zellen werden auch in Deutschland schon in Tierembryonen eingesetzt – neu ist nur, dass Japan jetzt die Geburt dieser Tiere erlaubt hat. Dass diese Wesen nun nicht mehr pränatal getötet werden, sondern geboren werden dürfen kann nur schwerlich als Horrorvision beschrieben werden. Insbesondere wenn man bedenkt, dass mit der Geburt solcher Wesen in Zukunft menschliches Leid gelindert werden soll.

    Ich kann der Argumentation, es handle sich bei diesem Vorgehen um ein „in erster Linie misanthropisches Ziel“ (also übersetzt ein menschenfeindliches Ziel) in keiner Weise folgen. Menschen arbeiten daran eine Lösung für den Organmangel zu finden und damit erhebliches Leid anderer Menschen zu lindern. Alleine das Wissen, dass die Mitmenschen versuchen zu helfen ist etwas das hoffen lässt – und Hoffnung ist ebenfalls nichts Menschenfeindliches. Bei vielen Innovationen wird – zumindest meinem Gefühl nach – im Voraus behauptet die Chancen seinen gering, dass es jemals funktioniert oder sich durchsetzt. Selbst wenn dieses spezielle Projekt scheitern sollte und dadurch keinem Menschen ein Organ auf Grund der Basis dieser Forschung eingepflanzt werden kann, werden die Betroffenen trotzdem wissen, dass man zumindest versucht hat Ihnen zu helfen. Wenn man auf der anderen Seite aber bedenkt, was die Menschheit zu gewinnen hätte, wenn diese Methode in der Zukunft doch funktioniert: Organtransplantationen ohne Abstoßungsreaktion. Wäre das nicht phantastisch? Das ist ganz bestimmt nichts Menschenfeindliches.

    Zu dem Punkt, dass Wissenschaftler Hand an etwas legen, dass dem menschlichen Zugriff entzogen sein sollte habe ich drei Fragen: 1) Warum sollte das dem menschlichen Zugriff denn entzogen sein? 2) Welche Autorität oder Philosophie verlangt, dass das dem menschlichen Zugriff entzogen sein sollte? 3) Was ist die Natur des Menschen, aus der seine Würde abgeleitet werden kann?

    Ich stimme zu, dass es sich beim humanen Embryo um ein Thema handelt, dass aus einem moralischen und rechtlichen Blickwinkel noch nicht vollständig aufgearbeitet ist. Das ist allerdings eine ganz andere Debatte, da in Japan die Embryonen einer Maus verändert werden sollen – nicht die eines Menschen. Das Ziel ist in Tieren menschliche Organe zu generieren. Die Fragen „was ein Wesen ist, welche Bedürfnisse es hat und mit wem es zusammenleben will bzw. sollte und woraufhin seine Existenz abzielt“ stellen sich dahingehend nicht wirklich oder beantworten sich von selbst. Es sei denn natürlich die Debatte würde in Richtung von Tierrechte gelenkt. Das wäre dann aber wieder eine neue und andere Diskussion.

    Wir sollten also – meiner Ansicht nach – eher Festhalten, dass es sich gar nicht um eine Horrorvision handelt, sondern um eine Vision wie der Knappheit an Organen begegnet werden kann. Eine Vision die darauf abzielt menschliches Leiden zu lindern.

    Verwendete Literatur:
    https://www.nature.com/articles/d41586-019-02275-3 [12.08.2019]
    https://www.deutschlandfunk.de/mischwesen-aus-mensch-und-tier-japan-erlaubt-zucht-und.676.de.html?dram:article_id=455211 [12.08.2019]
    https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/chimaere-in-japan-bleibt-bei-den-fakten-kommentar-a-1279988.html [12.08.2019]

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  • 22. August 2019 um 11:40
    Permalink

    Ich danke für diesen konstruktiven und kritischen Kommentar, der mir einige Präzisionen und Richtigstellungen erlaubt.

    Zunächst bezieht sich der Begriff „Horror“ nicht auf die Annahme, dass mit modernen gentechnischen Verfahren Chimären erzeugt werden sollen, die bestimmten Fabelwesen ähneln, deren tatsächlich ins Leben gerufene Existenz in uns Abscheu hervorruft (sog. yuck factor). Gleichwohl diese Abscheu aus meiner Sicht gerechtfertigt ist, geht es mir in erster Linie um die „Horrorvision“ von einer Wissenschaft, die glaubt, die Grenzen des Natürlichen (darunter fällt auch das Kriterium der natürlichen Artgliederung, das in Frage gestellt wird, wenn wir uns transgene Mäuse vorstellen, deren Gene zu 49% menschlich und zu 51% tierisch sind) so zu verschieben, das diese in den Bereich des Machbaren so gelangen.

    Der Fall in Japan zeigt, dass diese „Horrorvision“ immer mehr Gestalt annimmt. Wo man zunächst Chimären noch pränatal tötete, was an sich bereits ethisch höchst problematisch ist, geht man jetzt sogar dazu über, Mensch-Tier-Wesen ins Leben zu rufen, von denen man noch gar nicht weiss, wie sie sich entwickeln, geschweige denn welchen Platz sie, so sie sich denn als überlebensfähig erweisen, in der natürlichen Artenfolge einnehmen werden. Die Inkaufnahme dieser Unkenntnis über die mittel- und langfristigen Folgen dieser Forschung zugunsten der Durchsetzung philanthropischer Ziele (zu denen u.a. die im Kommentar genannte „Leidminderung“ gehört), welche übrigens auch über andere Wege (z.B. durch die Erzeugung von Organen mit Hilfe von 3D-Druckern) erreicht werden kann, ist aus meiner Sicht unverantwortlich.

    Ich möchte an dieser Stelle noch auf einen Punkt im Kommentar hinweisen, der typisch ist für viele ethische Rechtfertigungsstrategien unserer Zeit. Ich spreche von der mehr oder weniger gut begründeten Forderung, die positiven Chancen einer Forschung mit ihren möglichen negativen Folgen abzuwägen. Es ist zweifelsohne so, dass die moderne Medizin, gerade wo sie Menschenleben retten soll, abwägen muss, um innovativ zu sein. Das Problem hierbei ist nur, dass das Gut, um welches es handelt (also das menschliche Leben), einer solchen Abwägung grundsätzlich entzogen ist bzw. werden muss. Nun wird man sich sogleich fragen, was das menschliche Leben mit der Thematik der Chimären zu tun hat?

    Der Zusammenhang besteht in der Art und Weise, wie wir uns als Menschen zu uns selbst und zu unserer lebendigen Mitwelt aktuell verhalten und zukünftig zu verhalten beabsichtigen. Was wir tun (wenn wir z.B. Chimären erzeugen und austragen), bestimmt in gewisser Hinsicht auch, wer wir sind bzw. wer wir sein wollen. Aus meiner Sicht und entgegen transhumanistischer Phantasien gehört es – zu welchem Zweck auch immer – nicht zur Aufgabe unserer Gattung, sich in irgendeiner Weise mit einer anderen Spezies zu verbinden oder zu vermischen. Zwar teilen wir mit vielen Tieren bestimmte Zwecke (z.B. Fortpflanzung, Selbsterhaltung etc.), doch sind unsere menschlichen Eigenschaften (vor allem die sprachlich-geistigen) von einer anderen Qualität, sodass wir uns ernsthaft davor gruseln sollten, wenn wir uns vorstellen, dass Tiere infolge der Verwischung natürlicher Speziesgrenzen plötzlich ein Bewusstsein entwickeln (z.B. bei der Erzeugung von Hirnchimären) und damit beginnen wie wir Menschen zu sprechen und zu denken. Ist das bloße Science-Fiction?

    Ich denke nicht! Es ist vielmehr die mögliche Folge eines bereits vollzogenen Tabubruchs, der darin besteht, die technologische Macht des Menschen über sich und seine lebendige Mitwelt so weit auszudehnen, dass sogar unvorhergesehene bzw. unerwünschte Handlungskonsequenzen als beherrschbar angesehen werden. Wir sollten daher, Hans Jonas folgend, skeptisch gegenüber solchen „phantastischen“ Versprechungen wie die problemlose Erzeugung von Organen ohne Abstoßungsreaktionen sein und uns stattdessen wieder verstärkt in einer „Heuristik der Furcht“ üben. Dann werden wir womöglich eher zu Lösungen finden, die man mit guten Recht „menschenfreundlich“ nennen kann.

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