Karoline Labitzke, Seelsorgerin im Uni-Klinikum München, Beauftragte für Seelsorge in der Palliativarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern


Grundsätzlich bin ich für Seelsorge und Spiritual Care, wobei ich beides nicht deckungsgleich verstehe, aber gerade in der Praxis auch viele Überschneidungen erfahre. Die Begegnung mit der gelebten Spiritualität als individueller Umgang mit  existentiellen /spirituellen Themen, Nöten, Fragen und Ressourcen ist für alle Beteiligten in der Situation von Krankheit und Sterben an der Tagesordnung. Vielfalt und Buntheit hat sich  darin innerhalb und außerhalb von Religion,  entwickelt.
Spiritual Care ist Teil einer ganzheitlichen Behandlung insbesondere der Hospiz- und Palliativversorgung, die die spirituellen Bedürfnisse berücksichtigen will. Sie ist Aufgabe des gesamten Behandlungsteams bzw. aller Begleitenden. Spiritual Care dient dabei dem Behandlungsziel Verbesserung der Lebensqualität sowie der subjektiven Patientenzufriedenheit. Seelsorge ist dagegen ganz allgemein aus dem christlichen Glauben motivierte Zuwendung, macht also etwas von der Zuwendung Gottes in ihrer Haltung erfahrbar. Die >Sorge um die Seele< ist Kernaufgabe und Kernkompetenz von Kirche. Die professionelle Seelsorge (der beiden großen Kirchen) ist  bestimmt durch Qualifikation/Ausbildung, einen (kirchlichen bzw. christlichen) Auftrag und die Verpflichtung zur Wahrung des Seelsorgegeheimnisses. Sie ist offen für alle Menschen, unabhängig von Glauben, Religion und Weltanschauung. Aufgrund der christlichen Verankerung (christl. Menschen- und Gottesbild/Freiheit) bringt Seelsorge eine eigene Haltung in die Begleitung ein. Sie ist letztlich nicht dem Behandlungsziel verpflichtet, weder ergebnis- noch problemlösungsorientiert, sondern entwickelt und ereignet sich situations- und personabhängig in der Begegnung – z.T. auch  systemkritisch, prophetisch-störend oder unterbrechend. Seelsorgende halten die Ambivalenz und Unbestimmtheit des Lebens aus und wach, geben dem Unfassbaren Raum und sind dafür ansprechbar, sie eröffnen nach Möglichkeit neue Räume und Zugänge. Eine Grundhaltung, die vom Anspruch her bedingungslos und absichtslos gilt und im besten Fall wohltuend und befreiend erlebt wird.
Es ist m.E. zu begrüßen, dass der Bereich der Spiritualität und Religion – nicht nur für Patienten, sondern auch für die Begleitenden und damit für die ganze Gesellschaft – durch Spiritual Care wieder neu in den Blick kommt und somit die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit dafür geschärft wird. Spiritualität und Religion gehören dadurch nicht mehr exklusiv in den Zuständigkeitsbereich der kirchlichen Seelsorge, sondern auch zur  Kompetenz der anderen Berufsgruppen. Das erfordert  Sensibilisierung und Kompetenzstärkung für diesen Bereich, sowie die Rückbesinnung und Reflexion der je eigenen Spiritualität. Für die Seelsorge ist dadurch vor allem die Klärung des eigenen Selbst-, Rollen- und Aufgabenverständnisses notwendig, gerade auch innerhalb eines multiprofessionellen Teams. Kirchliche Seelsorge hat m.E. eine besondere Kompetenz (z.B. pastoralpsychologische, hermeneutische, ethische und rituelle Kompetenz) für diesen Bereich, die sie auch einbringt:  -durch individuelle Begleitung bzw. die Organisation anderer spiritueller oder religiöser Begleiter-durch Präsenz im Team (Teambesprechung, Ansprechpartner für spirituelle /religiöse Dimension, Gestaltung von Ritualen/Gedenkfeiern) -durch strukturelle Einbindung und  Vernetzung / Kooperation -durch Sensibilisierung, Schulung/Aus- und Fortbildung, Lehre. Seelsorge liefert insofern mit ihrer Kompetenz und ihrer Haltung einen wichtigen Beitrag nicht nur in der individuellen Begleitung, sondern auch im Team, im Miteinander mit anderen Professionen im Gesundheitswesen, in der Weiterentwicklung von Spiritual Care durch Sensibilisierung und Reflexion. Das wirkt professionsverbindend und religionsverbindend in die Gesellschaft hinein und ist meines Erachtens auch künftig eine wichtige Aufgabe von Kirche in der Welt.

Seelsorge und Spiritual Care
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