Fiona Irlinger, Ethikkurs Gymnasium Weilheim

Manchmal frage ich mich warum die Menschen ganz unterschiedliche Geschmäcker haben. Warum mag meine Schwester zum Beispiel die Farbe rosa nicht so gerne und ich kaufe mir schon gerne mal ein rosa T-Shirt. Das liegt wohl daran, dass jedes Individuum seine Gegenwart vor dem Hintergrund seiner Vorerfahrungen interpretiert. Das heißt also, dass ein Mensch, der einmal eine positive Erfahrung mit einer bestimmten Sache gemacht hat, eher ein gutes Gefühl gegenüber diesem Ding empfindet. Genauso ist es auch andersherum bei einer Sache, die einen negativen Impuls bei uns auslöst, mit der wir dann im Vorhinein wohl einmal ein schlechtes oder komisches Erlebnis gemacht haben. Wir assoziieren alle Dinge, mit denen wir in Berührung kommen, immer mit guten oder schlechten Erlebnissen, ja nachdem wie wir sie erlebt haben.

Ich zum Beispiel stehe Hunden gegenüber sehr offen da, weil ich noch nie in  meinem Leben ein schlechtes Ereignis erleben musste und ich noch nie ein Problem mit einem Hund hatte. Ich habe allerdings auch Freude, die panische Angst vor Hunden haben und immer mit einem großen Bogen an ihnen vorbeigehen, da sie in ihrer Kindheit oder insgesamt einmal eine schlechte Erfahrung gemacht haben. Sie wurden also beispielsweise einmal von einem freilaufenden Hund angebellt oder bedroht und haben nun Angst, dass alle Hunde so ein Verhalten ihnen gegenüber äußern. Das kommt daher, da sich der Mensch die eine Vorerfahrung, entweder positiv oder negativ, merkt und sie nun auf gleiche oder ähnliche Ereignisse anwendet. „Wir sind in unserem Netz, wir spinnen, und was wir auch fangen, wir können gar nichts fangen als, was sich eben in unserem Netz fangen lässt. Dieses Zitat von Friedrich Nietzsche (1844-1900) zeigt, dass auch er sich schon mit der Anschauung des Konstruktivismus beschäftigt hat und der Meinung war, dass eben jeder Mensch nicht die wirkliche Beschaffenheit der Dinge erkennt, sondern immer nur eben das, was er mit seinen Sinnen aufnimmt und vor dem Hintergrund der Vorerfahrung interpretiert. Der Mensch konstruiert sich also seine Wirklichkeit immer nur subjektiv. Zur besseren Anschauung dieser Philosophie gibt es eine kleine Anekdote. Die Anekdote handelt von einem Fisch und einem Frosch, die gut miteinander befreundet sind. Der Frosch macht einen Spaziergang an Land und trifft bei der Rückkehr auf den Fisch, der im See zurückgeblieben ist. Der Frosch erzählt seinem Freund nun von dem Ausflug und berichtet ihm von einer Kuh, die er dort gesehen hat. Der Fisch der noch nie in seinem Leben eine Kuh gesehen hat, da er ja im Wasser lebt, weiß nicht, was der Frosch meint. So beschreibt der Frosch ihm also, wie die Kuh aussieht. Das Aussehen macht er aber nur an den auffälligsten Merkmalen der Kuh fest und erklärt dem Fisch also nur, dass die Kuh Flecken, ein Euter und Hörner hat. Der Fischader ja nur ständig andere Fische um sich herum sieht, stellt sich nun also, da er ja noch nie eine Kuh gesehen hat, einen Fisch mit Flecken einem Euter und Hörnern vor. Dies passiert nur, da der Frosch ihm die Kuh nicht ausreichend beschreibt und sich der Fisch die Kuh vor dem Hintergrund seiner Vorerfahrungen vorstellt (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=J4-Wk3aCcY8 ). Auch aus dieser Geschichte kann man sich jetzt also fragen, ob nicht jeder Mensch alles anderes sehen müsste, da ja jeder andere Vorerfahrungen macht.

Wenn man nur wirklich nach dieser Philosophie leben würde und seine Umwelt nur noch durch die Augen eines Konstruktivisten sehen würde, dann könnte man sich vorstellen, dass viele Menschen, für die es sehr schwer ist andere Meinungen zu verstehen und zu akzeptieren leichter mit unterschiedlichen Ansichten ihrer Mitmenschen umgehen können. Der Konstruktivismus ist jedes Mal und im Alltag jedes Menschen zu finden, der mit unterschiedlichen Meinungen und Ansichten anderer konfrontiert wird, oder etwa nicht? Beim genaueren Nachdenken wird wohl nun jedem klar, dass es ab und zu sinnvoll ist, wenn man mit einer bestimmten Aussage eines anderen nicht übereinstimmt oder gar überhaupt nicht tolerieren kann, was dieser vertritt, an den Konstruktivismus zu denken und sich wieder klarzumachen, dass es verschiedene Menschen gibt und verschiedene Arten, wie diese ihre ersten Eindrücke mit bestimmten Dingen gemacht haben. So kann man letztendlich auch mehr Toleranz zwischen sich und seine Mitmenschen schaffen. Somit kann man also abschließend sagen, dass der Konstruktivismus eine sehr sinnvolle und Akzeptanz fördernde Philosophie ist, wie auch Fernando Pessoa (1888-1935) schon früh entdeckt hat, was sich durch sein Zitat „Was wir sehen ist nicht 1 was wir sehen, sondern was wir sind“ belegen lässt.

Konstruktivismus
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