Theresia Theuke, Mutter und Promotionsstudentin in den USA

Kaum ereignet sich eine brutale Massenschießerei auf US-amerikanischem Boden, wie vor nicht allzu langer Zeit in Las Vegas, fühlt sich die deutsche Presse dazu berufen, ihre Analyse über das US-amerikanische Waffen-„Problem“ zu liefern. Der durchschnittliche Amerikaner trauert derweil um die Toten und zeigt wenig bis gar kein Interesse an den Reformideen deutscher Journalisten zur hiesigen Waffengesetzgebung. Sollten die Deutschen nicht besser vor ihrer eigenen Haustüre kehren? Mir scheint das angesichts der zahlreichen ungelösten Probleme in Deutschland vordringlicher, als eine befreundete Nation zu belehren.

Wie dem auch sei, ich möchte hiermit versuchen, einen neuen, vielleicht ungewohnten Blick auf das Thema „Amerikaner und Waffen“ zu werfen, der mir möglich wurde, da ich als temporärer Gast in den Vereinigten Staaten die Perspektive wechseln kann.

Alles begann mit einem Pfarrer, der von seiner letzten Jagd auf ein Eichhörnchen erzählte. Nicht irgendwo im Wald, sondern in seiner Kirche. Ich schluckte und er ging derweil in die Sakristei, um mir Waffenfremden einmal seine Pellet Gun (Luftgewehr) zu zeigen. Ich dürfe sie auch gerne halten. „Den Lauf immer schön nach unten richten.“ Ich gehorchte, mir war das Ding suspekt. Ach ja und einen Geier hätte er auch erlegt, der habe sich im Kirchgarten zu schaffen gemacht. Ok, dachte ich, vielleicht nutzt man hier einfach Waffen, um sich unerwünschter Zaungäste (und damit meine ich Tiere) zu entledigen. Immerhin lebe ich in einem Bundesstaat, der weniger dicht bevölkert ist als Mecklenburg-Vorpommern. Wenig Menschen, viele Tiere. Mitunter auch Bären und wilde Hunde, in der Wildnis braucht man ein Gewehr, aber in der Kirche?

Eine zweite Episode passierte mir auf einem Spaziergang durch die Nachbarschaft. Ich landete auf einer maroden Straße, die an einem einsam gelegenen Haus vorbeiführte. Was ich hier zu suchen habe, fragte mich der Hausbesitzer, der in seinem Jeep auf mich zugefahren kam. Ja, was wohl, ich spazierte. Das dürfe ich hier nicht, das sei eine Privatstraße. Sachlich war er im Unrecht, wie das offizielle Straßenschild und ein Blick in die Karte bewiesen, aber seine folgenden Worte verboten jeden Widerspruch: „You might be shot!“ Ich wünschte einen schönen Tag und suchte das Weite, selbstverständlich auf einer öffentlichen Straße. Der Mann hatte es ernst genommen mit seinem Recht auf Verteidigung von Haus und Grund. Ich war verwirrt, denn warum sollte es notwendig sein, mit Waffen zu drohen, wenn ein Spaziergänger seiner Wege geht? Auf diese Frage gibt es zwei mögliche Antworten: Erstens sind Spaziergänger hier äußerst selten und von daher schon einmal sehr suspekt, zweitens sind die Grundstücke nicht 300, 500 oder 1000 Quadratmeter groß, sondern eher 25.000 Quadratmeter. In South Carolina sind nicht einmal 5% des Grund und Bodens in staatlicher Hand, was wiederum zeigt, dass Privatleute nicht nur Grundbesitzer sind, sondern diesen auch verteidigen müssen. Vielleicht ergibt vor dem Hintergrund auch der 2. Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika mehr Sinn für einen Ortsfremden: „Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.“

Und da die kleinen Episoden, die nichts mit Amoklauf und unzähligen Toten zu tun haben, die Waffenfragen erst lebendig machen, möchte ich noch eine Anekdote ergänzen.

Vielleicht haben Sie auch ein Ehepaar in ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis, das man schlichtweg als fromme Christen, als gute Bürger und als anständige Leute bezeichnen würde. Genau so ein Paar, kenne ich hier auch. Nun, die beiden sind nicht nur gute Patrioten, fleißige Steuerzahler und Eltern von drei Kindern, sondern auch Besitzer von 16 Waffen. SECHZEHN. Diese Zahl muss man sich einmal vorstellen. Wofür brauchen Herr und Frau Meier derart viele Waffen? Wozu wohl: „Selbstverteidigung!“ Die Antwort kam so schnell, da hatte ich noch nicht einmal den Schock überwunden, dass ich gerade in einem Haus saß, in dem 16 Waffen gelagert wurden. Geschossen wird eigentlich nie. Fürs Sportschießen reichen Zeit und Geld nicht. Die Waffen liegen überall, falls ein Bösewicht kommt. „Bei uns haben nicht nur die bösen Jungs Waffen, weißt du. Hier haben alle Waffen.“ Aha. Ich nickte und fragte mich, ob das zu mehr Sicherheit beiträgt. „Ach ja, noch was: Bei uns wäre Hitler nicht möglich gewesen.“

Das ist ein Auszug der kleinen und großen Absurditäten, die man hier mitten unter Amerikaner, zu hören und sehen bekommt und die einem die Waffenfrage von einer anderen Seite näher bringen. Zunächst ist es das gute Recht des Pfarrers, des Grundbesitzers und von dem netten Paar aus dem Bekanntenkreis, Waffen zu besitzen. Sie dürfen nicht wild um sich schießen, aber sie dürfen eine Waffe tragen. Ob offen, im Holster oder im Handschuhfach des Autos legt die Gesetzgebung des jeweiligen Bundesstaates fest.

Der Besitz von Waffen gibt einem großen Teil der Amerikaner ein Gefühl von Sicherheit. Sicherheit im eigenen Haus, aber auch Sicherheit für die Nation und die Werte, für die sie steht. Waffen zu besitzen heißt, diese im Ernstfall auch zu gebrauchen, um Grund und Boden und im weiteren Sinne auch die elementaren Freiheitsrechte der Vereinigten Staaten von Amerika zu verteidigen. Nicht ohne Grund sind hier Kriegsveteranen oder Kriegsgefallene Helden. Soldaten, die ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen oder gesetzt haben, sind Vorbilder für die gesamte Gesellschaft. Das Bewusstsein, dass nur ihr Einsatz an der Waffe ein Leben in Frieden und Wohlstand sichert, ist sehr ausgeprägt.

Ein weiterer Aspekt von Waffenbesitz ist der Freiheitsgedanke. Historisch betrachtet haben die Einwanderer des 18. Jahrhunderts mit den mittelalterlichen Regeln des europäischen Adels gebrochen. Während in Europa weiterhin nur der Adel oder die Heere der Obrigkeit Waffen tragen durften, konnten in Amerika alle Menschen Waffen besitzen. In einem Land, das zum größten Teil aus Wildnis bestand, war der Besitz und Einsatz von Waffen überlebensnotwendig. Auch für die Erkämpfung der Unabhängigkeit von der britischen Krone im Jahr 1776 war der private Besitz von Waffen ausschlaggebend.

Seit im Jahr 1791 in der Bill of Rights festgeschrieben wurde, dass jeder Amerikaner Waffen besitzen und tragen dürfe, kann wirklich jeder Amerikaner, ob mit oder ohne Schießtraining, unabhängig von seiner körperlichen und psychischen Verfassung oder seines Wohnortes eine Waffen besitzen. Alle weiteren Gesetze, die dem Missbrauch von Waffen vorbeugen sollen, erscheinen vor dem Hintergrund dieses Grundrechts als vernachlässigbar und sind nicht selten verfassungswidrig.

Ich verstehe zunehmend, dass das Recht auf Waffenbesitz ebenso zum Selbstverständnis der Amerikaner dazu gehört wie die Autobahnen ohne allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung zu Deutschland. Diese Analogie kommt nicht von ungefähr, denn sobald ich wieder einmal über die Waffen in amerikanischen Privathaushalten staune fragen meine Gesprächspartner nicht minder staunend nach „den Autobahnen“, auf denen man rasen könne, was das Auto hergäbe. Mir zeigt der Vergleich sehr gut, dass jedes Volk Freiheitsrechte ausübt, die von anderen Gesellschaften nicht unbedingt verstanden werden.

Allen Differenzen zum Trotz bleibt die zentrale Frage in den USA und in Deutschland wie Frieden und Sicherheit gewährleistet werden können. Die Amerikaner denken dies durch Waffen zu tun, die Deutschen denken, dass Frieden in erster Linie durch ein Waffenverbot erreicht werden kann (wobei ein Blick auf die deutsche Exportstatistik von Handfeuerwaffen die Ambivalenz der deutschen Haltung zu Waffen offenbart). Ich denke, dass Ereignisse wie der Amoklauf von Las Vegas am 02. Oktober 2017 uns zeigen können, wie zerbrechlich Frieden erstens und zweitens wie wichtig das sechste Gebot „Du sollst nicht töten“ ist. Solange man sich daran hält, ist es meines Erachtens vernachlässigbar, ob man eine Waffe im Haus hat oder nicht.

 

Die Autorin Theresia Theuke ist Mutter von fünf Kindern und lebt zurzeit in South Carolina. Sie erforscht für ihre Doktorarbeit die Vergangenheit und für ihren Blog „RethinkAmerica“ (https://www.rethinkamerica.de/) die Gegenwart.

 

Von Waffen und Freiheitsrechten
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