Jens Wimmers, Forscher und Lehrer für Ethik und Philosophie in Forchheim und Universität Bamberg

Im Theaterstück „Terror“ wird vordergründig nach der rechtmäßigen Entscheidung eines Majors gefragt, der ein vollbesetztes Flugzeug abschießt, bevor es in ein gefülltes Fußballstadion stürzt. Schnell wird aber klar, dass hier nicht nur das Recht, sondern auch die Moral, auf der die Geltung des Rechts letztendlich basiert, verhandelt wird. Es ist eine moralische Forderung, richtige Entscheidungen zu verlangen. Was richtig ist, wird durch Begründungen festgestellt. Wenn man ein furchtbares Szenario entwickelt, in dem nur zwischen zwei schrecklichen Alternativen gewählt werden kann, dann darf man hinterher nicht kritisieren, dass die gewählte Entscheidung zu einem furchtbaren Ergebnis führt.

Richtig ist, was angesichts der Alternativen, stärker begründet ist. Das Verfassungsgericht kommt mit der Feststellung, dass Menschenleben nicht gegeneinander abgewogen werden (Stellungnahme zum Beschluss des Bundestages 2005), zum Urteil gegen die Entscheidung des Angeklagten. Tatsächlich entzieht das Verfassungsgericht sich mit dieser Argumentation dem existenzialistischen Spiel, das von Schirach auf die Bühne bringt: Es kann nur zwischen A und B gewählt werden. Eine Enthaltung, wie sie das Verfassungsgericht fordert, ist nicht möglich. Hier sind wir zur Entscheidung verdammt. Wer nicht abwägt, entscheidet nicht nicht, sondern entscheidet sich gegen das militärische Eingreifen und dafür, Flugzeuginsassen und Stadiongäste zu opfern. Wir werden zur Abwägung gezwungen.

Versuchen wir, der an sich moralisch richtigen Argumentation des Bundesverfassungsgerichts zu folgen, ohne aus dem teuflischen Spiel auszusteigen, das uns zur Entscheidung für eine Grausamkeit zwingt. Dann kommen wir vermutlich zu einem anderen Ergebnis. Wir können die Menschenwürde daran festmachen, dass wir die Entscheidungsfreiheit (nicht die jeweilige Entscheidung!) jedes Menschen respektieren müssen. Wenn wir Menschen die Entscheidungsfreiheit absprechen, dann machen wir sie zu Sklaven.

Der Unterschied zwischen Fluggästen und Stadionbesuchern besteht in der Entscheidungsfreiheit. Wer sich dazu entscheidet, mit dem Flugzeug zu reisen, nimmt ein gewisses Risiko auf sich. Der Besuch eines Fußballspiels erfordert (zumindest vor den Attentaten von Paris) kaum Risikobereitschaft. Insofern nehmen die Fluggäste mit ihrer Entscheidung wissentlich und willentlich eine Gefahr in Kauf, während die Stadionbesucher sich nicht für eine entsprechende Gefahr entschieden haben. Damit ist keine grundsätzliche Rechtfertigung gegeben, das Leben der Passagiere auszulöschen. Es geht hier nur um die perfide Konstruktion des erfundenen Falls. Die Entscheidung für ein höheres Risiko bei den Fluggästen macht den minimalen Unterschied aus, der den Abschuss des Flugzeugs unter Berücksichtigung der Menschenwürde als Respekt der Entscheidungsfreiheit geringfügig besser begründet erscheinen lässt, als den Absturz des Flugzeugs in das Stadion.

Wohlgemerkt rechtfertigt der Bezug auf die Entscheidungsfreiheit der Betroffenen nicht den Abschuss der Maschine. Er gibt nur einen ausschlaggebenden Grund für die Wahl einer der beiden Handlungsalternativen.

Damit wäre der Angeklagte unschuldig – wenn es denn noch um eine rechtliche Frage ginge. Hier wird aber der Bereich des Rechts überschritten und ein moralisches Dilemma besprochen, dessen Lösung nur situativ für diesen furchtbaren Fall gilt. In der Realität finden wir dank unserer Urteilskraft glücklicher Weise weitere Handlungsalternativen, mit denen wir berechtigten Ansprüchen der Betroffenen besser gerecht werden können als in diesem grausamen Szenario, indem es nur A oder B gibt.

Zum Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach
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