Sophie Zintl, Studentin Schulpsychologie in Eichstätt

Berlin-Gropiusstadt, Dortmund-Neustadt, München-Neuperlach und Kaiserslautern-Kalkofen – das alles sind sogenannte „soziale Brennpunkte“, die es heute in fast allen deutschen Großstädten gibt. Ein eigener Mikrokosmos mitten in unserer Gesellschaft, geprägt von Frust, Armut und Perspektivlosigkeit.

Sozialwissenschaftlich werden diese benachteiligten Wohnquartiere definiert als „Wohngebiete, in denen Faktoren, die die Lebensbedingungen ihrer Bewohner und insbesondere die Entwicklungschancen beziehungsweise Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen negativ bestimmen, gehäuft auftreten«[1]

Doch was bedeutet diese Definition konkret für die Bewohner und ist es möglich, dass in unserem hoch entwickelten Sozialstaat Menschen unter derart menschenunwürdigen Zuständen leben?

Was ein Leben in solchen Bezirken nun auf dem Papier bedeutet, kann man in den Statistiken sehen. In diesen Wohngegenden liegt sowohl die Arbeitslosenquote als auch die Anzahl der Sozialhilfeempfänger und Kinder, die in Armut leben, deutlich über dem Durchschnitt. Damit einhergehend ist auch die Lebenszufriedenheit nicht sehr hoch. Kinder und Jugendliche, die dort geboren werden, haben es aufgrund ihres Wohnorts und ihrer familiären Situation wesentlich schwerer, einen höheren Schulabschluss zu erreichen und die damit verbundene Chance, den Lebensbedingungen in den sozialen Brennpunkten zu entkommen. Sind sie damit für immer in einer Sackgasse gefangen, aus der es kein Entrinnen gibt? Nennt sich das dann soziale Gerechtigkeit?

In den Medien kann man immer wieder hören, dass die Schere zwischen Arm und Reich fortwährend auseinander bewegt. Wer einmal arm ist, bleibt dies auch. Das merkt man wohl kaum an einer anderen Stelle mehr, als in diesen sozialen Brennpunkten. Doch was wird von Seiten des Staates dagegen unternommen?

Fundierte Konzepte sind nicht erkennbar. Vieles kommt als Stückwerk daher. Die Bundesregierung schreibt in ihrem aktuellen Jahresbericht für das Jahr 2013/14 lapidar darüber, dass es bei der Sozialhilfe und Grundsicherung eine Erhöhung des Regelsatzes um acht Euro gibt. Doch was bringt diese geringe Erhöhung nach dem Gießkannen-Prinzip, wenn das Kernproblem doch ganz woanders liegt? Vielleicht sollte dieses Geld lieber konzentriert in Bildung und Programme zur Wiederaufnahme von Arbeitsstellen investiert werden und somit eine längerfristige Hilfe gegeben werden. Dem Menschen also Hilfe zur Selbsthilfe bieten, sodass er aus sich selbst heraus wieder die Kraft findet, aus dieser Spirale ohne Perspektive auszubrechen.

Genau an diesem Punkt gilt es anzusetzen. Ich halte es für richtig, nicht den moralischen Zeigefinger gegen die Bewohner zu erheben, sondern sie zu bekräftigen, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben und Ihnen Wege aus der Armut heraus zu zeigen. Als Christen ist es unsere Pflicht, ein allgemeines Bewusstsein für diese Armut und Not zu entwickeln. Schon Lorenz Werthmann (1858-1921) – Priester und Begründer des deutschen Caritasverbandes – sah dies als eine der zentralen Aufgaben gegen Elend und Armut, die auch während seiner Zeit in Großstädten vorherrschte. Wir sollten uns auch freimachen von den Vorurteilen, dass diese Menschen nur zu faul wären oder Arbeit finden würden, wenn sie sich genug anstrengen. Manche sind aufgrund von Schicksalsschlägen ganz unverschuldet in diese scheinbar ausweglose Situation gerutscht. Sie können sich nun oftmals ohne äußeren Anstoß nicht mehr daraus befreien.

In unserer privilegierten und immer schneller werdenden Gesellschaften sollten wir die Gebote der Nächstenliebe und der fürsorglichen Mitmenschlichkeit nicht vergessen. Nur wenn wir auch einmal recht und links von uns schauen, können wir die Probleme direkt neben uns erkennen und nach Lösungen suchen.

Lost in Kalkofen – Die ewigen Verlierer
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3 Gedanken zu „Lost in Kalkofen – Die ewigen Verlierer

  • 21. Juni 2015 um 13:53
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    Ich stimme Frau Sophie Zintl zu dass es wichtig ist die Augen vor Problemen zu verschließen.
    …In eine so fortschrittliche Gesellschaft wie unsere, sollten die Gebote der Nächstenliebe und der fürsorglichen Mitmenschlichkeit nicht auf die Strecke bleiben. Den sozialen Fortschritt sollte in gleichermaßen wie den technologischen Fortschritt verlaufen.
    In Anlehnung an eine afrikanische Geschichte sollten Pausen eingelegt werden, „damit die Seele nachkommen kann“. So ist es auch wichtig ab und an uns der Zeit zu nehmen um die aktuellen gesellschaftlichen Geschehnisse zu reflektieren und die Probleme direkt neben uns erkennen und nach Lösungen suchen.

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  • 22. Juni 2015 um 11:50
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    Ich stimme ebenfalls dem Kommentar von Sophie zu. Wir sollen den Fokus lenken auf die Menschen, die in heutiger Zeit zunehmend Unterstützung brauchen. Sozial schwache Familien haben dazu nicht den Mut und die Kraft gegen die „stärkeren“ in unserer Gesellschaft anzukämpfen. Sie haben vergessen zu kämpfen und den Mut verloren. Wir als Christen sollen gegen diese Ungerechtigkeit vorgehen und zusammen vorgehen. Nur so haben wir die Chance gegen eine Veränderung herbeizuführen

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  • 15. Juli 2015 um 18:16
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    Natürlich ist es wenig hilfreich wenn man eine Problematik nur symptomatisch behandelt, aber deren Ursache nicht erkennt und beendet. Wenn nur die Nachrichtenmeldungen aus Radio und Fernsehen berücksichtigt werden, könnte man diese Vorgehensweise als typisch für die deutsche Politik erklären.

    Aber was genau ist/sind denn die Ursache/n für diese sog. „sozialen Brennpunkte“? Eine treibende Kraft ist sicher die Ungleichheit der Gehälter, aber sie kann nicht der alleinige Grund dafür sein. Zudem ist unwahrscheinlich, dass sich dort nur zufälligerweise all jene versammelt haben, die in ihrem Leben einen Schicksalsschlag erleiden mussten und danach keinen Weg mehr zurück in die Gesellschaft finden konnten.

    Einer der ausschlaggebenden Gründe könnte es sein, dass solche „sozialen Brennpunkte“ durch den Staat überhaupt erst möglich gemacht werden. Jene die in Deutschland nicht arbeiten (können), bekommen trotzdem genug Geld um nicht auf der Straße liegen und Hunger leiden zu müssen. Ebenso ist ihnen eine medizinische Versorgung gewährleistet. Welchen Anreiz hat denn dann Jemand, der sich an ein genügsames Leben gewöhnt hat, wieder arbeiten gehen zu wollen?

    Geht man von der These aus, dass ein „sozialer Brennpunkt“ ein rein durch die Politik verursachtes Problem ist verwundert mich die Tatsache, dass nach wie vor viele Menschen mehr Christlichkeit fordern. Die erfolgreichste Partei in Deutschland ist doch die „Christliche demokratische Union“ unter deren Leitung diese Schwierigkeiten erst aufgetreten sind. Vielmehr sollte mehr Menschlichkeit gefordert werden. In der Politik und auch außerhalb davon.

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