Christine Maria Hendriks Chemikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der RWTH Aachen

Morgens, kurz vor acht: dichter Verkehr, der Bus überfüllt und verspätet. Die geistige Anwesenheit irgendwo zwischen Bett und Büro. An der nächsten Haltestelle öffnen sich die Türen. Zügig steigen Leute aus und noch mehr steigen ein. Dann plötzlich Rufe. Eine junge Frau im Rollstuhl möchte den Bus verlassen, aber es gibt ein Problem. Vor dem Einstieg steht ein Laternenpfahl, sodass sich die Rampe nicht ausklappen lässt. Zwei Leute drängeln sich zum Busfahrer durch, um ihn zu bitten ein Stück vorzufahren. Andere schauen genervt auf die Uhr und fürchten, zu spät zu kommen.

Inklusion bedeutet Zugehörigkeit und ist ein Menschenrecht. Alle Menschen sollen in vollem Umfang an der Gesellschaft teilhaben. Theoretisch gut, aber im Alltag oft eine echte Herausforderung, nicht nur aufgrund von Hindernissen wie hohen Ausstiegen, Treppen und fehlenden Aufzügen für Gehbehinderte.

Wäre ich zum Busfahrer gegangen oder hätte ich insgeheim gehofft, dass er weiter fährt, damit ich meinen Termin nicht verpasse? – In unserer Gesellschaft gibt es zu wenig Toleranz für Menschen, die den allgemeinen Anforderungen an Tempo und Leistung körperlich oder geistig nicht gewachsen sind. Schon in der Schule gilt das Motto „Leistung ist Arbeit pro Zeit“ und Noten ergeben sich über den Vergleich der Leistungen, die ein am grünen Tisch festgelegtes Lernziel anstreben. Dieses System lässt nur wenig Raum für unterschiedliche Auffassungsgeschwindigkeiten und Arbeitsweisen. Deshalb ist ein Umdenken nötig, wenn Schüler mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen oder Erwachsene zusammenarbeiten.

Meistens werden Menschen in den Bereichen gefördert, wo sie Defizite haben, damit sie das vorgegebene Niveau irgendwie doch noch erreichen. Um Inklusion zu ermöglichen, muss der Blick von den Schwachstellen auf die individuellen Stärken gelenkt werden. Nur so lassen sich die Begabungen entdecken und wertschätzen, die in der Natur eines Jeden liegen. Was wir sehen, ist die spastisch gelähmte Frau im Rollstuhl, derentwegen sich der Bus noch mehr verspätet. Was zählt, ist sie als Mensch. Vielleicht liegt auch auf ihrem Schreibtisch ein großer Stapel mit Arbeit oder sie verpasst einen wichtigen Termin.

Nur durch Inklusion können Alle an unserer Gesellschaft teilhaben, mit und ohne Behinderung unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Lebenseinstellung. Alle Menschen sind nicht gleich, aber gleichberechtigt. Und eine Gesellschaft profitiert nur dann von der Verschiedenheit ihrer Mitglieder, wenn sie eine uneingeschränkte Daseins­berechtigung und Chancengleichheit garantiert.

Jeder ist es wert, dass der Busfahrer zwei Meter weiter erneut anhält, wenn er sonst nicht aussteigen kann. Schließlich sitzen wir alle in einem Bus.

Inklusion – Alle Menschen sind nicht gleich
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