Dr. Marie-Luisa Frick, Assistenzprofessorin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck

Stellen wir uns einen durchschnittlichen Hundehalter vor. Er kümmert sich um sein Tier, nimmt seine Bedürfnisse ernst und ist auch bereit, dafür Geld auszugeben. Daraus schließen wir, dass dieser Hund für ihn einen bestimmten Wert hat. – Einen Wert, den der Hundehalter nicht allen anderen Hunden oder Tieren im gleichen Maße zuzuschreiben scheint, sondern seinem Gefährten im Besonderen. Würden wir sagen, unser vorgestellter Hund habe einen von dieser Wertschätzung unabhängigen Wert, einen Eigenwert? Stellen wir uns im Gegenzug nun die Familie des Hundehalters vor. Sie besteht aus den Eltern und einem Kind. Das Kind wird von seinen Eltern sehr geliebt, aber von seinen Klassenkameraden gemobbt. Ist ihr Kind nur insofern und solange wertvoll, als es von seinen Eltern geschätzt wird und wertlos, wenn niemand es gernhaben würde?

Der Gedanke der Menschenwürde zieht an dieser Stelle eine charakteristische Barriere ein: Menschen sind ihm nach unabhängig von individueller sozialer Wertschätzung in einem basalen Sinne wertvoll, weil sie Menschen sind. Wer vom Gedanken der Menschenwürde angeleitet ist, wird den Wert eines Menschen nie davon abhängig machen, ob ihn niemand mag oder an ihm Interesse hat. Das drückt seine Würde aus, die dem Einzelnen zwar nicht als Einzelnem zukommt, sondern als Mitglied der Gattung „Mensch“, die von ihm aber auch nicht verloren werden kann, solange diese Zugehörigkeit nicht in Frage steht.

Würde spielt in der Menschenrechtstheorie ein zentrale, wenn auch nicht immer eindeutige Rolle. In Sinne eines „Rechts auf ein würdevolles Leben“ nimmt Würde die Funktion eines Metarechtes ein, dem diverse Unter-Ansprüche zugeordnet werden können. Als Status verstanden ist Menschenwürde, ob religiös oder säkular ausgefüllt, der unverzichtbare Grundstein der Menschenrechte. Dies ganz einfach deshalb, da ohne axiomatisches Wertelement das Sein des Menschen, seine Schmerzen und sein Leid, seine Fähigkeiten und seine Bedürfnisse, keine moralische Relevanz entfalten können. Die Idee der Würde ist aber auch deshalb für die Menschenrechte so wichtig, da ohne prinzipielle, überindividuelle Wertschätzung nicht alle Menschen „zählen“ würden, sondern nur diejenigen, die uns sympathisch genug bzw. für uns subjektiv wichtig genug wären.

Dieser Unterschied kommt auch im Streit um Tierschutz versus Tierrechte zu tragen. Wer Tiere „nur“ schützen will, so eine Unterscheidung, schützt dieses oder jenes individuelle Tier, oder jene konkrete Art, auf Basis von ʽad-hocʼ Wertschätzungen und Mitleidsimpulsen („so lieb“, „so schön“, „so arm“), während in der Idee der Tierrechte die Vorstellung eines prinzipiellen tierischen Eigenwerts aufschimmert. Wie wäre eine solche Tierwürde zu denken?

In Tierrechte-Debatten werden Eigenschaften von Tieren intensiv erörtert, die sie uns als Menschen ähnlich bzw. gleich machen. Warum aber ist es wichtig, dass auch höhere Primaten Selbstbewusstsein oder manche von ihnen, Schimpansen etwa, sogar so etwas wie rudimentäre „Kultur“ haben (können)? Die moralische Bedeutung, die solchen und weiteren Eigenschaften in Tierrechtskontexten oft zugewiesen wird, entspricht dabei einer gespiegelten: Proponenten von Tierrechten geht es darum zu zeigen, dass gewisse Fähigkeiten von Tieren deshalb über moralische Relevanz verfügen, weil wir den selben Eigenschaften – konkret im Rahmen eines säkularen Würdeverständnisses – diese Relevanz zusprechen, wenn es um uns selbst geht. Ein Gleichbehandlungsargument verknüpft schließlich beide, Tiere und Menschen. Wer sich diesem verweigert, sei ein „Speziesist“, also ein parteiischer Mensch, vergleichbar einem Rassisten.

Eine so gewonnene Tierwürde wäre dann eine gewissermaßen abgeleitete, da zuerst eine Würde des Menschen, das heißt ein grundsätzlicher Wert, der seine Fähigkeiten und Bedürfnisse etc. bedeutsam macht, überhaupt erst von jemandem bereits vorausgesetzt wurde. Das wäre genau genommen keine Tierwürde, sondern eine großzügig erweitere Menschenwürde. Sie wäre immer noch irgendwie „speziesistisch“ und es verwundert daher nicht, dass Tierrechte fast ausschließlich für solche Tierarten gefordert werden, die uns am ähnlichsten zu sein scheinen.

Aber kann es so etwas wie eine allgemeine, unparteiliche Tierwürde überhaupt geben? Ohne taxonomische Abstufungen? In einem großen Horizont kosmologischer Einheits-Allheits-Mystik ist eine solche Vorstellung vielleicht am ehesten möglich, Tierwürde und Menschenwürde werden dann zur Lebewesenwürde („Würde der Kreatur“). Wer mit den Paradoxien, die aus einem solchen holistischen Ansatz mit Notwendigkeit folgen, nicht leben will („Mensch versus Fußpilz“), bleibt besser bei einer Werthierarchie: Der Wert von Zecken oder Dornenkronenseesternen ist nämlich zu Recht fraglich, von einem Eigenwert ganz zu schweigen. Es spricht nichts dagegen, ʽMenschenwürdeʼ für gewisse Säugetierarten, besonders die großen Menschenaffen, zu öffnen. Und zwar dann, wenn Ähnlichkeiten eine entsprechende moralische Relevanz haben, die aus unserer Wertschätzung „menschlicher“ Eigenschaften auch in Tieren heraus entwickelt werden kann. Eine solche „Würde“ von nur manchen Tieren wäre somit erst ausgehend von der vorrangigen Wertschätzung unserer Spezies sinnvoll zu denken.

Wie Tierwürde denken?
Markiert in:                     

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.