Jens Wimmers, Lehrer und Forscher für Philosophie und Ethik, Bamberg

Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa, hat Andreas L. in einer Pressekonferenz für „100% flugtauglich – ohne jegliche Einschränkung“ erklärt. Später wurde bekannt, dass der vermeintliche Selbst- und Massenmörder seinen Arbeitgeber 2009 über eine abgeklungene Depression informiert hatte. 2013 wurde die Weiterleitung derartiger Krankheitsmeldungen an das Luftfahrtbundesamt Pflicht. Am 24.3.2015 brachte der Copilot in offensichtlicher Selbsttötungsabsicht sich und 149 weitere Menschen um. Der Verursacher der Katastrophe ist tot. Nun werden Verantwortliche gesucht, die man mit ihrer Schuld noch konfrontieren kann.

Nicht nur wegen dem oben genannten voreiligen Bekenntnis zur Flugtauglichkeit des Co-Piloten wird Carsten Spohr hart angegangen. In den Medien kursieren Rücktrittsforderungen. Carsten Spohr wird als Repräsentant des Unternehmens Lufthansa/Germanwings verantwortlich gemacht, obwohl das Unternehmen eigentlich ein kollektiver Akteur ist. Mit der Übernahme der Aufgabe/Rolle des Vorstandsvorsitzenden hat Carsten Spohr innerhalb des Unternehmens die Verantwortlichkeit für das Gesamtunternehmen übernommen. In dieser Rolle wird er nun angeklagt.

Der Lufthansa-Chef ist für die Strukturen seiner Firma zuständig. Diese Strukturen haben nicht verhindert, dass einem depressiven Selbstmörder das Leben von 149 Menschen anvertraut wurde. Für diesen tragischen Fehler, soll Spohr jetzt geradestehen. Als Verantwortlicher müsse er moralisch haften und von seinem Posten zurücktreten.

Aber was ist dran, an dieser Rücktrittsforderung aus moralischer Empörung?

Jeden Tag vertrauen wir uns anderen Menschen an. Im Verkehr, beim Arzt, beim Essengehen, in Kindergarten und Schule etc. Was, wenn diese Personen nicht vertrauenswürdig sind? Wenn sie sich nicht so verhalten, wie wir es von ihnen erwarten, könnte von ihnen Gefahr ausgehen.

Da wir nicht jedes Verhalten kontrollieren können, müssen wir mit der Unsicherheit leben.

Vertrauen und Verantwortung gehören zusammen. Wir geben den Menschen Vertrauen und fordern von ihnen Verantwortung. Verantwortung ist der Versuch, unsere Unsicherheit zu besänftigen. Wir wissen nicht, welche Handlungen vollzogen werden, welche Folgen, Neben- und Spätfolgen aus diesen Handlungen resultieren, an welche Regeln sich der Handelnde zu halten hat und ob es überhaupt welche gibt. Die Verunsicherung wird dadurch gesteigert, dass nicht einmal die verantwortliche Person dies alles weiß. Wir als Betroffene und der Verantwortliche als Handelnder müssen uns ganz auf seine Urteilskraft und Gewissenhaftigkeit verlassen. Trotzdem wollen wir den Anspruch nicht aufgeben, dass der Verantwortliche auch unter den Bedingungen der Unsicherheit und des Nichtwissens richtig handeln muss. Ohne zu wissen, was richtig ist, verlangen wir richtiges Handeln. Das ist paradox.

Moralische Forderungen sind nur da angebracht, wo eine Zurechnung der Handlung nach den Kriterien Freiwilligkeit, Absichtlichkeit und kausale Verursachung möglich ist. Den Flugzeugabsturz selbst hat Spohr weder gewollt, noch beabsichtigt, noch verursacht. Die Zurechnung bezieht sich auf die Aufgabe/ Rolle von Spohr. Als Verantwortlicher verpflichtet er sich zu Fürsorge für die Anvertrauten, Sensibilität für Gefährdungen und Anwendung seiner durch Erfahrung gewonnenen Fachkompetenz. Auf diese Verpflichtungen pochend, kann man einen moralischen Vorwurf erheben. Regeln und Vorsichtsmaßnahmen zur Flugsicherheit sind das, was wir von ihm erwarten können. Der Bezug auf die Rolle bzw. das Amt Spohrs ist der richtige Ansatz. Hier ist die Zuschreibung von Verantwortung möglich: In der Rolle/ dem Amt als Chef der Lufthansa gibt es Entscheidungsspielräume und unausgesprochene ethische Erwartungen. Dies ermöglicht ein plausibel begründetes moralisches Urteil.

Spohr wird auf den ersten Blick wegen der Absturzkatastrophe, bei genauerer Betrachtung wegen des Skandals, dass ein suizidwilliger Pilot eine Passagiermaschine alleine fliegt, angeklagt. Diese fatale Tatsache wird als Folge einer Handlung interpretiert, die in den Aufgabenbereich des Verantwortungsträgers fällt. Die Handlung, die den Missstand verursacht hat, wird auf eine Entscheidung des Rollen-/ Aufgabenträgers zurückgeführt und zum Gegenstand der Verantwortung gemacht. Gegenstand der Verantwortung ist dann aber das Unterlassen von Vorsichtsmaßnahmen – nicht der katastrophale Absturz der Maschine.

Darüber, inwieweit man von einem CEO erwarten muss, dass er Vorsichtsmaßnahmen in die Entscheidungsstrukturen des Flugunternehmens einbaut, muss diskutiert werden. Hier liegt eine mögliche moralische Verfehlung Spohrs vor. Wer aber sollte diese Diskussion führen? Vertreter von Bezugsgruppen, die mit der Rolle des CEOs der Lufthansa in Verbindung stehen sind gefragt: Passagiere, Piloten, Besatzung, Konkurrenzunternehmen, Vorstandskollegen, Luftfahrtbehörde etc… Personen, die Sachkenntnis haben, weil sie betroffen sind und die Rolle/ Aufgabe des CEOs eines Flugunternehmens einschätzen können – nicht der moralisierende Kurz-Statement-Journalismus in den digitalen Medien.

Ist der Rücktritt Spohrs nun moralisch erforderlich?

Der Begriff der „moralische Haftung“ ist problematisch, weil er Recht und Moral vermischt. Moralisch kann nur festgestellt werden, was richtig und was falsch ist. Das Recht begründet Sanktionen, nicht die Moral. Was aus einer moralischen Verfehlung folgt – wenn sie denn vorliegt-, ist keine Frage der Moral, sondern des Rechts. Die Konsequenzen sind also eine weitere, eine andere Frage….

Muss Lufthansachef Carsten Spohr aus moralischer Verantwortung zurücktreten?
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