Viktoria Bockisch, bis Sommer 2014 Jura-Studium in Erlangen; seit Oktober 2014 Rechtsreferendarin am OLG Nürnberg

„Gerechtigkeit gibt es in der Hölle. Im Himmel herrscht Gnade“.[1]

Dieses Zitat geht, um es verkürzt zu sagen, davon aus, dass in der Hölle alles Unrecht vergolten wird, während im Himmel verziehen wird. Was ist aber mit uns Lebenden? Was gibt es auf der Erde? Da in der obigen Aufzählung das Recht fehlt, drängt sich der Satz auf: Auf der Erde herrscht das Recht in Form von Gesetzen. Jedoch müsste man diesen Satz sofort wieder einschränken, denn wohl nirgends auf der Erde herrscht das Recht tatsächlich über alles. Doch die Anwendung des Rechts lebt von der Dialektik. Was aber wird anderes vorgetragen als das widerstreitende Verhältnis unterschiedlicher Positionen, die ihr Recht bekommen und sich gerecht behandelt fühlen wollen. So werden das Recht zur objektiven Grenze des eigenen Gerechtigkeitsempfindens und die Gerechtigkeit zum Prüfstein des Rechts.

Dies zeigt im Kern auch Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“. Dieser allgemeine Gleichbehandlungsgrundsatz ist nicht zuletzt Ausdruck von „Fairness“, man könnte auch sagen „Gerechtigkeit“ des Staates gegenüber den Bürgern und zugleich Abbild des Selbstverständnisses der Bürger dem Staat gegenüber. Dieses Selbstverständnis zeigt, dass der Mensch selbst im Mittelpunkt steht. Das ist nicht in utilitaristischer oder narzisstischer Weise gemeint, sondern bezieht sich im Ergebnis immer auf die Würde des Menschen: Als Menschen sind wir alle gleichwürdig, und unser Menschsein kann uns keiner absprechen. Nun ist die Menschenwürde zwar nicht allgemein zu definieren, aber es zeigt sich in fast allen Erklärungsversuchen, dass eine Würde des Menschen ohne das Zugeständnis der Existenz einer transzendenten Macht nicht möglich ist. Daher ist aber Gerechtigkeit – um zum Zitat Juli Zehs zurückzukehren – möglich auch als Spiegelbild der Gnade auf der Erde. Denn Gerechtigkeit ist nicht einer höheren oder anderen Macht vorbehalten, sie ist auch nicht nur unerbittlich und streng. Sie ist in jedem lebenden Menschen. Sie setzt die Fähigkeit der Selbstreflexion voraus, das „Erkenne dich selbst“, damit man sich der eigenen Unzulänglichkeit bewusst wird. Denn habe ich diese erkannt, dann werde ich, um mit Sokrates zu sprechen, auch in der Lage sein, gegenüber meinem Nächsten gerecht zu sein. Gerechtigkeit setzt voraus, dass ich jeden als Menschen begreife, weil alle gleichwürdig sind und sein sollen. Daher ist es wichtig, uns immer wieder zu verdeutlichen, dass Vorurteile, Ausgrenzung und Stigmatisierung nicht nur unangenehme Zeitgenossen sind. Sie sind der Tod der Gerechtigkeit. Eine Geisteshaltung, die für sich in Anspruch nimmt, gerecht zu sein, muss alle Menschen entsprechend ihrer gleichen Würde gleichwürdig behandeln.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – was verdeutlicht die Anforderung an einen gerechten Menschen mehr?

Warum uns die eigene Unzulänglichkeit dazu treiben sollte, gerecht zu sein.
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