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 von Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg

Die Tugend der Wahrhaftigkeit droht in Vergessenheit zu geraten. Es ist seit geraumer Zeit kaum mehr etwas von ihr zu hören oder zu lesen. Sie ist aber heute so nötig wie eh und je und für ein humanes, gerechtes, soziales und friedvolles Leben unabdingbar.

Das Gegenteil von Wahrhaftigkeit ist die Unwahrhaftigkeit, die zur Lüge führt. Sie wirkt selbstzerstörerisch, wie der Prophet Jeremia hinsichtlich seines Volkes Israel feststellt: „Lüge, nicht Wahrhaftigkeit herrscht im Land. Ja, sie schreiten von Verbrechen zu Verbrechen; mich aber kennen sie nicht“ (Jer 9,2 f.). Die Folge davon ist die Zerstörung Jerusalems und die „Babylonische Gefangenschaft“ (597 v. Chr.).

In diesem Text wird auch deutlich, dass Gott mit Lüge nichts gemein hat. Gott ist Wahrheit, in ihm gibt es keine Lüge; so ist er auch der Garant der Wahrhaftigkeit. Im Brief an die Römer benutzt Paulus zweimal den Ausdruck „Wahrhaftigkeit Gottes“ (Röm 3,7 und 15,8). Im Johannesevangelium betet Jesus zum Vater: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,17). Vor allem das Johannesevangelium und die Johannesbriefe im Neuen Testament wollen eine Gemeinschaft der Liebe unter den Christen aufbauen. Deshalb fordern sie, in der Wahrheit zu bleiben, denn ohne Wahrhaftigkeit gibt es keine Liebe.

Die Tugend der Wahrhaftigkeit meint das Streben nach Wahrheit im Reden und Denken, im Verhalten und Tun. Die Wahrhaftigkeit im Reden kann falsche Aussage nur durch einen Irrtum hervorbringen; sie richtet sich nach dem achten Gebot des Dekalogs: Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Die Wahrhaftigkeit im Denken fördert die Anerkennung der Menschenwürde und der Menschenrechte sowie das Wohlwollen gegenüber allen Menschen; die Wahrhaftigkeit weiß, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechte sind. Die Wahrhaftigkeit im Verhalten beim Umgang mit den Mitmenschen schafft Vertrauen. Die Wahrhaftigkeit im Tun breitet die „Zivilisation der Liebe“ aus.

Die Unwahrhaftigkeit wird auch Pharisäismus genannt. Der Pharisäismus meint, dass man sich dem anderen gegenüber im Denken, Reden, Verhalten und Tun falsch und heuchlerisch verhält, sich nach der gängigen Meinung und dem, was gerade gefällt oder gut ankommt, richtet und dabei seine eigenen Vorteile sucht.

Die Wahrhaftigkeit ist auch Treue zu sich selbst. Wenn ein Mensch wahrhaftig ist, erkennt er seine Gottebenbildlichkeit und seine guten Gaben des Leibes, des Geistes und der Seele. So wird er das, was er sein kann und dient seinen Mitmenschen, der Welt und Schöpfung. Wer unwahrhaftig ist, verkennt sich und seinen Auftrag auf der Erde und verletzt seine eigene Würde.

Die Wahrhaftigkeit wird nie zu einem Dauerzustand in einer Person, sie muss vielmehr von jedem immer wieder neu gesucht und angestrebt werden. Wer wahrhaftig sein will, muss stets neu sein Leben überprüfen. Die Wahrhaftigkeit verbindet sich mit dem Gewissen des Menschen, das ein Kompass für richtig und falsch ist. Auch kann nur der wahrhaftig leben und wirken, der sich umfassend, entsprechend seinem Stand und seinen Möglichkeiten, informiert. Wer wahrhaftig sein und bleiben will, muss auch zuhören und nachdenklich sein und echten Dialog mit seinen Mitmenschen führen sowie sich der Kritik anderer aussetzen.

Wahrhaftigkeit ist in allen menschlichen Beziehungen unabdingbar. Die Unwahrhaftigkeit zerstört jedes Familienleben, jedes Vereinsleben, jede Kollegialität im Beruf, das wirtschaftliche und politische Leben, sowohl in jedem einzelnen Staat als auch in den internationalen Beziehungen. Heutige Formen der Unwahrhaftigkeit in der Politik sind vor allem der Populismus und die verschiedenen Nationalismen, in den Medien die Fakenews.

Über die Tugend der Wahrhaftigkeit muss im öffentlichen Diskurs viel öfter geredet werden. Auch in die Erziehung und Bildung – vom Kindergarten bis zur Universität – sollte sie eingebracht werden.

Die Tugend der Wahrhaftigkeit zu pflegen und auszubreiten ist wichtig für Gemeinsinn und Gemeinwohl überall.

Vor allem für jeden Christen ist das Streben nach Wahrhaftigkeit eine Pflicht und ein missionarischer Auftrag. Im Blick auf Gott, der Wahrheit ist und in dem es keine Lüge gibt, kann der Mensch unter der Führung des Heiligen Geistes ein wahrhaftiger Mensch sein und die Wahrhaftigkeit fördern. Der christliche Glaube ist ein wichtiger Inspirator und auch Garant der Wahrhaftigkeit unter den Menschen.

Die Tugend der Wahrhaftigkeit
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2 Gedanken zu „Die Tugend der Wahrhaftigkeit

  • 26. Oktober 2019 um 21:14
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    http://www.youtube.com/watch?v=Sx_1oYGtKYM Und auch deshalb bitte kein Wegsehen hiervon: „… Ein 4-köpfiger Rechercheverbund, körperlich und wirtschaftlich geschädigt, in seiner Existenz vernichtet. Das NDR-Medienmagazin ZAPP berichtete ebenso als JournalistenBlatt und BILD, wie auch Lutz Tillmans, Geschäftsführer des Deutschen Presserates, eindeutig Stellung bezog. 39 Strafverfahren gegen JournalistInnen im Rahmen ihrer Tätigkeit sind alleine in Sachsen bekannt: das bundesweit Aufsehen erregende Verfahren gegen die Leipziger Journalisten Datt und Ginzel war im Zusammenhang mit dem Sachsensumpf also nur die Spitze des Eisberges. …“? Abarbeiten am Ausland ist eben einfacher, als das unbequeme Kehren vor der eigenen Haustüre! Kollegialität und Zivilcourage bleiben jedoch auf der Strecke!

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  • 26. Oktober 2019 um 21:18
    Permalink

    Und deshalb muss die katholische Kirche endlich mit bestem Beispiel voran gehen, denn das Perfide ist das System, wie es betrieben und vertuscht wurde und – auch auf anderen Ebenen – weiter wird!
    http://www.myheimat.de/muenchen/kultur/das-schweigen-der-hirten-die-kirche-erodiert-von-ihren-hirten-her-d3040946.html Es ist wie beim Missbrauchsskandal, also ganz offensichtlich eben doch desaströses System der Amtskirche: sich abzuwenden, statt hinzusehen – Wasser zu predigen und Wein zu trinken!

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