Theresia Theuke
Greenville SC (USA)/ Mutter und Promotionsstudentin

Eigentlich wollte ich über ein ganz anderes Thema schreiben, über die Abtreibungszahlen in Deutschland oder die Abschaffung von Halbtagskindergartenplätzen in städtischen Kindergärten in Wiesbaden. Doch unser erst wenige Wochen zurückliegender Umzug in die Vereinigten Staaten führte mich zu diesem Thema: „Gefangen in Vorurteilen.“

Die Planung unseres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten konzentrierte sich vornehmlich auf organisatorische Dinge, so dass wir ziemlich unwissend in unserer Stadt in den Südstaaten ankamen. Was wir jedoch im Gepäck hatten, war eine ganze Reihe von Vorurteilen, Warnungen und Ratschlägen, die uns unsere Landsleute mit auf den Weg gegeben hatten. Ebenso wussten wir, informiert durch die deutsche Presse, was Amerika für ein Land sei.

Freunde warnten uns nicht nur vor Killerwespen und Feuerameisen, sondern auch vor der Oberflächlichkeit der Amerikaner und ihrer geheuchelten Freundlichkeit. Wir sollten uns in Acht nehmen vor amerikanischen Autos („Alles nur Schrott!“) und Papphäusern.

Die Politik der Amerikaner sei heimtückisch, kriegslustig und man solle sich ausmalen, was passieren würde, wenn der Schreihals Donald Trump an die Macht käme. Sogar die Spielkameraden unserer Kinder wussten, dass in Amerika Krieg das vorherrschende Thema sei. Hier besäßen alle Waffen und alle würden ihre Grundstücksgrenzen mit der Waffe verteidigen. Weiter ging es über Rassismus, ein wirklich ganz gravierendes Problem insbesondere in den Südstaaten, wo wir uns ja niederlassen würden. Gewalt bis zum Tode gegen Schwarze sei dort keine Seltenheit. Ach, und nicht zu vergessen, die Amerikaner seien wirklich dick und ihre Ernährung einfach grauenhaft. Und, ohne in Vorkasse zu gehen, käme man nicht weit, weder beim Arzt noch bei kleineren Dienstleistungen. Ebenso sollten wir uns vor dem amerikanischen Schulsystem in Acht nehmen. Lernen würde man dort so gut wie nichts.

Das hier sind nur Ausschnitte aus Gesprächen, die wir vor unserer Ausreise führten. Wir waren dementsprechend eher skeptisch als wir hier einreisten. Ein Gutes hatte der eher negative Blick auf Amerika und seine Landsleute: Wir wurden ausschließlich positiv überrascht. In unserem Garten gab es keine Feuerameisen, dafür liebliche knallrote Vögel. Unsere Nachbarn begrüßten uns mit offenen Armen und halfen uns fortan bei allen wichtigen Dingen. In unserem vorherigen Wohnsitz haben wir in vier Jahren selten so viel Hilfsbereitschaft erfahren wie hier in ein paar Wochen. Unser Auto, ein Chrysler, tut seine Dienste ebenso gut wie unser VW-Bus in Deutschland. Und, ja, unser Haus ist aus Pappe, dafür aber können wir uns als sechsköpfige Familie hier den Platz leisten, den wir in Deutschland immer brauchten und nie hatten.

Und Amerikas Politik? Können wir Deutschen Politik besser? Darüber mag ich mir kein abschließendes Urteil bilden. Auf jeden Fall haben wir hier noch keine Waffen, wohl aber ein paar Kriegsinvaliden gesehen. Schwarze und Weiße leben hier friedlich nebeneinander, auch wenn es offensichtlich ein soziales Gefälle zwischen beiden gibt. Die Menschen sind hier in der Regel schlank bis kräftig, keinesfalls ist die überwiegende Mehrzahl fettleibig. Die amerikanischen Vorschulkinder lernen bereits schreiben, rechnen und lesen. Und der Kammerjäger, der Ungeziefer aus unserem Garten entfernt hat, hat ohne Vorauskasse seine Arbeit erledigt.

Diese Zeilen sollen zum Nachdenken anregen. Es geht darum, zu hinterfragen, wie wir über unsere Zeitgenossen denken. Sind wir selbst wirklich so tolerant, wie wir glauben zu sein? Worauf begründen wir unsere Urteile? Dürfen wir unser Bild von anderen Völker vom Hörensagen ableiten? Wer prägt eigentlich das Bild, das wir Deutschen von Amerika (oder anderen Staaten) haben? Wollen wir überhaupt näher hinschauen und uns auf das Fremde, Ungewohnte, Andere einlassen? Oder machen simple Vorurteile und Stereotypen das Leben am Ende nicht doch vermeintlich leichter?

Wir sind auf jeden Fall froh, hier zu sein, Deutschland aus der Ferne und Amerika aus der Nähe zu betrachten. Urteile benötigen Perspektivwechsel.

Gefangen in Vorurteilen
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