Christian Heidl, Lehrveranstaltung Gerontologie und Projektmanagement

Die Menschen in Deutschland leben heute länger als die Generationen zuvor. Was vor allem auf die gute medizinische und pflegerische Versorgung zurückzuführen ist (BMG, 2016). Doch nicht nur die Lebenserwartung nimmt zu, sondern auch die Pflegebedürftigkeit steigt stetig bei älteren Menschen an, von aktuell ca. 2,6 Millionen Menschen auf ca. 4,7 Millionen im Jahr 2060 (BMG, 2016). Hierbei wird vor allem die Betreuung und Versorgung in Deutschland immer vielfältiger und komplexer, sodass intelligente Technik in der beruflichen Pflege, die als Pflege 4.0 tituliert wird, vermehrt Einzug hält.

Der Begriff „Pflege 4.0“ charakterisiert vor allem die Nutzung von intelligenten Technologien, wie Serviceroboter, Sensoren zur Verhaltensanalyse, Transpondersystemen und andere technische Assistenzsysteme, die in den stationären Versorgungssektoren wie Kliniken und Pflegeeinrichtungen (Tagespflege, Nachtpflege) sowie in den ambulanten Diensten der häuslichen Versorgung vermehrt Anwendung findet (BAuA) (2015).

In der Medizin beispielsweise, kommt seit Jahren bzw. Jahrzehnten Technik zum Einsatz und unterstützt den Arzt bei der Diagnostik und Behandlung von Krankheiten, wie bei Diagnoseverfahren mittels Computertomographien (CT) oder bei Operationen auf mikrochirurgischer Basis.

Mit dem Fokus auf die Pflege (4.0) und der Einbindung von intelligenter Technisierung stellen sich sowohl Chancen als auch Risiken ein. In ihrer Grundprofession setzt sich Pflege u. a. mit der Versorgung, Betreuung und Kommunikation von Menschen aller Altersgruppen auseinander und schließt dabei die Förderung von Gesundheit und die Verminderung von Krankheit ein (DBfK, 2016; ICN 2016).

Zu Recht werden ethische Diskussionen angestoßen, ob es nicht den Kerngedanken der Pflege verschiebt bzw. die zwischenmenschliche Zuwendung mindert, wenn stattdessen intelligente Techniken, bspw. Pflegeroboter bei demenzerkrankten Bewohnern in der stationären Einrichtung für Unterhaltung sorgen oder Fußmatten mit Sensoren ausgestattet sind, um Weglauftendenzen zu mindern.

Fortlaufend muss in diesem Zusammenhang beleuchtet werden, dass sich nicht nur der Workflow der Pflegeperson unter Verwendung von intelligenter Technik ändert, sondern auch die Prozessqualität. Der Einsatz von intelligenter Technik verlangt eine andere Herangehensweise sowie Einführung und Betreuung für den Patienten/Bewohner. Als zukünftiges Szenario wird im ambulanten Pflegedienst der Blutzucker des an Diabetes Mellitus erkrankten Patienten per Sensor gemessen. Die Daten werden im Anschluss direkt an den Pflegedienst bzw. Arzt gesendet. Der Besuch der Pflegekraft wird dann von drei Visiten auf eine Visite täglich reduziert. Ökonomisch und technisch scheint der Einsatz von intelligenter Technik eine Errungenschaft zu sein. Doch gesundet bzw. stellt sich nicht das Wohlbefinden bei Patienten/Bewohnern nicht auch durch den verbalen Kontakt und durch die persönliche Zuwendung bei der Blutzuckermessung ein? Spielt nicht die Interaktion bei älteren Menschen, die oftmals alleine leben, eine bedeutende Rolle?

Selbstverständlich muss auch in dieser Diskussion bedacht werden, dass die Initiierung von intelligenten Technologien nicht nur dem technischen Fortschritt und dem digitalen Zeitalter geschuldet ist, sondern auch eine Entlastung für den bereits bekannten und existierenden Pflegekräftemangel und dem Pflegesystem impliziert. Jedoch darf es nicht soweit kommen, dass intelligente Technik eine Pflegekraft „eins zu eins“ ersetzt, vielmehr sollte intelligente Technik die Pflegekraft assistiv unterstützen.

Zusammenfassend kann der Einsatz von Pflege 4.0 ein großer Nutzen sein. Eingesetzte intelligente Technik soll sowohl zu einer Förderung der Gesundheit und verbesserten Lebensqualität für den Patienten/Bewohner beitragen, als auch für eine Entlastung bzw. Unterstützung der Pflegekraft sorgen. Eine Kombination aus beiden Aspekten liegt in jedem Falle eine „beidseitige „win-win“ Situation zugrunde und kann als interessanter und spannender Impuls für die Zukunft betrachtet werden.

Literatur:

Pflege 4.0
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