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von Dr. Peter Tauber MdB

Während der Fußballweltmeisterschaft stellt man im öffentlichen Bild eines wieder fest: die Menschen in unserem Land bekennen – sprichwörtlich – Farbe und zeigen an ihren Autos und Balkonen Flagge. Die Vorbehalte, sich zur deutschen Fahne zu bekennen, scheinen in dieser Zeit abgelegt. Die derzeitige Präsenz von Schwarz-Rot-Gold im öffentlichen Leben kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine merkliche Scheu gibt, außerhalb eines Sportereignisses Flagge zu zeigen. Stattdessen werden die Farben unseres Landes von rechten Kräften vereinnahmt, die versuchen sie als Symbol für Ausgrenzung und Ungleichheit umzudeuten.
Während Nationalfahnen für viele Völker in der Funktion nicht über eine Marke oder ein Erkennungszeichen hinausgehen, hat die deutsche Trikolore eine besondere Bedeutung und ist untrennbar mit dem Kampf um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verbunden.
Ferdinand Freiligrath besang im März 1848 von seinem Londoner Exil aus diesen Kampf und dichtete in seinem zwölfstrophigen Lied “In Kümmernis und Dunkelheit” u.a.:

In Kümmernis und Dunkelheit,
da mussten wir sie bergen!
Nun haben wir sie doch befreit,
befreit aus ihren Särgen!
Ha, wie das blitzt und rauscht und rollt!
Hurra, du Schwarz, du Rot, du Gold!
Pulver ist Schwarz,
Blut ist Rot,
golden flackert die Flamme!

Die Freiheit ist die Nation,
ist aller gleich Gebieten!
Die Freiheit ist die Auktion
von dreißig Fürstenhüten!
Die Freiheit ist die Republik!
Und abermals: die Republik!
Pulver ist Schwarz,
Blut ist Rot,
golden flackert die Flamme!

Wenn die Farben unseres Landes mit den Farben von Pulver, Blut und Flamme verbunden werden, so klingt dies nicht nur martialisch, sondern spiegelt die Zeiten wider, in welchen unsere Nationalfahne entstand – Befreiungskriege und die 1848er-Revolution. Junge Männer aus ganz Deutschland schlossen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer Einheits- und Freiheitsbewegung zusammen und kämpften für die Idee eines einheitlichen deutschen Nationalstaates, für Freiheits- und Gleichheitsrechte. Die Farben wurden so zum Sinnbild des Strebens nach Freiheit und mehr noch der Bereitschaft für diese Freiheit alles einzusetzen – auch das eigene Leben. Als Zeichen für einen einheitlichen deutschen Bundesstaat wurde die schwarz-rot-goldene Fahne verboten, aber zugleich zum Symbol des Widerstandes gegen die autoritären Strukturen von Monarchien und Fürstentümern. Und als solches wurde sie ganz demonstrativ bei Anlässen wie dem Wartburgfest oder dem Hambacher Fest – ein europäisches Freiheitsfest mit deutschen, polnischen und französischen Studenten – gezeigt.

Freiligrath besingt jedoch im März 1848 nicht nur die Vergangenheit, sondern er verfasst diese Zeilen zu einem Zeitpunkt, als die Deutsche Bundesversammlung zum ersten Mal Schwarz-Rot-Gold als “Bundesfarben” deklariert, also jene Farben, die bisher als Zeichen des Umsturzes bekämpft wurden, zu den Farben eines neuen Deutschlands wurden. Freiligrath nimmt zu diesem Zeitpunkt eine – bis heute sinnstiftende – Deutung der Farben vor. Während Fallersleben 1843 noch in seinem Gedicht “Über unserem Vaterland” in der vierten Strophe dichtete:

“Immer unerfüllt noch stehen
Schwarz, Rot, Gold im Reichspanier:
Alles läßt sich schwarz nur sehen,
Rot und Gold, wo bleibt ihr?
Ach wann erglänzt aus dem Dunkel der Nacht
unsere Hoffnung in funkelnder Pracht?”

greift Freiligrath zwar noch mit den Worten “In Kümmernis und Dunkelheit, da mussten wir sie bergen!” das Bild der schwarzen Nacht auf, nimmt aber sogleich eine Umdeutung im Sinne der Revolution vor, wenn er schreibt: “Pulver ist Schwarz, Blut ist Rot, golden flackert die Flamme!”

Wenn Freiligrath mit den Zeilen „Denn erst der Anfang ist gemacht, Noch steht bevor die letzte Schlacht! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme!” die neue revolutionäre Symbolik der Farben mit der Paulskirchenversammlung verknüpft, weist er – die Geschichte hat ihm leider Recht gegeben – auf den noch langen Kampf hin, der notwendig ist, um die Freiheitsrechte und den einheitlichen deutschen Nationalstaat zu erreichen. Mit der Paulskirchenversammlung war zwar das Ziel nahe, Freiheit durch eine Verfassung zu garantieren und Grundrechte wie bspw. die Pressefreiheit erstmals in einer Verfassung zu verankern. Die Ziele wurden aber eben nur beinahe erreicht. Der Parteienstreit lähmt die Paulskirchenversammlung und die Kleinstaaterei gewann wieder an Einfluss. Für fast ein Jahrhundert sollten die Farben schwarz-rot-gold aus dem öffentlichen Raum verschwinden.

Nachdem die Nationalsozialisten sich eigener Symbole bedienten und Schwarz-Rot-Gold ablehnten, erlebte die deutsche Fahne nach dem Zweiten Weltkrieg eine vorsichtige Renaissance, die jedoch von Vorbehalten gegenüber patriotischen Symbolen im Allgemeinen überschattet wurde. Diese Zurückhaltung jedoch ist historisch nicht zu begründen, da weder die Nationalsozialisten noch andere antidemokratische Gruppierungen die Farben für sich behaupteten oder für ihre Zwecke missbrauchten. Entgegen der Zweifel blieben die deutschen Farben immer mit dem Freiheitskampf und dem Frieden verknüpft, der ursprünglich zweck stiftend für sie war.

Der Kampf um die Werte, die uns Kompass und Antrieb sind und die unsere Fahne repräsentiert, ging weiter. Die deutsche Vereinigung 1990 war ein nächster großer Schritt hin zu einer nicht nur geographisch, sondern auch gesellschaftlich vereinten Nation. Und diesen Kampf um die Bedeutung unserer Farben müssen wir auch heute weiterführen: Zu wichtig sind unsere Farben, zu bedeutsam ihre Symbolik, um sie denen zu überlassen, die diese Werte mit Füßen treten. Wir dürfen nicht zulassen, dass Feindlichkeit und Angst und Ausgrenzung an die Stelle von Recht und Einigkeit und Freiheit treten. Für diese Werte, symbolisiert in unseren Farben, haben wir schon immer gekämpft. Wir müssen es auch jetzt.

Um zu verhindern, dass unsere Fahne mit rechtem Gedankengut und plumpen Parolen assoziiert wird, müssen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes trauen, Farbe zu bekennen. Auch außerhalb von Sportereignissen dürfen wir, ja müssen wir die Fahne mit Stolz tragen und zeigen, dass wir einstehen für die Werte, auf denen dieses Land aufbaut. Denjenigen, die unter dem Schutz unserer Fahne Hass verbreiten wollen, müssen wir sie wegnehmen und sie uns zurückholen. So wie wir es immer gemacht haben.

 

Dr. Peter Tauber MdB ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung

Die Farben unseres Landes
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Ein Gedanke zu „Die Farben unseres Landes

  • 18. August 2018 um 20:10
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    Zwar bedienten sich die Nationalsozialisten eigener Symbole jedoch ist in meinen Augen die Zurückhaltung trotzdem historisch zu begründen. Gleiche Menschen die sich zu unterschiedlichen Farben bekennen, das kann glaubhaft nicht gelingen.

    Jetzt ist es aber richtiger Weise an der Zeit, dass die Generationen ohne Zusammenhang zum Nationalsozialismus einfordern, wieder Farbe zu bekennen um genau diesem keine Chance zu geben.

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