Prof. Dr. med. Löhrer, Professur für Sozialmedizin an der katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen

Die kassenärztliche Niederlassung 2011 bot mir nochmals neue berufliche Erfahrung als Psychiater und Psychotherapeut. Z.B. in der Gruppe der Sinti und Roma, die meine Hilfe suchten. Ich saß Menschen mir oft bizarren Lebenswegen gegenüber, an denen oft die Schicksale für eine deutliche Voralterung gesorgt hatten. Menschen mit 25 und schon sieben Kindern. Menschen mit nichtseßhaftem Hintergrund seit der frühen Kindheit. Formell sind es Serben, Bulgaren, Rumänen, Griechen oder Kroaten: doch ihre Geschichten erzählen von der Fremdheit in ihren formellen Herkunftsländern.

Ihre Lebenssituation in Deutschland ist meist geprägt durch ausreichende – und für sie an Luxus grenzende – Versorgung. Ihr Interesse ist groß. Ihre Fruchtbarkeit sichtbar. Sie sind oft christlicher Konfession. Ihre Familien füllen oft das ganze Wartezimmer. Ihre Kinder sind meist wißbegierig, sprachkundig und freundlich zugetan. Und ihre Bleibestatus, mal um einen, dann um drei Monate verlängert, hält sie in Unrast und verhindert Integration.

Ihre Lebensgeschichten zeugen von der Fremdheit dieser Menschen in der eigenen Heimat. Vergewaltigung, gelegentlich in Gruppen und mehrfach begangen, massive Körperverletzungen, Ausgrenzungen und Traumatisierungen schlimmster Art werden berichtet. Mir erscheinen sie meist glaubhaft.

Und dann, nach vier, fünf Jahren des Prüfverfahrens, nachdem die Kinder die deutschen Schulen oder Kindergärten besuchen und die Sprache beherrschen, droht die Abschiebung und wird oft auch vollzogen. Der Wiedervorstellungstermin bleibt frei. Denn dann werden sie nach ihren „sicheren“ Herkunftsländern betrachtet: als Bulgaren, Rumänen etc. behandelt. Doch sicher sind sie dort sicher nicht.

Es ist eine Ironie der Geschichte: im Dritten Reich haben wir diesen Menschen ihre kulturelle Eigenständigkeit mißachtet und sie als lebensunwert in die Gaskammern geschickt. Heute mißachten wir ihre kulturelle Identität erneut und vergehen uns an den Kindern der Kinder unserer ehemaligen Opfern. Lernen aus der Geschichte, daß es Völker gibt außerhalb oder über die Grenzen hinweg, das scheint uns nicht möglich. Es sind keine Menschenmassen, um die es geht. Und deshalb bleiben Sie ohne Lobby.

Sichere Herkunftsländer mag es geben: Für Romas und Sintis gibt es Sie meines Erachtens nicht.

Sichere Herkunft?
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Ein Gedanke zu „Sichere Herkunft?

  • 5. Mai 2017 um 11:43
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    Eine vorurteilsfreie Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Eigentlich selbstverständlich. In der Realität ist von dieser theoretischen Selbstverständlichkeit nichts zu spüren. Wie Ihre eigenen Erfahrungen erschreckenderweise belegen, werden Sinti und Roma wie ein Spielball ihrer Herkunft und entgegen jedweder Menschenwürde behandelt. Die Toleranz gegenüber diesen Personen scheint nachwievor nicht überall gegeben, das Eingeständnis der eigenen Schwäche schlägt sich vielerorts in Vorurteilen nieder. Nach den Ergebnissen einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, kann sich ein Drittel der deutschen Bundesbürger keinen Sinti und Roma als Nachbarn vorstellen. Dabei ist ihnen die kulturelle Identität und Geschichte der Bevölkerungsgruppe vollkommen unbekannt. Formelle Herkunftsländer geben keinen Hinweis über die Sicherheit, sie hindern lediglich an einer von Angst befreiten Zukunft in unserem Land. Dabei spielt es keine Rolle, ob als Urheimat Indien zu nennen ist oder die Herkunftsländer Bulgarien oder Rumänien heißen. Das Wichtigste stellen Akzeptanz und Werschätzung in unserem Land, sowie das Gefühl uneingeschränkter Integration dar.

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