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Dipl. Theol. Ma. Arts Matthias Merz, Gesundheits- und Krankenpfleger auf der Palliativstation der Klinik Universität München (LMU)

Die Arbeitsbedingungen für Krankenpflegekräfte in Krankenhäusern sind in den vergangenen zehn Jahren einem tiefgreifenden Wandel unterworfen. Berichte über Pflegemissstände und eine Überlastung von Krankenpflegekräften sind medial sehr präsent. Gründe für die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen sind u. a. in der durch die Einführung des fallbezogenen Entgeltsystems (DRG) einhergehenden Zunahme der Fallzahlen sowie in der Verschärfung des Fachkräftemangels zu finden, dem einrichtungsintern oftmals mit belastenden Maßnahmen für die Pflegekräfte zu begegnen versucht wird. Im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege ist zudem ein Anstieg an vorzeitigen Berufsausstiegen und psychischen Erkrankungen zu verzeichnen. Die Gründe für erhöhte psychische Erkrankungen, wie etwa das Burnout-Syndrom, sind multifaktoriell. Neben persönlichen Merkmalen können auch Faktoren genannt werden, die in den Arbeitsinhalten sowie der Ablauforganisation und somit auf struktureller und institutioneller Ebene einer Einrichtung gründen. Generell kann festgehalten werden, dass der Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege als helfender Beruf den Aspekt der Fürsorge stark in den Vordergrund stellt. Sind nun auf Fürsorge bezogene pflegerische Arbeitsinhalte und -abläufe im Krankenhaus strukturell bedingt, was mit dem Auftreten von Burnout-Erkrankungen in einem korrelativen Verhältnis steht, so ergeben sich aus ethischer Perspektive Anfragen an die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften im Krankenhaus. Die Pastorale Konstitution Gaudium et Spesdes Zweiten Vatikanischen Konzils formuliert, dass die Ordnung der Dinge der Ordnung der Personen dienstbar sein müsse und nicht umgekehrt. Der Mensch ist Bezugspunkt, aus dem Arbeitsbedingungen ihren ethischen Bewertungsmaßstab erfahren, sodass sie als human bezeichnet werden können.

Eine Theorie, die die Explikation und Entfaltung der Bedingungen humaner Arbeit zulässt, kann in der sozialen PerichoreseWilhelm Korffs gefunden werden. Sie weist auf die Notwendigkeit hin, dass Institutionen und Organisationen in sämtlichen Interaktionsräumen die naturalen Anlagen des Menschen aufnehmen und realisieren müssen. Allein Institutionen und Organisationen, die die naturalen Antriebe des auf Selbststand ausgerichteten Aggressionstriebs, des Fürsorgetriebs sowie des auf die eigene Bedürfniserfüllung gerichteten Triebs des Sachhaft-Gebrauchens aufnehmen und sie entsprechend ihres institutionellen/organisationalen Zwecks unterschiedlich entfalten, wobei keiner der drei Triebe vollständig eliminiert werden darf, können als human gelten. Bezeichnenderweise zeichnen sich gerade der Aggressionstrieb sowie der Trieb des Sachhaften-Gebrauchens im Fürsorgeberuf Krankenpflege als wichtige Korrektive gegenüber dem Fürsorgetrieb aus. Aggression sichert Selbststand und Selbstfürsorge. Im Trieb des Sachhaft-Gebrauchens finden Aggression und Fürsorge ihren synthetischen Ausgleich. Der Krankenpflegeberuf wird erst durch ihn zu einem humanen Beruf, sichert doch der sachhaft gebrauchende Impetus einerseits eine optimale fachliche Patientenversorgung durch die Krankenpflegekräfte und andererseits eine an den Bedürfnissen der Krankenpflegekräfte orientierte Mitarbeiterführung durch Personalverantwortliche im Krankenhaus. Die soziale Perichorese stellt demnach für Personalverantwortliche und andere Entscheidungsträger im Krankenhaus eine Hilfestellung für die ethische Reflexion in der Mitarbeiterführung dar. Sie kann aber ebenso dazu beitragen, dass der Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege von seinen heteronomen Strukturen befreit und zu einem autonomen und selbstbestimmten Beruf weiterentwickelt wird.

 

 

Die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften im Krankenhaus – eine sozialperichoretische Perspektive
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