Michael Bammessel
Präsident des Diakonischen Werks Bayern

Ethik der großen Zahlen? Klingt nach Mathematik. Dort gibt es in der Wahrscheinlichkeitsrechnung die „Gesetze der großen Zahlen“. Das Einzelereignis, z.B. beim Würfeln, ist völlig unvorhersehbar. Aber in der großen Summe weiß der Mathematiker dennoch mit Sicherheit, dass die Häufigkeit der Einser und Sechser prozentual nah beieinander liegen. Je größer die Zahl der Ereignisse, umso berechenbarer wird das Gesamtbild.

Besonders nützlich ist das Gesetz der großen Zahlen in der Versicherungsbranche. Da mögen Einzelschicksale wie Unfälle oder schwere Krankheiten noch so unbegreiflich und tragisch sein – bei der großen Summe der vielen Versicherten kann die Geschäftsführung des Versicherungsunternehmens dennoch ruhig schlafen: Denn die Gesamtsumme der Schadensfälle bleibt weitgehend berechenbar.

„Statistiken bluten nicht“, schrieb Arthur Koestler mitten im Zweiten Weltkrieg. Das scheint auch heute manche Entscheidungen vordergründig zu vereinfachen. Regierende zum Beispiel müssen häufig makroethische Entscheidungen treffen. Viele Gesetze, Sozialgesetze in besonderem Maße, sind in Paragraphen gegossene Ethik. Immanuel Kant machte ja bekanntlich die Frage, ob sich eine individuelle Entscheidung auch in ein allgemeines Gesetz umsetzen ließe, zum Prüfstein der Ethik. Die implizite Ethik eines Gesetzes muss für große Zahlen von Menschen gültig sein. Genau darin liegt die Versuchung.

Aktuell erleben wir in der Asylgesetzgebung die Debatte um sogenannte „sichere Herkunftsstaaten“. Liegt bei einem Herkunftsland die Anerkennungsquote von Flüchtlingen unter einem Prozent, gehen die Behörden von der Anfangsvermutung aus: Wer aus einem solchen Land, z.B. Kosovo, kommt, hat höchstwahrscheinlich keinen Fluchtgrund, der ihn schutzbedürftig macht. Also kann man das Asylverfahren beschleunigen, Menschen aus Kosovo werden in die Abschiebelager Bamberg oder Manching verfrachtet und in wenigen Tagen des Landes verwiesen. Die Betrachtung menschlicher Schicksale im großen Zahlenmaßstab macht die ganzen Verfahren für die Behörden wesentlich einfacher.

Die Einzelfälle werden zwar immer noch geprüft, versichert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), aber die Erfahrung etwa aus Kirchenasylfällen zeigt: Immer wieder werden auch krasse Einzelschicksale von Behörden unbeirrt nach Schema F abgearbeitet. Offenkundige Merkmale von gravierender Schutzbedürftigkeit werden nicht wahrgenommen oder missachtet. Die Ethik der großen Zahlen macht dickhäutig gegenüber dem unverwechselbaren, einzigartigen Menschenschicksal.

Dass sich heute engagierte Christinnen und Christen vielerorts quer stellen und zum Sand im Getriebe des Gesetzesvollzugs werden, ist kein Zufall. Es gründet im Evangelium. Schon Jesus provozierte seine Zeitgenossen mit der Geschichte vom Hirten, der 99 Schafe zurücklässt, um dem einen verlorenen nachzugehen. Er ließ sich von Einzelnen dazu bewegen, die große Linie zu verlassen: So heilte er etwa die Tochter einer heidnischen Ausländerin, obwohl er sich primär an das eigene Volk gesandt sah. Die Aufmerksamkeit für den einzigartigen Einzelnen gehört seitdem zur DNA des christlichen Wertegefüges.

Einer bequemen Ethik der großen Zahl werden sich deswegen auch Diakonie und Caritas immer wieder entgegenstellen. Konkret fordert zum Beispiel die Diakonie in Bayern, dass es auch Flüchtlingen aus „sicheren Herkunftsstaaten“ möglich sein muss, einen Rechtsbeistand zu nehmen. Auch wenn das für unsere Behörden lästig und für unsere Gerichte aufwändig ist.

Denn wie Arthur Koestler – sicher geprägt von seinen jüdischen Wurzeln – in seinem Essay von 1944 schrieb: „Statistiken bluten nicht, es ist das Detail, das zählt.“

Statistiken bluten nicht. Plädoyer gegen eine bequeme „Ethik der großen Zahlen“
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