Prof. Dr. mult.  Nikolaus Knoepffler hat den Lehrstuhl für angewandte Ethik an der Universität Jena

Die Rede von der Würde gehört zu den umstrittensten und zugleich meist gebrauchten Begriffen im derzeitigen deutschen ethischen und rechtlichen Diskurs.

Sein heutiger Sinn erschließt sich am besten aus seinem Gebrauch durch die Vereinten Nationen 1948. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte haben sich die Völker dazu bekannt, allen geborenen Menschen Würde und damit verbunden grundlegende Rechte zuzuerkennen. In erster Linie geht es um das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, damit niemals mehr ein Mensch aufgrund religiöser Anschauung oder Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe usw. in seinen Grundrechten verletzt wird. Würde ist hierbei zu verstehen, dass jeder Mensch als ein Subjekt zu achten ist, das nicht für Staatsinteressen aufgeopfert werden darf, und der, was seine fundamentalen Rechte angeht, allen anderen Menschen gleich ist.

Seit Langem ist bekannt, dass eine Milliarde Menschen unterhalb der absoluten Armutsgrenze leben. Dazu kommen schreckliche Bürgerkriege, die Leib und Leben bedrohen, und die Verfolgung politisch anders Denkender. Es ist nur zu gut verständlich, dass viele dieser Menschen einen Ausweg aus ihrer schrecklichen Situation suchen. Allerdings kommen sie in ein Land, dessen Sprache, religiöse und kulturelle Prägung sowie dessen Geschichte sie in der großen Mehrheit nicht teilen. Wenn bereits ein Land wie Belgien daran zu zerbrechen droht, weil ein Teil der Wallonen und Flamen aufgrund sprachlicher und kultureller Differenzen sich entfremdet haben und die gemeinsame Religion und Geschichte ihre Bindungskraft einzubüßen scheint, so scheint verständlich zu sein, warum Einheimische Angst vor den Neuankömmlingen haben. Dazu kommt, dass sich ihnen auch Menschen anschließen, die diese unübersichtliche Situation ausnutzen und in unserem Land Verbrechen begehen. Das erhöht die Angst weiter.

Doch rechtfertigen diese Ängste einen Umgang mit Asylbewerbern, der sie als Menschen nicht hinreichend achtet? Warum gelingt es einem Staat wie dem unsrigen nicht, Verfahren zügig durchzuführen? Stattdessen müssen sich die wartenden Asylbewerber monatelang aufeinander gepfercht gedulden, ehe entschieden wird. Und warum sollte ein vom Hungertod bedrohter Mensch weniger Anspruch auf Asyl haben als ein politisch Verfolgter? Warum werden diejenigen Bewerber, die mit aller Kraft versuchen, die Sprache unseres Landes zu lernen, sich in unsere Kultur einzufügen und Bereitschaft zeigen, daran mitzuwirken, unser Gemeinwesen aufzubauen, dafür nicht honoriert? Warum wird umgekehrt derjenige, der kriminell geworden ist, nicht rasch abgeschoben?

Wenn wir die Würde von Asylbewerbern achten wollen, so sollten die Entscheidungsprozesse rasch durchgeführt werden, wer zumindest eine Chance erhalten soll hierbleiben zu dürfen. Diese Chance ist mit klaren, zugleich aber verständlichen Auflagen zu versehen.

Vor allem aber benötigen wir internationale Zusammenarbeit, sodass die einzelnen Staaten sich entscheiden, wie viele Asylbewerber sie aufnehmen können. Auch ließe sich vorstellen, quasi im Sinn von Patenschaften vor Ort in bestimmten Ländern zu helfen: Größere Staaten sind dabei für größere Staaten mit Armutsproblemen zuständig, kleinere Staaten für kleinere bedürftige Staaten.

Diese Gedanken sind ein erster Versuch. Der Hintergrund ist die Erfahrung von Flüchtlingen, die sich in Containern langweilen und kaum Möglichkeiten haben, mit ihrer Zeit etwas Sinnvolles anzufangen. Der Hintergrund ist die Erfahrung einer Mutter, die ihre sechs Kinder zuhause in Afrika bei ihren Eltern gelassen hat und jede Nacht weint, weil sie sich sehnt, bei ihren Kindern zu sein, zugleich aber für ihre Kinder hier eine bessere Zukunft erhofft.

Zur Würde von Asylbewerbern
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