Annalena Schriever, Studentin der RWTH Aachen

Darwin’s Evolutionstheorie basiert u.a. auf der Annahme, dass Lebewesen um begrenzten Lebensraum und knappe Ressourcen konkurrieren.[1] Im Kontext dieses evolutiven Wettbewerbs war ein Zusammenleben von z.B. Ameisen oder Menschen in Gruppen sowie selbstloses Verhalten von Individuen zugunsten anderer Individuen lange Zeit nicht erklärbar. Soziobiologische Autoren haben kürzlich Erklärungsmodelle dieser Phänomene präsentiert.[2] Ruse und Wilson, zum Beispiel, führen das Konzept der Gruppenselektion an. Einzelne handeln demnach selbstlos gegenüber anderen, weil die Gemeinschaft, in der selbstlos gehandelt wird, gegenüber weiteren Ansammlungen von Individuen, in denen keine Kooperation stattfindet, evolutive Vorteile hat. Aufmerksamkeit erregt haben vor allem die Schlussfolgerung der Autoren, dass ihre Studien theologische Überlegungen zum Thema Ethik hinfällig machten:

„Morality, or more strictly, our belief in morality, is merely an adaptation put in place to further our reproductive ends. Hence the basis of ethics does not lie in God’s will.”[3]

Ist diese Infragestellung der christlichen Ethik, die die moralischen Systeme des Abendlands in den letzten zweitausend Jahren maßgeblich geprägt hat, gerechtfertigt, d.h. machen die soziobiologischen Aussagen christliche Auffassungen von Ethik hinfällig? Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir die Grundlagen der Naturwissenschaft näher beleuchten. Die wissenschaftliche Methode basiert auf empirischen, den Sinnen zugänglichen Daten. Sie ist reduktionistisch in dem Sinne, dass sie Systeme erklärt, indem sie diese in ihre kleinsten Einheiten aufbricht.[4] So wird z.B. das menschliche Bewusstsein anhand der Aktivität der Neuronen beschrieben. Durch die strikte Ausübung dieser Methodik können die Naturwissenschaften empirische Darstellungen der Wirklichkeit liefern, aber keine metaphysischen Aussagen jenseits der empirischen Dimension. Selbst wenn die evolutionstheoretischen Ansätze selbstloses Verhalten auf empirischer Ebene umfassend

erklären könnten, würde dies einer Einordnung des Verhaltens in einen größeren Sinnzusammenhang nicht widersprechen, z.B. in den christlichen Deutungshorizont, dass ethisches Handeln seinen Ursprung in Gott hat. Christliche Konzepte von Ethik werden meiner Meinung nach durch evolutionstheoretische Modelle um die empirische Dimension bereichert, als metaphysischer Standpunkt jedoch keinesfalls abgelöst.

Bei der Diskussion von Ruses und Wilsons Schlussfolgerung zur Hinfälligkeit theologischer Konzepte ist große Vorsicht geboten. Mit der Behauptung, dass der Ursprung von Ethik nicht in Gottes Willen liegen könne, fügen Ruse und Wilson ihren empirischen Aussagen eine metaphysische Komponente hinzu, die dem „ontologischen Reduktionismus“ zuzuordnen ist. Diese Auffassung, dass die Wirklichkeit so beschaffen ist, dass sie vollständig von der Naturwissenschaft erfasst werden kann, kann nicht das Ergebnis empirischer Untersuchungen sein, sondern stellt einen metaphysischen Zusatz zu den naturwissenschaftlichen Überlegungen dar. Ontologische Reduktionisten profitieren oft (gewollt oder ungewollt) davon, dass ihre metaphysischen Überlegungen fälschlicherweise der Wissenschaft zugeschrieben werden und dadurch größere Glaubwürdigkeit erlangen.[5] Wird diese Verwirrung gezielt genutzt, handelt es sich um Wissenschaftsmissbrauch, der weder der Naturwissenschaft noch dem Dialog zwischen den Disziplinen zuträglich sein kann.

[1] Vgl. C. Darwin: The Origin of Species, London 2011.

[2] Vgl. R.D. Alexander: The Biology of Moral Systems, Chicago 1987; W.D. Hamilton: “The Genetical Evolution of Social Behavior I”, in: The Journal of Theoretical Biology 1964, 7, S. 1-16; E. Sober und D.S. Wilson: Unto Others: The Evolution and Psychology of Unselfish Behavior, London 1998; R.L. Trivers: “The Evolution of Reciprocal Altruism”, in: The Quarterly Review of Biology 1971, 46, S. 35-39.

[3] M. Ruse und E.O. Wilson: “The Evolution of Ethics”, in: New Scientist 1985, 108, S. 50-52.
Ähnliche Gedanken finden sich z.B. auch in R. Dawkins: The Selfish Gene, Oxford 1976, S. 1.

[4] Vgl. A. Plantinga: Where the Conflict Really Lies: Science, Religion and Naturalism, New York 2011, S. 168 und 268.

[5] Vgl. R.D. Alexander: Creation or Evolution: Do We Have to Choose? Oxford 2008, S. 174-75; T. Nagel: Mind and Cosmos: Why the Materialist New-Darwinian Conception of Nature is Almost Certainly False. New York 2012, S. 7; A. Plantinga: Where The Conflict Really Lies: Science, Religion, and Naturalism, New York 2011, S. 169; R. Sheldrake: The Science Delusion, London 2012, S. 7-8.

Evolution als Ablösung Christlicher Ethik?
Markiert in: