Clara Wehler, Studentin der Theologie an der Uni Bonn

Im Gegenteil, unsere Gesellschaft lebt von engagierten Menschen, die mit innovativen Ideen unser Zusammenleben revitalisieren und für die Zukunft rüsten.  Auch dass es in unseren Breitengraden überhaupt möglich ist, so frei und unabhängig über sein Leben zu entscheiden, muss immer wieder als hohes Gut anerkannt werden, für das lange Zeit gekämpft wurde.

Allerdings täuscht der Begriff ein wenig, denn er suggeriert eine Art Zustand des vollkommenen Glücks, wenn man erst einmal den Traumjob, die Traumwohnung, die Traumfrau/den Traummann ergattert hat. Auch dann geht das Leben weiter und es wird bestimmt nicht ohne Schwierigkeiten oder Sorgen bleiben. Darüber hinaus definieren viele den Begriff Selbstverwirklichung über den beruflichen Erfolg. Ehrgeiz in Maßen ist nichts falsches, aber bekanntlich ist Geld nicht alles, sodass es fraglich ist, dies als höchstes Ideal darzustellen. In diesem Zusammenhang wäre nämlich auch die Frage zu stellen, wie man Tätigkeiten wertschätzt, die nicht in der Topverdienerzone liegen und aber trotzdem gemacht werden müssen.

Aber vor allem, was ist mit den Menschen, die nicht in der Lage sind, das zu leisten, was andere können? Diese gehören genauso zu unserer Gesellschaft und werden durch dieses Ideal degradiert und an den Rand geschoben. Wo ist bei diesem Ideal noch Platz für Familie, Kinder und Freunde? Wenn sie gerade nett sind und keine Arbeit machen, dann ja. Aber wenn jemand Zeit benötigt, die vom Werdegang ablenkt, dann bitte nicht.

Menschlich gesehen, ein egoistisches Ideal, diese Selbstverwirklichung, wenn das zu erreichende Ziel nur auf sich selbst fixiert ist und so soziale Bindungen an z.B. fehlerhafte, kranke oder alte Menschen gar nicht mehr möglich ist. Der Begriff müsste vielmehr erweitert werden um eine Art Verwirklichung für bzw. mit Anderen, meinen Mitmenschen, denen ich helfend und unterstützend zur Seite stehe, denen ich durch meine Träume helfe, ihre eigenen zu verwirklichen. Selbstverwirklichung darf nicht bedeuten, in meiner eigenen Freiheit den anderen so einzuengen, dass dessen Freiheit nicht respektiert wird.

Selbstverwirklichung – oberstes Ideal unserer Gesellschaft?