Prof. Dr. Christine Fiedler, Professur für Pflegewissenschaft an der WLH

Die Diskussion um aktive und passive Sterbehilfe wird in Deutschland gegenwärtig heftig diskutiert. Eine große Zahl der Menschen in Deutschland soll sich dafür aussprechen – ich möchte diese Diskussion einmal aus der Perspektive des Berufsstandes Pflege betrachten.

Spreche ich mit Menschen über dieses Thema, dann geht es den meisten nicht nur darum, bei einer unheilbaren Krankheit eine aktive oder passive Sterbehilfe zu erhalten, sondern auch darum, sich bei einer Pflegebedürftigkeit  diese „Option“ offenzuhalten. Als Argumente werden genannt: Ich will…

… von niemanden abhängig sein;

… nicht bettlägerig werden;

… niemandem ausgeliefert sein;

… niemandem finanziell zu Last fallen.

Dahinter steht die Angst des Autonomieverlustes, nicht richtig versorgt zu werden und die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Einer meiner ersten Gedanken war: hier hat mein Berufsstand versagt. Ich könnte Hunderte von Gründen aufführen, weshalb es dazu kam – dies ist jedoch eine andere Debatte. Dennoch müssen wir uns die Frage gefallen lassen:  Ist diese Angst begründet?

  • Ja, diese Angst ist nicht immer unbegründet. Es wird im Minutentakt gepflegt, das pflegefachliche Outcome/die Pflegequalität werden willkürlich festgelegt. Die Achtung der Rechte für Pflegedürftige steht am Anfang. Pflegebedürftigkeit mündet oft im finanziellen Desaster.
  • Nein, diese Angst ist nicht immer begründet. Das ist die andere Seite der Medaille. Sie beinhaltet die fehlende Würdigung der Leistung der Pflegenden. Viele Pflegende und Pflegeeinrichtungen legen Wert auf Autonomie. Bei Ihnen steht die Rehabilitation und aktivierende Pflege im Vordergrund. Die Lebenswelt wird nach den Bedürfnissen der Pflegedürftigen gestaltet und mit viel Engagement und Hingabe gepflegt.

Über positive Ergebnisse der Pflege ist wenig in den Medien und Diskussionen zu hören. Suchen Sie doch mal im Internet nach dem Schlagwort „Krankenpflegeerfolge“  – ich hatte am 12.07.2015 sechs Treffer, das Wort „Krankenpflegemissstände“ ergab jedoch über 40.00 Treffer … Das leidige Beklagen um den demografischen Wandel mit seinen Folgen der „Alterslast“ tut sein Übriges um Ängste zu schüren.

Diese vorwiegend negativ geführte Diskussion hat Auswirkungen. Sie schürt die Ängste der potentiell Betroffenen und letztendlich nähren sie die Diskussion um die aktive und passive Sterbehilfe.

Ich finde wir sollten unsere Diskussion und unser Tun auf das Leben richten. Denn: Pflegebedürftigkeit ist eine Lebensform, die wir als Gesellschaft anzuerkennen haben. Diese Lebensform müssen wir so gestalten, dass sie sowohl für den Betroffenen lebenswert ist als auch für Angehörige sowie Beruflich- und Laienpflegende.

Sterbehilfe oder Pflege – ein Plädoyer für das Leben
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2 Gedanken zu „Sterbehilfe oder Pflege – ein Plädoyer für das Leben

  • 21. Oktober 2015 um 17:27
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    Ich stimme Frau Professor Fiedler zu. Wir sollten das Tun auf das Leben richten. Jeder Mensch hat in seinem Leben viel geleistet. Für sich, seine Familie und in seinem sozialen Umfeld. Ein jeder Mensch hat ein Anrecht darauf, auch als Pflegefall seine Würde und so lange es möglich ist, seine Autonomie zu bewahren. Dieses Thema fordert unser aller Engagement, positive Einstellung und Haltung. Wir sind alle davon betroffen – früher oder später …
    Brigitte Zinner
    Projektmanagerin

    Antworten
  • 5. Februar 2016 um 16:12
    Permalink

    Wirklich gut der Artikel und es öffnet mir wiedereinmal die Augen. Es stimmt, die Pflegebedürftigkeit gehört dazu, das wusste ich schon und das Betroffene auch dabei unterstützt werden müssen usw. alles klar, aber das Pflegebedürftigkeit auch zum Leben dazugehört bzw. es ein Teil davon ist, eine Lebensform… komisch, irgendwie sollte auch das klar sein… aber ich glaube das war es nicht… der Artikel macht diese Sicht deutlich, bewusst und verbindlich.
    Pflegebedürftigkeit ist kein Abstellgleis an dem der Betroffene wartet und die Zeit an sich vorbei ziehen lässt, das wäre wirklich ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft und leider ist es das wahrscheinlich häufig.

    Ich entscheide mich eindeutig für „Pflege – ein Plädoyer für das Leben“!

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