fbpx

von Dr. Marco Bonacker, Fulda

Mit Sorge schauen aktuell Anleger auf die schleppende Konjunktur und zittern vor jeder neuen Twitter-Nachricht von Donald Trump. 140 Zeichen reichen dem US-Präsidenten, um die Börsenkurse für Tage und Wochen in Unruhe zu versetzen. Gerade Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft, die noch dazu Maschinen- und Automobilschwerpunkte aufweist, ist besonders auf ein gutes globales Marktklima angewiesen. Der eskalierende Handelsstreit zwischen den USA und China und die angekündigten Importzölle wirken sich daher besonders negativ auf die Konjunkturprognosen aus. Viele Großinvestoren stehen in diesen Zeiten daher an der Seitenlinie und sondieren, wann der Investitionseinstieg günstig ist. Die eingetrübte Stimmung im Welthandel fällt mit einer Geldpolitik im Euroraum zusammen, die besonders die deutschen Sparer belastet. Diese sind bekanntermaßen wenig risikoaffin und setzen auf konservative Geldanlagen wie Sparbücher, Festgeld oder lassen ihr Kapital ganz einfach auf dem Girokonto versauern, obwohl keine oder nur homöopathische Zinsen zu erwarten sind. Durch die Inflation wird das dort gebunkerte Geld allerdings real garantiert weniger. Dabei lag die durchschnittliche Inflation in den letzten zehn Jahren bei etwa 1,5% und damit unter dem von der EZB postulierten Ideal von 2%. Die aktuellen geldpolitischen Maßnahmen wollen diese 2% realisieren und damit die Konjunktur in Europa stimulieren. Das Ergebnis: Das deutsche Sparmodell entwickelt sich immer mehr zum sicheren Minusgeschäft. Die Zeiten des risikolosen Zinses sind vorbei – was es noch gibt, ist das zinslose Risiko. Auf jeden Fall gilt: Wer so spart wie bisher, wird bestraft. Auch Negativzinsen sind in diesem Szenario vorstellbar. Dieser Befund – unsichere Wirtschaftslage und die Niedrigzinspolitik der EZB – lassen den deutschen Sparer ratlos zurück. Was tun? Vor kurzem riet Friedrich Merz den Deutschen doch tatsächlich, einen Teil ihres Vermögens in Aktien zu stecken. Aktien? Hatten die Deutschen nicht Anfang der 2000er genug schlechte Erfahrungen damit gemacht? Die Dotcom-Blase und – unvergessen – die großen Verluste mit der als Hausfrauenaktie gescholtenen Telekom haben viele Deutsche nicht vergessen. Sie prägen das kollektive Bewusstsein der Sparer wie die Hyperinflation der 20er Jahre. Die Börse sei nicht nur kompliziert und nur etwas für Experten, nein, sie sei im Grunde ein Kasino, eine Zockerbude, die also kaum zum Sparen, geschweige denn zur Altersvorsorge tauge, denken viele Deutsche. Die Empörung über den Vorstoß von Friederich Merz war demgemäß groß. Er fiel darüber hinaus in eine politische Debatte, die sozialistische Ideen wie Enteignungen und Verstaatlichungen wieder als politische Option propagierten. Eine Mischung aus „german angst“ und sozialistischer Robin-Hood-Romantik allerdings sind Gift für ein nüchternes und positives Verhältnis zum Kapitalismus, der in Deutschland in Form der Sozialen Marktwirtschaft soliden Wohlstand geschaffen hat. Es passt ins Bild, dass im Kontext dieses Befundes, das aktuelle Interesse an Wirtschaft und Kapitalanlage von einem ohnehin schon niedrigen Niveau nochmals gesunken ist. Ebenso ist die Aktienquote der Deutschen im internationalen Vergleich gering. Der Komplexität und Unsicherheit der Wirtschaftslage zum Trotz, ja gerade wegen Phänomenen wie der Null- und Negativzinspolitik wäre man gut beraten, sich intensiv und ohne ideologische Scheuklappen mit dem Thema Aktieninvestition zu beschäftigen. Denn um Rendite zu erwirtschaften, muss man weder zocken, noch Minutenhandel betreiben und man muss noch nicht einmal Einzelaktien kaufen und aktiv verwalten. Im Gegenteil bietet sich eine passive Investitionsstrategie mit ETF-Fonds an, die nichts weiter tun als einen Referenzindex zu replizieren. Um weiteres Risiko zu minimieren, sollte dieser Referenzindex breit und international aufgestellt sein. Wenn der Deutsche investiert, dann in das, was er kennt: Den DAX. Dieser beinhaltet allerdings nur 30 Firmen, die – logisch – alle höchst eng mit der deutschen Konjunktur verknüpft und überproportional zyklisch sind sowie überproportional viele Automobilwerte aufweist. Eine geringe Risikostreuung also. Viel sinnvoller erscheint hier ein MSCI-Worl ETF, der in einem Produkt 23 Industrienationen und die Auf- und Abentwicklung von 1600 Firmen abbildet.
ETFs sind Indexfonds die keine aktive Anlagetaktik verfolgen. Daher sind sie kostengünstig und auch recht langweilig. Genau das ist ihre Stärke.
Kombiniert man den MSCI-World mit einem gewissen Anteil von Schwellenländern-ETFs wie den MSCI Emerging Markets hat man mit nur zwei Produkten Anteil an einem Großteil der weltweiten Marktkapitalisierung. Ist der regelmäßige und vor allem langfristig angelegte Sparplan einmal eingerichtet, lebt es sich recht unkompliziert. Da es sich hierbei um passives Investieren handelt, man also nicht ständig nach seinen Investitionen schauen muss, kommt der Faktor Freizeit oder des „guten Lebens“ nicht zu kurz. Und mit Blick auf die historischen Konjunkturverläufe, in denen alle uns bekannten Crashs abgebildet sind, gibt es keine Phase von 15 Jahren Dauer, in denen man Minus gemacht hätte. ETFs sind also ohne Frage nützlich für Menschen, die ein Minimalinteresse an Aktieninvestitionen haben und nüchtern am Wachstum der Weltwirtschaft partizipieren wollen. Aber sind sie auch – ganz im ethischen Sinne gefragt – gut? Das kommt darauf an!
Es lässt sich nicht abstreiten, dass Investitionen in chinesische oder saudische Firmen ethisch bedenklich sind. Ebenso will nicht jeder Firmen finanzieren, die ein Grundrecht auf freien Zugang zu Wasser in Frage stellen und diesen ihren Geschäftsinteressen unterordnen. Gleiches gilt für problematische Rohstoffe, die aus Konfliktregionen stammen oder durch ihre Förderung ganze Landstriche verwüsten. Kann es demgegenüber ein ethisch unbedenkliches Investieren geben? Immer mehr Menschen fragen sich, ob das Gute und das Nützliche sich zwingend ausschließen müssen. Dies ist nicht der Fall. Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung ist sogar davon auszugehen, dass gerade ethisch handelnde Unternehmen, die ihre Compliance- und Öko-Standards nicht nur werbend einsetzen (Stichwort Green-Washing), sondern in die Firmenkultur integrieren, auf lange Sicht das bessere Investment darstellen. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes nachhaltiger. Ethisches Investieren ist ein wachsender Sektor und wird immer beliebter. Auch dafür gibt es folgerichtig ETF-Lösungen, bei denen etwa bestimmte Länder oder Branchen wie die Rüstungs- oder Tabakindustrie außen vor bleiben. Der Best-in-Class-Ansatz demgegenüber verfolgt das Ziel aus jedem Sektor nur den besten, d.h. nachhaltigsten Vertreter in das Portfolio aufzunehmen. Auch dabei wird also eine geringe Belastung der Natur, der Umgang mit den Mitarbeitern und die Einhaltung der eigenen Compliance-Regeln honoriert. Das Investment kann also gezielt nach gewissen ethischen Kriterien gestreut werden. Ethisches Investieren war noch nie so einfach und erfordert mit Blick auf die historischen Renditeergebnisse noch nie so wenig Mut wie heute – gerade in Zeiten von ökonomischer Unsicherheit und Nullzinsen.

Dr. Marco Bonacker, stellv. Leiter der Abteilung Erwachsenenbildung im Bistum Fulda, arbeitete vorher für die KSZ, das sozialethische Institut der Deutschen Bischofskonferenz und war währenddessen Dozent für Wirtschaftsethik an der Hochschule Hamm-Lippstadt.

Das Gute und das Nützliche. Ethisches Investment in Zeiten der Nullzinsen
Markiert in:         

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.