P. Johannes Zabel OP, Dominikanerkloster Worms

Anfang März 2017 hat der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Armutsbericht vorgestellt. Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, sprach von einer „Armut auf neuerlichem Rekordhoch“. Schaut man sich den Bericht und seine Vorstellung an, kommt Erstaunen auf. Nicht das Thema an sich erweckt das Erstaunen, sondern die Art und Weise seiner Darstellung und Interpretation. Ulrich Schneider, der 2016 der Linkspartei beigetreten ist, verfolgt eine Agenda, die „seiner“ Partei angenehm sein wird, aber die Realität nur mit Verzerrungen wahrnimmt.

Die Armut ist relativ – weil die Armutsmessung nur relative Werte berücksichtigt: die Bezugsgrößen der ärmeren zu den reicheren Menschen. In diesem Sinne darf sich der Millionär als „arm“ bezeichnen, wenn er mit Milliardären verglichen wird. Diese inzwischen (leider) allgemein angenommene Grundkonzeption übernimmt Ulrich Schneider.

Aber Schneider widerspricht sich selbst bzw. dieser Konzeption. In seinen Wortendie wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder“ lässt er erkennen, dass er seinen eigenen Bericht nicht ganz verstanden hat. Denn aufgrund der relativen Armutskonzeption wird eine gute, gleichmäßige wirtschaftliche Entwicklung sich nicht in einem Sinken der Armut niederschlagen: weil der relative Abstand bleibt. Wenn alle Menschen einen gleich großen Lottogewinn erhalten würden, wären alle „reicher“, aber dennoch wäre die Armutsquote gleich – weil die Relation gleich bleiben würde. Es ist wie bei einem Schiffshebewerk: das „Schiff“ der Gesellschaft (mit seinen armen und reichen Menschen an Bord) wird auf ein höheres, reicheres Niveau gehoben, aber die Armen bleiben – relativ gesehen – auch auf einem höheren Niveau weiter „arm“.

Im Hintergrund steht das Median-Konzept der Armutsmessung. Danach ist arm, wer ein Einkommen von weniger als 60% des Medians des Einkommens der Bevölkerung hat. Beim Median, dem mittleren Einkommen, handelt es sich nicht um das Durchschnittseinkommen (arithmetisches Mittel). Der Median, der mittlere Wert, wird wie folgt berechnet: Alle Haushalte werden nach ihrem Einkommen der Reihe nach geordnet, wobei das Einkommen des Haushalts in der Mitte der Reihe den Mittelwert darstellt. Der Unterschied zwischen arithmetischem Mittel und Median kann sehr groß sein. Die Diskussion in den Sozialwissenschaften um den Median als Messwert kann hier nicht weiter geführt werden. Auf der Ebene der Europäischen Union ist er – leider – zum Standard gesetzt worden.

Mit dem Median-Wert lässt sich aber nur eingeschränkt argumentieren. Er hat Vorteile (er lässt statistische Ausreißer, wie z.B. Bill Gates, unberücksichtigt), besitzt aber auch zahlreiche Nachteile (wenn z.B. alle Milliardäre und Multimillionäre aus Deutschland auswandern würden, gäbe es weniger Armut, weil die Milliardäre und Multimillionäre im Vergleich nicht mehr enthalten sind. Aber an der absoluten Position der Armen ändert sich dann nichts, obwohl sie sich dann relativ besser stehen würden).

Unabhängig von dieser unzureichenden Median-Konzeption und der entsprechend falschen Schlussfolgerung (die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder“) sind weitere Kritikpunkte am Armutsbericht anzuführen.

Ein Student gilt als „arm“, auch in Relation zu vielen Auszubildenden. Die steigende Quote der Studierenden resultiert damit statistisch in einer steigenden Armutsquote. Sind Gesellschaften mit vielen Studierenden deshalb ärmer? Wohl kaum. Und weiter: Teilzeitarbeiter/innen sind grundsätzlich „ärmer“. Aber hier ist zu berücksichtigen, ob es im Haushalt noch weitere Einkommen gibt. Und die höheren Flüchtlingszahlen führen auch zu einer höheren Armut, da diese grundsätzlich weniger Einkommen aufweisen. Der für einige Menschen mit längerer Erwerbsbiographie erleichterte Übergang ins Rentenalter mit 63 Jahren steigert – statistisch – tendenziell die Armut. Wenn es mehr arme Rentner geben würde, müsste es auch tendenziell eine höhere Inanspruchnahme der Grundsicherung geben. Diese ist aber nicht zu verzeichnen.

Die Verzerrungen sind groß. Äußerungen im Armutsbericht wie „Armut auf neuerlichem Rekordhoch“ sind tendenziös. Es gibt heute deutlich weniger Arbeitslose. Die Wirtschaft wächst weiterhin in einem gemäßigten Tempo. Das „Schiffshebewerk“ hebt weiterhin den Wohlstand an: den Wohlstand für alle. Auch die statistischen Verteilungsmaße für Einkommen zeigen für die letzten zehn Jahre keine großen Veränderungen an. Wie schwierig eine Armutsmessung auch international ist, zeigt eine Armutsmessung, die sich auf die Verschuldung von (jungen) privaten Haushalten bezieht. Ein amerikanischer Student an der Harvard-University weist statistisch eine gewisse Verschuldung auf, sein indischer Kommilitone an einer kleinen Ausbildungsstätte in Indien grundsätzlich nicht: weil der Inder nicht hinreichend kreditwürdig sein wird. Deshalb kann der Amerikaner wegen seiner höheren Verschuldung aber nicht als „ärmer“ bezeichnet werden. Häufig ist das Gegenteil der Fall.

Eine aktuelle Zahl des Statistischen Bundesamtes sei noch erwähnt: mit Datum vom 16. 9. 2016 teilte es unter der Überschrift „Lohnspreizung nicht weiter gewachsen“ mit, dass nach den letzten aktuellen Zahlen der „Verdienstabstand zwischen Gering- und Besserverdienern zwischen 2010 und 2014 nahezu konstant geblieben“ ist.

 

Der Paritätische Wohlfahrtsverband und sein Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider haben mit ihrem Bericht eine Steilvorlage für Kritiker geliefert. So ist der Sache der gesellschaftlichen Verantwortung nicht gedient.

Zum „Armutsbericht“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes: ein Armutszeugnis
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