Elmar Theveßen, Stellvertretender Chefredakteur ZDF

17 Menschen sind tot, ermordet im Namen eines Gottes. Und schon stellen einige wieder die Frage, ob die Täter wirklich Islamisten waren oder vielleicht doch Muslime, weil der Islam, wie behauptet wird, so viel mit diesem Terror zu tun hat. Aber dies ist nur die Suche nach der einfachsten Antwort, weil die richtige viel komplexer und anstrengender ist.

Die Täter von Paris wollten ihre Menschenverachtung rechtfertigen mit einem angeblich hehren Kampf gegen die Ungerechtigkeit. In Interviews mit französischen Medien bezeichnen sie ihre Taten als Rache, nicht nur für den Propheten sondern auch für die Opfer des syrischen Assad-Regimes und der westlichen Interventionen in Irak und Afghanistan. Die Terroristen fühlten sich als Opfer – einer Gesellschaft, in der sie gescheitert waren. Verlierer, die ihr fehlendes Selbstwertgefühl mit ausgelebten Machtfantasien kompensieren und ihre Taten mit einem Koran rechtfertigen, den sie selbst kaum gelesen, geschweige denn verstanden haben.

Fast alle ausgeführten, vereitelten und gescheiterten Terrorakte seit dem 11. September 2001 weisen diese Parallelen auf – in Madrid, London, Stockholm, Toulouse, Brüssel, Frankfurt, Heathrow, Berlin, Bonn, Köln und anderswo. Im April 2004 nannte der britische Geheimdienst MI5 in einer vertraulichen Studie vor allem zwei Gründe für den sogenannten „hausgemachten Terrorismus“. Zum einen, so heißt es in dem Dokument, „erfahren Muslime erhebliche Nachteile im wirtschaftlichen Leben, im Bildungsbereich und bei den Härten des Alltags”. Gerade Zuwanderer der dritten Generation seien zunehmend frustriert über soziale und wirtschaftliche Benachteiligung, schlechte Bildungschancen und Wohnverhältnisse.

Dazu komme, so die Studie, eine massive Desillusionierung aufgrund der „Wahrnehmung einer Doppelmoral in der Außenpolitik Großbritanniens, in der Demokratie gepredigt, aber Unterdrückung der Muslime praktiziert oder toleriert wird, z.B. Palästina, Irak, Afghanistan, Kaschmir“. Es sind die gleichen beiden Hauptmotive, die in den Vorstädten von Madrid, Brüssel und London, den Banlieues von Paris und den sozialen Brennpunkten in Berlin-Wedding, Duisburg-Marxloh und Frankfurt-Dietzenbach den fruchtbaren Boden für extremistisches Gedankengut bilden, das im ersten Schritt noch nichts mit dem Islam zu tun hat.

Die Ursachen des Terrors liegen also in sozialen und politischen Fragen, nicht in der Religion. Da hilft auch der Koran nicht wirklich weiter. Im Originaltext heißt es zwar in der 2. Sure, Vers 191-192: „Tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, von wo sie euch vertrieben haben. (…)

Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie. (…) Wenn sie aber aufhören, so ist Allah allverzeihend, barmherzig.“ Aber diese Etablierung des sogenannten Dschihad erlaubt nur die Selbstverteidigung gegen direkte kriegerische Angriffe. Sie ist im historischen Kontext ihrer Entstehung zu sehen, in einer Zeit, als der Prophet Mohammed und seine Gefährten im Jahr 622 nach Medina geflohen waren und sich gegen die Angriffe ihrer Verfolger wehrten.

Erst durch die Fußnote unter dem Originaltext, verfasst von einem Islamgelehrten des 13. Jahrhundert, wird der Dschihad zu einem Werkzeug zur Rechtfertigung des Terrorismus der Gegenwart. Dort heißt es: „Wenn der Dschihad aufgegeben wird, dann wird der Islam zerstört, werden Muslime unterworfen. Sie verlieren ihre Ehre, ihr Land und ihre Macht.“ Mit dieser Formulierung lässt sich kurzerhand alles zum angeblichen Angriff erklären, gegen den man sich dann mit Gewalt – wir nennen es Terror – wehren dürfe. Es ist eine extreme Auslegung des Korans, die das Original verzerrt und entstellt. Wer ihr folgt, ist eigentlich kein Muslim mehr. Wir nennen diese Menschen Islamisten, weil sie den Islam für politische Zwecke missbrauchen. In Wahrheit sind sie Gottlose, wie jeder Mensch, der andere Menschen im Namen eines Gottes – mag er Allah, Jahwe oder Gott heißen – tötet.

Die so etwas tun, wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit und haben die verschlüsselte Botschaft in Leben und Tod Jesu nicht entdeckt, wie sie in der Bibel, Markus 15,37 beschrieben ist: „Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und verschied. Da zerriss der Vorhang des Tempels in zwei Teile, von oben bis unten. Als aber der Hauptmann, der ihm gegenüber dabeistand, ihn so verscheiden sah, sprach er: „Dieser Mensch war in Wahrheit Gottes Sohn.“

Ausgerechnet den Mörder Jesu durchfährt die richtige und schreckliche Erkenntnis: Er hat Gott selbst getötet. Gott stirbt mit den Opfern von Willkür und Gewalt. Menschen töten Gott, wo sie sich anmaßen zu entscheiden, wer in Freiheit leben darf, wer diskriminiert und unterdrückt wird, wer leidet und wer stirbt. Wo Menschen die Menschenwürde mit Füßen treten, sich über das Recht erheben, Folter für rechtens erklären und sich selbst für das Maß der Dinge halten. Dabei ist der Maßstab in Wirklichkeit der Stamm des Kreuzes, an dem Gott gestorben ist, nicht in erster Linie als Sühne für die Sünde aller, sondern vor allem, damit wir erkennen, um was es hier eigentlich geht.

In unserem Privatleben oder im Beruf, in unserem Umfeld, in der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik oder gar im Weltmachtstreben berufen wir Menschen uns zu oft auf eine absolute Wahrheit und verursachen damit Streit, Ungerechtigkeit, Konflikte, Krisen und Kriege. Genau damit töten wir Gott, das sollten wir erkennen, wie damals der Hauptmann unter dem Kreuz.

Der Theologe Rainer Bucher hat dies einmal ausführlich beschrieben und folgenden Schluss gezogen: „Wo Gott zur Waffe wird in der Hand der Gläubigen, wo er gewusst wird und geheimnislos, wo er Menschenopfer fordert, ist es nicht der Gott des Jesus von Nazareth, sondern ein Macht-Götze des Menschen – und sei es in der Kirche selbst.“

Die Mörder von Paris waren keine Muslime, wir nennen sie Islamisten, aber in Wirklichkeit sind sie Feinde Gottes, Jahwes und Allahs.

Gewalt im Name Gottes
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2 Gedanken zu „Gewalt im Name Gottes

  • 10. März 2015 um 20:39
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    Sehr geehrter Herr Theveßen,

    Sie sitzen leider der gängigen Mär über den Islam auf, der friedlich, bescheiden, voll Gottesfurcht und Gnade sei.

    Nehmen wir einmal an – und lassen die vielen Argumente beiseite, die den historischen Muhammad in Frage stellen -, dass also Muhammad im 6./7. Jh. der christlichen Zeitrechnung gelebt habe, und inspizieren kurz seine Biographie, die Ihnen gewiss geläufig ist. Nach seinem Erweckungserlebnis in der Wüste und mehr oder minder friedlichen Jahren in Mekka erfolgt die Auswanderung nach Medina. Kennzeichnend ist, dass Muhammads zweites – oder wahres, das muss noch diskutiert werden – Gesicht sich dann zeigt, als er und seine Anhänger sich in der Majorität der Kräfteverhältnisse befinden. Ab dort hinterlässt eine breite Blutspur, einen roten Fluss des Grauens, dem Krieger, Alte, Frauen, Kinder und zwei jüdische Stämme zum Opfer fallen, in grausigen Gemetzeln, an denen sich der „Prophet“ selbst aktiv beteiligt.

    Seine Nachfolger, die sich ebenfalls alles andere als grün sind und sich gegenseitig nach dem Leben trachten, entzweien sich, so dass der Islam sich sehr bald in die Schi’ah und die Sunna spaltet. Dieser Zwist hält die Anführer der neuen Religion aber nicht davon ab, ihren Glauben stante pede mit Feuer und Schwert in atemberaubender Geschwindigkeit über Nordafrika und Persien auszugießen.

    Sie versuchen nun, Muhammad vom Q’ran zu trennen. Das mag historisch aus verschiedenen Gründen möglich sein, bringt sie aber doppelt in die Bredouille: Dann ist der Q’ran nicht vom Analphabeten Muhammad aufgeschrieben worden, weil er später, sozusagen sekundär entstanden ist; oder Muhammad, der Prophet des Islam, hat nicht so existiert, wie die spät zu datierenden Hadithe es suggerieren. In beiden Fällen rütteln Sie an unumstößlichen Wahrheiten des Islam.

    Wen Sie auch noch den Islam der christlichen Lehre gegenüberstellen, dann sollten Sie wenigsten zur Kenntnis genommen haben, dass religionsgeschichtlich der Islam wohl eine vereinfachte Abart christlicher Sektiererei auf der arabischen Halbinsel darstellt, die sich aus Halbwissen über jüdisch-christiche Glaubensinhalte speist.

    Der Islam ist, wenn man die Überzeugung der Muslime Ernst nimmt, nicht diversifizierbar, seine Wesenselemente Q’ran und Hadithe lassen sich nicht auseinander dividieren. Damit aber ist Gewalt, auch die körperliche, dem Islam immanent. Und das mach ihn inkompatibel zu unseren „abendländischen“, jüdisch-christlich, humanistischen und aufgeklärten Vorstellungen von Staat und Gesellschaft.

    Hochachrtungsvoll
    MCh

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  • 27. Mai 2015 um 13:45
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    Es ist unbestreitbar, dass der sogenannte Islamische Staat in seinem tun wieder seiner namensgebenden Religion handelt.
    Meiner Meinung nach ist es legitim dieses Verhalten aus einer neutralen Sichtweise zu verurteilen. Es allerdings aus christlicher Sicht zu verurteilen erscheint mir zweifelhaft (Auch dann wenn zischen diesen beiden Blickwinkeln ein Konsens herrscht). Grund dafür ist, das auch die Christen, tausend Jahre nach ihrer Etablierung, schlimme Kriege im Namen ihres Gottes geführt haben. Auch in diesen Kriegen ging es mehr um Wirtschaft, Politik und Macht, als um Religion. Die selben Fehler/Verbrechen, die unter christlichen Flaggen begangen wurden, werden heute eben unter der schwarzen Flagge mit dem weißen Kreis begangen.
    Ohne Religion gäbe es nicht zwangsläufig weniger Gewalt auf der Welt, aber immerhin gäbe es dafür eine Rechtfertigung weniger. Politik und Glaube sollten stets getrennt werden.

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