Msg. Prof. Dr. Peter Schallenberg, Katholisch-Theologische Fakultät Paderborn und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach (KSZ)

Migration ist kein neues Phänomen. Schon immer haben Menschen  aus ökonomischen oder umweltbedingten, sozialen, kulturellen oder religiösen Gründen ihre Heimat verlassen. Dabei verlassen sie vieles zugleich: Nicht nur ihre materielle Lebensgrundlage, sondern auch ihr gewohntes kulturelles Umfeld, oft  auch ihre Familie. Schon ein kurzer Blick in die deutsche Geschichte reicht aus, um die vielfältigen Erfahrungen mit Migration zu verdeutlichen: von der Migration der „Siebenbürger Sachsen“ ins heutige Rumänien im Spätmittelalter über die Arbeits- und Hungermigration von Deutschen nach Übersee im 19. Jahrhundert sowie die Auswanderung zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur war Deutschland schon immer ein Land mit Auswanderung. Zugleich gab es jedoch auch schon immer Einwanderung,  von den Hugenotten, die aus religiösen Gründen nach Preußen flüchteten bis zu den Arbeitsemigranten aus Italien und der Türkei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Geschichte Deutschlands gab es also immer beides: Flüchtlinge im engeren Sinne, die wegen Verfolgung oder Gefahr für Leib und Leben im- bzw. emigrierten und Migranten, die aus wirtschaftlichen Überlegungen umsiedelten.

Dennoch sind stehen wir aktuell vor besonderen Herausforderungen: Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren so viele Menschen auf der Flucht wie 2014. Oft sind sie dabei großen Gefahren ausgesetzt, etwa wenn  sie auf dem Weg nach Europa das Mittelmeer in oft untauglichen Booten überqueren. Hier muss das Möglichste getan werden, um zu verhindern, dass Menschen durch unterlassene Hilfeleistung sterben.

Allerdings gilt es exakt  zu unterscheiden, welche Gruppen von Menschen zu uns kommen: Flüchtlinge verlassen ihr Land unfreiwillig, um ihr Leben zu schützen. In diesen Monaten verlassen vor diesem Hintergrund besonders viele Syrer ihre Heimat und versuchen, in Europa Schutz zu finden. Aber auch hunderttausende Christen aus dem Irak  oder 1,1 Millionen Somalier sollten hier erwähnt und berücksichtigt werden.

Eine weitere Gruppe bilden Migranten, die ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Zwar ist es ein völlig legitimer Grund, wegen besserer Verdienst- und damit Zukunftsaussichten für sich und seine Kinder in ein anderes Land zu ziehen, dennoch ist zu berücksichtigen, dass diese Personengruppe nicht akut an Leib und Leben bedroht ist. Dennoch ist auch Ihnen grundsätzlich die Einreise in ein anderes Land nicht zu verwehren (sowohl praktisch als auch moralisch).

Allerdings hat die Unterscheidung zwischen diesen beiden Gruppen Konsequenzen für den Umgang mit Ihnen: Während Hilfe für Flüchtlinge ein unmittelbares Gebot ist, für das es grundsätzlich aus moralischer Sicht  keine Begrenzung geben kann, kann die Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen durchaus reguliert werden. Dafür gibt es zwei Argumente: Zum einen ist es illusorisch, dass der deutsche oder europäische Arbeitsmarkt unkontrollierte Zuwanderung aufnehmen kann (obwohl wir wegen des demografischen Wandels Zuwanderung in den europäischen Arbeitsmarkt benötigen, um die Sozialversicherungssysteme in ihrer heutigen Form finanzieren zu können). Zum anderen schadet es auch den Ländern, aus denen Wirtschaftsflüchtlinge stammen, wenn dort die junge, arbeitsfähige und oft auch ausgebildete Bevölkerung ausreist. Dieses Argument ließe sich zwar auch gegen die Flüchtlinge im engeren Sinne anführen, wenn die Vermutung zutrifft, dass weite Teile der syrischen Mittelschicht zu uns fliehen; hier ist jedoch die Gefahr für Leib und Leben im Bürgerkriegsland Syrien, in Somalia, Afghanistan oder auch Eritrea ins Feld zu führen. Der Schutz von Leib und Leben hat hier Vorrang. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen im engeren Sinne ist jedoch darauf zu achten, dass die Zahl der ankommenden Flüchtlinge die einheimische Gesellschaft nicht überfordert. Damit meine ich nicht vorrangig die Unterbringung in winterfesten Quartieren, sondern vor allem die langfristige Integration der Flüchtlinge mit Bleibeperspektive. Die erste Versorgung der Flüchtlinge sollte ein leicht zu meisterndes Problem sein, wenn man sich vor Augen führt, dass andere, wesentlich ärmere Länder, wie etwa der Libanon, deutlich mehr Flüchtlinge aufnehmen und versorgen. Hier wäre freilich mehr internationale Unterstützung wünschenswert, nicht nur, aber auch, weil so die Zahl der Menschen, die nach Europa fliehen, reduziert werden könnte. Jedoch kann die moralische Pflicht des Beistands nicht allein aus pragmatischen Gründen relativiert werden, denn die Nächstenliebe ist ein Gebot, dass allein durch den Grundsatz „ultra posse nemo obligatur“ begrenzt wird. Und dieser Punkt, an dem  die Zahl der Flüchtlingen die Gesellschaft insgesamt überfordert, scheint mir noch nicht gekommen, trotz der schwierigen Lage in manchen Landstrichen und auch in den Flüchtlingsunterkünften. Hier ist europaweite Kooperation und Koordination notwendig.  Diese scheint schwierig, ist jedoch unabdingbar, um sicherzustellen, dass Flüchtlinge menschenwürdig untergebracht und versorgt werden können.

Bei der Aufnahme und Integration ist auch zu bedenken, dass man vermeiden muss, dass Sozialneid entsteht. Dieser droht, wenn die Flüchtlinge sehr viel mehr Unterstützung erhalten als bedürftige Inländer. Dies scheint die Herausforderung zu sein, die für die Integration der Ankommenden entscheidend ist. Für eine gelingende Integration ist die Teilhabe aller der notwendige Leitgedanke. Unterstützung für die Flüchtlinge darf folglich nicht dazu führen, dass die Unterstützung für bedürftige Inländer abgeschmolzen wird. Gefordert scheint hier auch eine dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen, um eine Potenzierung von sozialen Problemen und eine „Ghettobildung“ zu verhindern.

Insgesamt braucht es auch politische Regelungen, welche  den jeweiligen Bedürfnissen entsprechen. Um Sozialneid zu vermeiden, wäre auch Bildung notwendig, um die Ursachen und Zusammenhänge von Flucht und Migration zu erläutern. Anderseits muss es auch Bildungsangebote für Flüchtlinge und Migranten geben, die über Sprachkurse, die selbstverständlich essentiell sind, hinaus gehen, um den neu in unserem Land Lebenden die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe zu erleichtern.

Flucht und Migration erforderten schon immer Kompromissbereitschaft, sowohl von den Ankommenden als auch von der aufnehmenden Gesellschaft.  Die Menschenwürde aller Beteiligten sollte das Leitprinzip sein. Dies muss im konkreten Einzelfall dann ausbuchstabiert werden. Vor allem muss man auch Flüchtlinge als Individuen und nicht als große anonyme Masse wahrnehmen, um ihnen gerecht werden zu können und die Angst vor Ihnen zu reduzieren.

Migration
Markiert in:            

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.