Dr. Thomas Jung, Oberbürgermeister der Stadt Fürth

Die Menschen in Deutschland lesen und hören jeden Tag von ihren Regierungen, dass es  Deutschland noch nie so gut ging, dass die Menschen noch nie so viel Arbeit hätten, so hohe Löhne und so viel Wohlstand. Das trifft unbestreitbar für viele  Familien und BürgerInnen auch zu. Umso bitterer müssen die Worte aber für die Mitbürger klingen, bei denen es eben nicht zutrifft. Und das sind Millionen von Hartz IV-Beziehern, Grundsicherungsempfänger im Rentenalter, alleinerziehende und weite Bevölkerungsteile in wirtschaftlich unterentwickelten Regionen unseres Landes. Wer dann hört, dass alle Probleme haben, kann mit eigenen Problemen besser leben. Wer aber hört, in welchem Paradies er eigentlich lebt und seine eigenen Lebensumstände sind gar nicht paradiesisch, der wird Zweifel bekommen oder sogar Wut und Ablehnung. Wenn sich dann Menschen als Opfer oder ignoriert oder nicht verstanden in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft fühlen, wird das noch verschärft durch folgenden Umstand: Wenn Politiker von Hilfsbedürftigen und der Notwendigkeit für Hingabe und Fürsorge sprechen, sprechen sie sehr oft von Flüchtlingen. Das ist verständlich, aber in der Auswirkung auf andere Menschen und Familien mit benachteiligter Lebenssituation sehr gefährlich. Es ist sicher ethisch gut und richtig sich um Flüchtlinge zu kümmern, für die Stabilität und den Zusammenhalt unseres  Landes ist es aber dann gefährlich, wenn dies als ausschließliches Kümmern um Flüchtlinge wahrgenommen wird. Der Zusammenhalt der ganzen Gesellschaft muss ins Blickfeld genommen werden. Es darf keine bevorzugten Schwachen geben und die Aufmerksamkeit der Politik und der Medien muss allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen zukommen, die Hilfe oder Unterstützung benötigen. Wenn jetzt Politiker auch noch fordern, dass wir lieber die Verteidigungsausgaben als die Sozialausgaben erhöhen sollen, dann ist das ein Irrweg, der unser Land weiter auseinanderdriften und gefährden lässt. Deshalb halte ich es für ein ethisches Gebot der Stunde, dass Sozialpolitik und im sozialen Ausgleich über steuerpolitische und andere Entscheidungen wieder mehr Gewicht zu geben. Die Agenda 2010 war in vielem richtig, wo sie aber zu unnötigen Härten und Demütigungen führt, sollte sie auch korrigiert werden. Das ist auch im Interesse der Wohlhabenden in unserem Land, denn auch der Wohlhabende kann auf Dauer nur leben, wenn es für alle zumindest die Aussicht gibt, im Sinne von Ludwig Erhard „Wohlstand für alle“ zu erreichen. Wenn ein solches Bemühen nicht mehr erkennbar ist oder keine Hoffnung auf Realisierung gegeben ist, dann sind unsere Demokratie und unser Wirtschaftssystem auf Dauer gefährdet.

Ungleichheit bedroht alle und alles
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Ein Gedanke zu „Ungleichheit bedroht alle und alles

  • 13. März 2017 um 15:30
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    Auf den ersten Blick erschreckt das pauschale Bedrohungsszenario durch Ungleichheit im Titel des Beitrags. Im Text wird klarer, dass Einkommensungleichheit gemeint ist, und dann wird ein Schuh daraus. Über die Wege zum Abbau der Einkommensungleichheit kann man diskutieren. Der Abbau der Arbeitslosigkeit seit Einführung der Agenda 2010 war sicher kein schlechter Weg.
    Viele andere soziale und kulturelle Ungleichheiten sind eher Ausdruck der Vielfalt und bieten Chancen. Eine Minderheit wäre keine Minderheit, wenn sie gleich wäre wie die Mehrheit.
    Clemens Werkmeister

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