Dr. phil. Dr. Theol. Giuseppe Franco, Akademischer Rat an der Theologischen Fakultät, der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Die Wirtschaftsethik befindet sich heute in einer günstigen Konjunkturphase. Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre, deren Auswirkungen noch spürbar sind, und dringende Probleme der Armut, der Arbeitslosigkeit, des Marktversagens und der sozialen Ungerechtigkeit sowie die Skandale und die Unehrlichkeit im Verhalten bei Einzelpersonen und Unternehmen, aber auch die Umweltproblematik haben das Interesse an der Wirtschaftsethik gesteigert. Die Aufmerksamkeit bei dieser Frage gilt auch für öffentliche Diskussionen und publizistische Veröffentlichungen. Wirtschaftsethik ist zu einem Zauberwort geworden, das nicht nur die akademische Reflexion, sondern auch das menschlichen Leben betrifft, denn es handelt sich dabei nicht nur um theoretische Fragen oder Themen von allgemeiner Aktualität, sondern auch um Probleme, die von großer existentieller, gesellschaftlicher und rechtlicher Bedeutung sind.

Die oben genannten Phänomene geben selbstverständlich Anlass, die ethische Diskussion über die wirtschaftlichen Prozesse in die Unternehmensführung hinein zu tragen. Die Behandlung und die Lösung dieser Probleme ist eine der vordringlichsten Aufgaben der ethischen Reflexion, die die Wirtschaftswissenschaft berücksichtigen muss. Dennoch wäre es zu einfach, die Rolle der Ethik in der Wirtschaft lediglich darin zu sehen, eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Die Wirtschaftsethik setzt sich tatsächlich auch mit positiven Aspekten des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Ethik auseinander. Sie berücksichtigt die moralischen Argumente, die die Marktwirtschaft und ihre Gesetze und Prinzipien unterstützen, wie z. B. das Wettbewerbsprinzip, die freie Preisbildung, die Währungsstabilität, das Eigentum usw.

Die Relevanz der Wirtschaftsethik besteht nicht nur darin, zu zeigen, wie moralische Normen in der Marktwirtschaft zur Geltung gebracht werden können, sondern die auch einen orientierenden Beitrag leisten kann bei der Gestaltung adäquater, menschenwürdiger Institutionen sowie bei der Formulierung und Durchsetzung sozial- und individualethischer Normen und Regel. Die gegenwärtige ethische Reflexion kann sich nicht darauf beschränken, lediglich neue Lehrstühle und Forschungsinstitute einzurichten, sondern sie muss innerhalb der einzelnen Wissenschaften bzw. der wirtschaftswissenschaftlichen Fächer praktiziert werden. Sie braucht außerdem eine fundierte philosophische und epistemologische Basis für ihre theoretische Verortung.

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu behaupten, dass die heutige Wirtschaftskrise auch eine Krise des ökonomischen Denkens ist, die eine ihrer Wurzeln in den Räumen der ökonomischen Fakultäten hat. Mit Wilhelm Röpke, einem der Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft, ausgedrückt, haben wir es mit einer Richtungslosigkeit des wirtschaftlichen Denkens zu tun. Sein immer noch aktueller Einwand zum  Wirtschafts- und Modelldenken besteht darin, dass man es verlernt, prinzipiell zu denken und die Zusammenhänge mit anderen, über die Wirtschaft hinausgehende Probleme verliert.

Die Verwendung mathematischer und statistischer Methoden und Modelle in der Wirtschaftsanalyse ist heute eine zwar unerlässliche und notwendige, aber auch unzureichende Verfahrensweise. Es  besteht immer das Risiko der Idealisierung und des sogenannten „Modell-Platonismus“ (Hans Albert). Dabei geht es um einen Denkstil, bei dem die ökonomischen Aussagen und Modelle durch bestimmte Strategien immunisiert werden, um sie vor dem möglichen Scheitern an der Erfahrung zu bewahren. Darüber hinaus wird die empirische Überprüfung von Modellaussagen für überflüssig gehalten oder vernachlässigt und man hat nur die mathematisch-logische Kohärenz der Aussagen im Blick. Deshalb ist die empirische Überprüfung der Annahmen eines ökonomischen Modells notwendig, um zu vermeiden, dass z. B. in der heutigen experimentellen Ökonomik Laborexperimente als Selbstzweck verabsolutiert werden und nicht mehr als Instrument zur Erklärung der Wirklichkeit dienen. In einer wissenschaftstheoretischen Diskussion über ein Modell sollte es nicht nur um logische Konsistenz, sondern auch um Realitätsbezug, Informationsgehalt und die Annäherung an die Wahrheit gehen.

Die Aufgabe der Ökonomen sollte auch darin bestehen, in einem umfassenderen Dialog mit anderen Disziplinen zu treten. Dazu ist es erforderlich, dass die Wirtschaftswissenschaft ihren möglichen Beitrag, aber auch die Grenzen ihrer eigenen Disziplin erkennt und ihren Horizont erweitert. Deshalb sollen auch folgende Aspekte in Forschung thematisiert und in der Lehre einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät angeboten werden: die Beschäftigung der Wirtschaft mit wissenschaftstheoretischen und philosophischen Themen, die dogmengeschichtliche Betrachtung der Ökonomie, die ethische Reflexion, die Auseinandersetzung mit der christlichen Sozialethik und dem christlichen Menschenbild.

Ziel einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sollte nicht sein, „Homines Oeconomici“ auszubilden. Sie hat nicht nur die Aufgabe, Rechen- und Tabellenwissenschaft zu betreiben, sondern auch unseren Studierenden bewusst zu machen, dass die Theorie über der Praxis und das Denken über dem Rechnungswesen steht und insgesamt zu zeigen, dass die Auseinandersetzung mit solchen Themen ein Beitrag zur ganzheitlichen Bildung kritischer Studierender ist, damit diese über den Tellerrand ihres Faches schauen können.

Man kann einen berühmten Satz von Immanuel Kant umformulieren, um das Spannungsverhältnis zwischen Ethik und Wirtschaft oder besser zwischen Philosophie und Ökonomie zu bewerten: Ethik ohne Wirtschaft ist leer, Wirtschaft ohne Ethik ist blind!

Mehr Philosophie und Ethik in der Wirtschaft
Markiert in: