Prof. Dr. Dr. Elmar Nass, Lehrveranstaltungen im Bereich Wirtschafts- und Sozialethik

Eine Schreckensnachricht jagt die andere, jetzt auch in Bayern. Ein Ende ist lange nicht in Sicht. Eher das Gegenteil. Früher kursierte in Zeiten politischer Krise oder gar Katastrophe das Sprichwort: Not lehrt beten. Und tatsächlich finden sich jetzt wieder viele Menschen in München, Ansbach u.a. zu spontanen Riten des Gedenkens auf der Straße und auch zu Gottesdiensten in der Kirche. Zum einen wird hier der Sprachlosigkeit in geteilten Gesten Ausdruck gegeben: zum Trost, zur Versöhnung oder einfach zu einem Gefühl des Mit-Seins in der Not. Zum anderen geht es zumindest in christlichen Gedenken auch um Gebet. Aber um was können Christen eigentlich jetzt beten, wenn es um eine wieder bessere Zukunft aus der Not geht? Dass die Welt irgendwie friedlicher wird? Dass der sogenannte islamische Staat verschwinden soll? Dass autokratische Herrscher entmachtet werden? Dass junge Menschen sich nicht mehr instrumentalisieren lassen zu Bomben des Terrors? Dass es keine Amokläufe mehr geben soll? … Alles berechtigte Anliegen.

Wie soll das geschehen? Mit ähnlichen politischen Wünschen zogen in der Antike schon die Mächtigen zu einem Orakel und baten um Lösungen, wie das Schicksal der Welt nun zum Guten gewendet werden kann. Christen glauben aber nicht an die Macht des Schicksals, das irgendwie durch höhere Mächte in die eine oder andere Richtung gelenkt werden kann. Das zu wendende anonyme Welt-Schicksal ist nicht der Adressat christlichen Betens.

Für Christen ist es Gott. Die nächste Verlockung liegt nah, sich zu wünschen, dass Er das doch alles bewirken solle. Denn er ist ja allmächtig. Das Gebet wäre dann wie eine Dreiecksbeziehung. Wir hier in der Welt sehen die Katastrophen. Wir richten dann unsere Bitten an Gott im Himmel. Und Er soll dann bitte hier in der Welt all diese Probleme lösen. Aber auch so funktioniert es nicht. Denn die Wende zum Guten in der Welt gelingt gerade nicht durch einen himmlischen Reset-Knopf, mit dem die Probleme wie von unsichtbarer Hand vom Tisch sind.

Jesus sagt, worum wir beten sollen (Lk 11,13): den Heiligen Geist. Das klingt erstmal abstrakt und weit von einer konkreten Lösung entfernt. Das Gegenteil aber ist der Fall.

Selbst wenn uns das schwer fällt zu akzeptieren: Auch Autokraten und sogar mörderische Terroristen haben ihre Idee vom „Guten“ in der Welt, haben ihre „Ethik“ und auch so etwas wie ein „Gewissen“. Und viele von ihnen glauben deshalb wohl tatsächlich, etwas Gutes zu tun, wenn sie Schrecken oder Angst und Menschenverachtung in die Welt bringen. Immanuel Kant sprach von der Gefahr der verderbten Gewissen, die die Menschen immer wieder zum Bösen verführen in dem irrigen Glauben, damit „Gutes“ zu tun. Auch ein Amokläufer hat wohl einen inneren Antrieb, eine vielleicht psychisch kranke Motivation, mit seiner Tat etwas Richtiges zu tun. Der Grund der Übel ist die verblendete und/oder kranke Sicht auf was, was wirklich gut ist. Es ist eine Krankheit des Gewissens, eine Krankheit der Seele. Gesundheit als klare und richtige Unterscheidung von Gutem und Bösem gelingt mit befreiter Seele und befreitem Gewissen. Um diese Heilung sollen Christen jetzt beten, und damit um die dazu fähige Kraft: den Heiligen Geist.

Was lehrt Not beten? Eine christliche Adresse
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