Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin , Kulturstaatsminister a.D., Professor für Philosophie und politische Theorie, LMU München

Unter Humanismus subsumiere ich kulturelle Produkte, zum Beispiel Filme oder Romane, Geisteshaltungen, Ethiken, politische Programme, philosophische Theorien etc., die auf Humanität, auf eine Humanisierung abzielen, was ein bestimmtes, eben humanistisches, Menschenbild voraussetzt. Ein humanistisches Menschenbild traut und mutet Menschen zu, aus guten Gründen zu handeln und zu urteilen. Vieles spricht dafür, nicht nur die menschliche Vernunftfähigkeit, sondern auch die Freiheit (Autonomie) und Verantwortlichkeit des Menschen als drei unterschiedliche Aspekte desselben Phänomens, nämlich der Affektion durch Gründe zu interpretieren.[1]

In der europäischen Kultur reichen die Wurzeln des Humanismus bis in die griechische Klassik zurück. Dort ist es insbesondere die Sokratik, die das Urteilen und Handeln aus guten Gründen, die menschliche Fähigkeit zu theoretischer wie praktischer Vernunft in den Mittelpunkt stellt. Ob eine Meinung zutrifft oder nicht, wird nicht von Autoritäten, auch nicht von heiligen Schriften entschieden, sondern durch das bessere Argument. Aber auch die Handlungen und Einstellungen müssen sich der Kritik stellen. Die Tugendethik der griechischen Klassik soll ein gelungenes, in sich stimmiges, gutes Leben in der Gemeinschaft der Stadt ermöglichen. Auch in anderen Kulturen, etwa der chinesischen mit ihrer konfuzianischen Tradition oder der buddhistischen spielen humanistische Motive eine zentrale Rolle. Man kann so weit gehen und den Menschenrechtsdiskurs der Moderne, der dann nach dem zweiten Weltkrieg zur zweiten Säule der Vereinten Nationen wird, neben der Friedenssicherung durch kollektive Sicherheit, als höchsten Ausdruck eines globalen humanistischen Grundkonsenses zu interpretieren. Da die demokratischen Verfassungsordnungen auf Menschenrechten aufbauen – das Recht auf Leben, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Verbot von Benachteiligungen auf Grund der Hautfarbe, der Religion oder des Geschlechts usw. – ist Demokratie nichts anderes als die Staats- und Gesellschaftsform praktizierter Menschenrechte. Das humanistische Ethos einerseits und die demokratische Staatsform andererseits sind eng miteinander verbunden. Die Demokratie verlangt Respekt vor dem individuellen menschlichen Lebewesen, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Sprache, seiner Kultur, seinen finanziellen Möglichkeiten, seinem sozialen Stand, seinem Geschlecht, seinem Bildungsstand. Sie legt staatliche Akteure darauf fest, die individuelle Würde des Einzelnen, seine individuellen Rechte und damit seine Autonomie der Lebensgestaltung zu sichern. Alle Legitimation hat ihre Quelle im einzelnen Individuum, es ist die Ermächtigung durch die Bürgerschaft, die die demokratische Herrschaftsform ausmacht. Zugleich aber hat die kollektive Entscheidungsgewalt ihre Grenzen an den individuellen Rechten einzelner Menschen. Die Demokratie ist geronnener Humanismus.

Was ist Humanismus?
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